Unterwegs an einem Insta-Hotspot im Alpstein mit dem Ranger – das sind die Auswirkungen
Der Alpstein, das war einst ruhige Alpenidylle. Man kann die da immer noch haben. Aber man muss mittlerweile wissen, wo und wann. Denn spätestens im Jahr 2015 wurde der Aescher – und mit ihm die Region – weltbekannt. «National Geographic» setzte das Berggasthaus an spektakulärer Lage aufs Titelbild und Stars wie Ashton Kutcher oder Roger Federer teilten ihre Bilder von dort mit ihren Millionen Followern.
Im letzten Jahrzehnt eilten viele Touristen zum Ort und teilten ihre Eindrücke ebenfalls. Der Aescher, der Seealpsee und die Saxerlücke sind mittlerweile touristische Hotspots mit Gästen aus aller Welt geworden. Nicht alle davon kennen – oder halten – sich an die Regeln. Um dies zu ändern, werden seit dieser Saison Ranger eingesetzt. Sie sollen die Gäste auf Augenhöhe sensibilisieren.
Dabei sind viele Besucher kein Phänomen, das nur den sozialen Medien geschuldet ist. «Spitzentage sind überhaupt nichts Neues. Es gab sie schon in den 1970er-Jahren in einer Regelmässigkeit», sagt Ruedi Zürcher, Präsident des Bergwirtevereins Alpstein, «allerdings beschränkte es sich damals auf die Sonntage.»
Heute wird der grosse Parkplatz bei der Talstation der Ebenalpbahn in Wasserauen – Ausgangspunkt für den Aescher und Seealpsee – an allen Tagen mehr genutzt. Die riesige Wiese, die zum Parkieren auch zur Verfügung steht, wird teilweise auch an Wochentagen benötigt.
Ein grosser Parkplatz ist natürlich nicht die Lösung, um die Touristenströme in den Griff zu bekommen. Es gibt mittlerweile auch sehr gute Park&Ride-Möglichkeiten in Gossau SG (am Wochenende kostenloses Parkieren), die Zugverbindung nach Wasserauen ist auch gut. Und es wird an anderen Konzepten gearbeitet, um die Gästeströme zu lenken.
Viele Besucher sind das eine, die Verhaltensweisen der Gäste ein anderes Thema. Nicht alle sind für einen Tag in den Bergen sensibilisiert. So sind seit dieser Saison in einem dreijährigen Pilotprojekt Ranger im Alpstein-Gebiet unterwegs. Meist an den Wochenenden, teilweise unter der Woche und am Abend. 14 sind es insgesamt. Diese Ranger haben keine Auswirkung auf die Anzahl Gäste, sondern sollen helfen, die Verhaltensweisen – vor allem an den Hotspots – zu beeinflussen. Wir haben Daniel Staubli, einen von ihnen, zum Seealpsee begleitet.
Was ist Staublis Motivation? «Ich bin sehr viel in der Region unterwegs und kann so etwas Gutes tun.» Er selbst lebt bei Wil SG, eine rund 40-minütige Autofahrt entfernt. Müssten die Ranger nicht Einheimische sein? «In unserem Team sind rund die Hälfte Einheimische, die andere Hälfte wie ich aus der erweiterten Region. Ich glaube, manchmal verstehe ich vielleicht die Gäste etwas besser, weil ich selbst im Flachland lebe.»
Die Ranger haben keine Befugnisse, um Bussen zu verteilen oder von Gesetzes wegen einzugreifen, wie dies Polizisten könnten. Sie sehen sich denn auch nicht als «klassische Ordnungshüter», sondern begegnen den Touristen auf Augenhöhe und weisen auf Missstände hin, ohne von oben herab Befehle zu erteilen. «Wenn du es als Tipp verkaufst, wirkt das oft besser als ein Befehl», findet Staubli mit der Erfahrung seiner ersten Einsätze. «Die Leute haben bisher immer befolgt, was ich sagte.»
