Der Fluch und Segen des weltbekannten Schweizer Gratwegs
Kürzlich traf Simona Barmettler, Geschäftsführerin von Stoos-Muotatal Tourismus, einen Gast aus den USA. Er habe nur wenige Tage in der Schweiz und sich dafür drei Ziele vorgenommen: Zürich, das Jungfraujoch und den Gratwanderweg Stoos. Barmettler freute sich natürlich. War aber auch überrascht. Der Stoos als eines der absoluten «Must-Go-Ziele» in der Schweiz.
Von einem Touristen auf alle schliessen, geht natürlich nicht. Aber die kleine Episode zeigt schon auf, dass der Gratweg Stoos durchaus weltweit sehr bekannt ist.
Das spiegelt sich an einem schönen Dienstag im September auch unterwegs mit Barmettler zwischen Klingenstock und Fronalpstock. Es hat viele Schweizer Rentner, aber oft hört man auch Hochdeutsch, Englisch und Französisch. Das sind vielleicht teilweise Expats, vermutlich aber Touristen.
Und ja, wir sind definitiv nicht die einzigen auf dem rund zweieinhalbstündigen Wanderweg, obwohl früh unterwegs. Es sind nicht unangenehm viele Leute, es hätte Platz auf den verschiedenen Bänkli und Rastplätzen, anstehen müssen wir nirgends. «Klar kann es vor allem an schönen Wochenendtagen wirklich viele Wanderer haben», sagt Barmettler, «aber das beschränkt sich meist auf einzelne Wochenenden.» Ich selbst war während der Sommerferien 2026 auch da – mit deutlich mehr Besuchern. Normalerweise meide ich Hotspots an Spitzentagen.
Tourismus auf dem Fronalpstock gibt es schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Auch der Gratweg wurde schon lange vor dem Hype angelegt. Drei Dinge änderten sich aber seit der Jahrtausendwende: Seit 2006 wird der Weg ausgebaut, seit Dezember 2017 fährt die steilste Standseilbahn der Welt auf den Stoos und seit 2019 bietet Instagram Reels an, die sich international schnell verbreiten können.
Gepaart mit der wirklich absolut traumhaften Aussicht auf dem Gratweg, der guten Erreichbarkeit und immer mehr Jungen, die das Wandern entdecken, entwickelten sich die Besucherzahlen aufwärts. Alleine die neue Stoosbahn liess die Gästezahl im ersten Jahr ungefähr verdoppeln.
Dass diese Gäste immer mehr auch im Sommer kommen, ist für ein Gebiet wie den Stoos wichtig. An der Generalversammlung der Stoosbahnen AG im Juli 2025 wurde das Projekt «Masterplan 2040+» vorgestellt. Vereinfacht wird damit durch den grösser werdenden Schneemangel ein Ganzjahreskonzept ausgearbeitet.
Hilfreich ist dabei auch Stoos Muotatal Tourismus, die Organisation wurde 2016 kurz vor der neuen Bahn gegründet. Man wollte alles professioneller machen. Aber Marketing gehört nicht zu den Aufgaben. «Das machen wir nicht. Weder in der Schweiz, noch mit internationalen Influencern», sagt Barmettler. «Unsere Aufgabe sind Investitionen in die Infrastruktur.»
Herumliegender Abfall sei beispielsweise nicht ein grosses Problem auf dem Gratweg. Da fällt uns auch heute wenig auf. In der Wildschutz-Infohütte riecht es nach Urin. Wäre ein WC unterwegs eine Option? Dann stellt sich die Folgefrage: Löst ein WC die Probleme oder zieht man damit nur noch mehr Leute an, weil der Wanderweg noch «komfortabler» wird?
Auch der Verein Gratwanderweg trägt dazu bei, dass die Wanderung komfortabler wird. 2006 begannen Freiwillige den Gratwanderweg im Frondienst auszubauen und sicherer zu machen. Noch heute sind die meist pensionierten Männer des Vereins Gratwanderweg an vielen Tagen im Jahr gratis im Einsatz. Wir treffen mit Töni einen von ihnen nach dem Schattenplangg.