Aber warum braucht es denn überhaupt Ranger? Ist es nicht eh klar, dass Abfälle nicht fortgeschmissen werden, man in den Bergen keine laute Musik hört und Kühe nicht streichelt oder füttert? «Ich habe keine abschliessende Antwort, warum Gäste hier beispielsweise ihren Müll liegen lassen», sagt Staubli und fährt fort, «im Unterland werfen sie ihn ja teilweise auch aus dem Auto, das überträgt sich.» Ein gesellschaftliches Problem also.
Es sei vielleicht auch so, dass von der jungen Generation einige das Wandern neu entdeckten und nicht früher immer mit den Eltern mit «mussten». «Meine Eltern zeigten mir von Anfang an: Was du auf den Berg nimmst, nimmst du auch wieder heim. Da gab es keine Diskussion», erinnert sich Staubli. «Es fehlen teilweise die Vorbilder. Wenn jemand diese nicht hatte, bin ich hier, um zu sensibilisieren.»
Meist sei nicht unbedingt böse Absicht dahinter. In anderen Kulturen sind die Abfallentsorgung und Möglichkeiten der Abfallsammlung auch nicht so ausgeprägt, wie bei uns. Und ja, es ist definitiv eine sehr internationale Gästeschaft, die wir an diesem schönen Samstag rund um den Seealpsee antreffen.
«Fötzelen» sei aber definitiv nicht seine Aufgabe. Das könne auch kontraproduktiv wirken. «Wenn die Leute sehen, dass da eh einer aufräumt, lassen sie noch mehr liegen», weiss Staubli. Er habe natürlich einen Abfallsack und Gummihandschuhe dabei, nehme aber nur das Gröbste auf und meist unauffällig.
Übrigens: Rund um den See, in Berggasthäusern, wichtigen Wegkreuzungen, Bahnhöfen und an Zugangspunkten zum Alpstein können die Touristen seit dieser Saison auch selbst kleine Abfallsäcke mitnehmen und dann im Tal unten entsorgen. «Die Säckli sind sehr beliebt. Aber vielleicht auch, weil sie wirklich schön sind und eher als Souvenir dienen oder für nasse Badehosen, statt als Abfallsäcke.» Allerdings gab es auch schon erste Rückmeldungen, dass es allgemein sauberer geworden sei und weniger Abfall herumliege.
Dass das mit dem Abfall wieder ins Tal Tragen nicht überall gut klappt, sagt auch die Wirtin der kleinen Alpwirtschaft hinter dem See. Das erleben wir während unseres rund 30-minütigem Aufenthalt auf der Terrasse selbst. Immer wieder kommen Gäste und wollen hier Abfall oder Hundekot-Säckli abgeben, worauf die Wirtin endlos erklären muss, dass dies nicht gehe.
Apropos Hunde. Um den Seealpsee herrscht – wie im ganzen Alpstein während der Alpzeit – Leinenpflicht. Es kommt trotzdem immer wieder vor, dass Hunde frei herumlaufen. Die Herrchen und Frauchen befolgen dann die Aufforderung mit viel Einsicht, wenn der Ranger sie darauf anspricht.
Aber es ist jetzt kaum so, dass sie es nicht gewusst hätten. Deutliche Hinweisschilder gibt es praktisch entlang jedes Zuganges.
Hinweisschilder sind sowieso ein Mittel, um den Gästen die Regeln klarzumachen. Zugegeben, fallen sie mir auch nicht immer direkt auf. Oder nicht direkt unten beim Bahnhof/Parkplatz. Aber unterwegs befinden sie sich an Wegweisern und im Alpgasthaus liegen die Infos auch mehrsprachig auf.
Die Ausrede von «ich habe das nicht gewusst», ist also in den seltensten Fällen plausibel. Auch wenn Staubli selbst sagt: «Teilweise müssten die Informationen vielleicht noch einfacher zugänglich und sichtbar sein.»