Er bessert gerade die Treppen aus. Rund 1000 Treppenstufen bewältigt man heute, wo früher einfach ein Bergweg war. «Der Weg würde sonst immer wieder ausgewaschen und wäre kaum mehr begehbar», sagt Töni. Rund 25-mal war er in dieser Saison schon hier oben. Es macht ihm Freude und er möchte der Region etwas zurückgeben. «Schön ist, wie sich sehr viele Leute bedanken für unsere Arbeit.»
Es kam aber auch schon vor, dass so viele Leute unterwegs waren, dass die Männer aufhörten zu arbeiten, weil es schlicht zu viel «Verkehr» hatte. Auch heute sagt eine Frau überrascht und auch bewundernd: «Dass Sie hier bei dieser Völkerwanderung arbeiten können.»
Wobei, wie gesagt: Nach einer Völkerwanderung fühlt es sich heute nicht an. Aber das ist wohl auch bisschen das Problem: Ab wann es ein Besucher als «zu viel» empfindet, ist sehr unterschiedlich. Und wenn es an einem Tag zu viele Leute hat, dann spricht man schnell von Overtourism oder Massentourismus. Auch wenn es viele andere Tage gibt. Oder man versucht die Gäste zu verteilen. «Das Känzeli oder die Alp Tröligen sind da zwei Möglichkeiten, die deutlich weniger besucht sind», weiss Barmettler.
Töni stören die Wanderer nicht. Trotzdem sei er am liebsten bei Nebel hier oben am Arbeiten. «Ich mag die Stimmung dann. Und die Aussicht kenne ich ja», sagt er lachend.
Wann ist es zu viel und wie erreicht man die Gäste am besten? Es sind Fragen, die sich der Tourismusverband auch stellt. Man sei an verschiedenen Massnahmen dran. Einmal im Jahr kommen Tourismus, Vertreter der Bahnen und die Älpler zusammen und besprechen verschiedene Themen: «Da werden Probleme angesprochen und Lösungen gesucht. Wir sind nicht immer einer Meinung.»
Klar ist aber für alle: Ohne Tourismus geht es nicht. Und es ist eigentlich ein grosses Glück, dass die Region eine so schöne Wanderung bietet. Es sind auch keine zusätzlichen Attraktionen wie irgendwelche Glasbodenwege oder spezielle Aussichtsplattformen geplant. Die Leute kommen sowieso. Das ist ein Segen. Der Fluch sind teilweise zu viele Touristen. Für Barmettler ist klar: «Verbieten ist nicht der Weg. Das wäre auch nicht umsetzbar. Wir müssen sensibilisieren, reden, aufklären.»
Ein kleiner Teil davon sind Schilder am Weg und Infos auf dem Sessellift. Es sind Hinweise, die eigentlich logisch sind: auf den Wegen bleiben, Abstand zu Kühen halten, Hunde an die Leine nehmen, Privatsphären respektieren, Abfälle wieder mitnehmen, nicht campieren.
Wer unbedingt auf dem Fronalpstock zelten will, kann im Gasthaus ein Zelt mieten und auf einem kleinen, abgesperrten Bereich übernachten. Zwei Zelte stehen bei unserem Besuch da.
Aber auch auf dem Stoos zeigt sich das Abbild der Gesellschaft. Die allermeisten Gäste verhalten sich richtig, einige wenige scheren aus.
Es dürfte eine nie endende Arbeit bleiben. Für Barmettler steht bei all den Fragen etwas im Zentrum: «Die Einheimischen sind wichtig. Wir wollen hier nicht nur einen Erlebnisraum für Gäste bieten und immer noch mehr Besucher, sondern auch einen Lebensraum für Einwohner. Denn wenn die nicht glücklich sind, wird es schwierig.»