Ein grosses Thema in der Region sind auch Wildcamper. Im Kanton Appenzell Innerrhoden ist campieren beispielsweise grundsätzlich ausserhalb von Zeltplätzen verboten. Trotzdem treffen die Ranger praktisch während jeder Schicht Wildcamper an. Sie schicken sie dann zu einer Alp in der Nähe, wo sie gegen eine Gebühr (not-)übernachten können.
«Im Mai traf ich auch eine Gruppe. Es war eiskalt und hatte noch Schnee. Ich habe ihnen dann gesagt: Geht doch ins Rheintal, da ist's auch jetzt schön und angenehm. Sie befolgten meinen Rat», sagt Staubli. Pro Schicht, die rund einen Tag dauert, hat Staubli 10 bis 20 Begegnungen, bei welchen er Leute anspricht.
Es kommt schon immer wieder vor, dass er eigentlich nur den Kopf schütteln kann über die Vorstellungen oder Vorbereitungen von einigen Besuchern. «Ich erlebe immer wieder Gäste aus Deutschland oder Polen, die irgendwo die Bilder sahen und eigentlich die Nacht durchfahren und nur für dieses Foto anreisen», erzählt er. Die Gäste seien ganz klar internationaler geworden. Auch wenn das nicht heisst, dass nur diese sich nicht an die Regeln halten.
Wie nachhaltig in solchen Fällen die Tipps dann sind, ist schwieriger zu beurteilen, weil diese Leute eh nie mehr kommen werden. Denn wenn früher die sportliche Betätigung beim Wandern im Mittelpunkt stand, ist es heute für einige nur noch das Foto schiessen und erzählen können: Ich war da.
Allerdings sind schweizweit und im ganzen Alpenraum mittlerweile zahlreiche Ranger im Einsatz. Und vielleicht nutzt einer der Tipps bei den Fotojägern bei einem nächsten Besuch in einer anderen Region.
Wie sehr sich die Arbeit von ihm und seinen Ranger-Kollegen lohnt, wird nach der ersten Saison ausführlich besprochen. Einige sagen, es sei eh ein Tropfen auf den heissen Stein, andere glauben an die positive Wirkung. Während wir an diesem Samstag einige Male um den See spazieren, fällt schon auf, dass einige Leute den Ranger erkennen. Er ist zwar in offizieller Kleidung, aber jetzt nicht mit einer Leuchtweste oder sonst sehr auffällig gekleidet unterwegs. Das soll auch so sein.
Würde Staubli eigentlich auch privat an einem schönen Samstag hierhinkommen? Er lächelt nur und sagt, dass er genügend Wege im Alpstein kenne, die auch am Samstag deutlich ruhiger sind.
Er kann auch die Einheimischen verstehen, die über «zu viele» Touristen klagen. «Wenn man das hier von früher kennt und weiss, wie es war – dann klar. Heute hat es an den bekannten Hotspots sicherlich mehr Touristen.»
Aber hat er Verständnis,dafür dass «alle» den Seealpsee mal live sehen wollen? «Ich find es schön, wenn die Menschen in die Natur gehen. Da bin ich sehr tolerant und finde, alle haben das Recht, das zu sehen. Aber es gibt einige Regeln, die eingehalten werden müssen.»
Unsere Wege trennen sich am Nachmittag. Staubli geht noch zur Meglisalp hoch. Da gäbe es noch einen Ort, an welchem gerne Wildcamper übernachten. Jetzt gegen den Abend sind die langsam unterwegs. Ausserdem hat ihm jemand gesagt, dass ein Zelt liegengelassen wurde.
Auf dem Rückweg zum Parkplatz kommen mir am Nachmittag noch viele Besucher das steile Strässchen hinauf entgegen. Einige von ihnen mit Zelten. Staubli und den Rangern wird die Arbeit nicht ausgehen.
Später schickt er mir ein Bild des liegengelassenen Zeltes. Wanderer hätten es bereits zur Meglisalp gebracht. Grosse Zwischenfälle gab es heute sonst nicht.
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