Vor einem Jahr liess die Interessengemeinschaft ÖV Schweiz (IGöV) an ihrer Hauptversammlung eine Bombe platzen: Sie veröffentlichte erste Entwürfe des Bundesamts für Verkehr (BAV) für das Fahrplanangebot nach der Vollendung des aktuell laufenden Bahnausbaus. Damit wird frühestens ab Mitte der 2030er-Jahre gerechnet. Die Pläne belegten, dass es mit dem sogenannten Angebotskonzept 2035 (AK 35) auf vielen Strecken zu längeren Fahrzeiten und weniger Direktverbindungen kommt. Die IGöV sprach von der «grössten Fahrplanverschlechterung aller Zeiten».
Seither hat das BAV die Pläne noch einmal überarbeitet und kürzlich erste Resultate dieser «Konsolidierung» vorgestellt. Zwar müssen Reisende auf vielen Strecken mit längeren Fahrzeiten rechnen, dafür werden auf vielen Verbindungen neue Viertelstundentakte eingeführt. Bei der IGöV lösen die Pläne keine Begeisterungsstürme aus. Sie zeigt sich in einer Mitteilung, die sie im Rahmen der diesjährigen Hauptversammlung vom Samstag verschickt, aber «erfreut, dass gegenüber dem Stand vor einem Jahr erste Verbesserungen erzielt wurden».
In mehreren Regionen blieben jedoch Verschlechterungen für die Kundinnen und Kunden bestehen, etwa Anschlussbrüche und längere Fahrzeiten, heisst es in der Mitteilung, die CH Media vorliegt. Die Gemeinschaft stört sich auch an der Intransparenz. Das BAV hält den detaillierten Stand der aktuellen Planungsgrundlagen - etwa die sogenannten Netzgrafiken - nämlich unter Verschluss. Das müsse sich ändern, fordert die IGöV.
Zudem ärgert sie sich über konkrete Vorhaben, die sich mit dem AK 35 abzeichnen. «Besonders unverständlich» sei, dass das BAV die Fernverkehrszüge nach Österreich neu über St.Gallen statt wie heute über Sargans fahren lassen möchte. Das führt zu einer um 30 Minuten längeren Reisezeit aus der Schweiz etwa nach Wien. Die IGöV erwartet eine «rasche Korrektur» dieser Pläne, heisst es in der Mitteilung.
Kein Verständnis hat sie auch dafür, dass die verlängerten Fahrzeiten in der Westschweiz auch im AK 35 beibehalten sollen. Diese werden ab nächstem Jahr mit der Begründung eines stabileren Betriebs etwa zwischen Bern und Genf oder Biel und Genf eingeführt. In der aktuellen Fassung müsse die Konsolidierung des BAV in der Westschweiz deshalb abgelehnt werden. Im internationalen Verkehr erwartet die Gruppe «rasche Verbesserungen», insbesondere zwischen Zürich und München und für die Anbindung der Westschweiz an Lyon.
Um diese Ziele zu erreichen, hat IGöV-Präsidentin und Grünen-Nationalrätin Florence Brenzikofer diese Woche zwei Motionen eingereicht. Darin fordert sie den Bundesrat auf, sich bei den deutschen Behörden für einen Ausbau des Angebots auf der Strecke Zürich-München einzusetzen. Auf dieser sind derzeit im Zweistundentakt Eurocity-Züge unterwegs. Die SBB und der Bund möchten einen Stundentakt einführen, dafür wären aber Ausbauten auf dem oft noch einspurigen Teil der Verbindung in Deutschland nötig.
Lyon wiederum sei ein entscheidender Knotenpunkt, welcher der Schweiz Zugang zum europäischen Hochgeschwindigkeitsnetz verschaffe und somit konkurrenzfähige Bahnverbindungen etwa nach Barcelona ermögliche, heisst es in der zweiten Motion. Es brauche eine Anbindung der Westschweiz an diesen wichtigen Bahnhof.
Der Forderung einer Gruppe um Ex-SBB-Chef Benedikt Weibel, Ex-Südostbahn-Chef Guido Schoch und Planungsfachmann Philipp Morf, wonach es ein Moratorium für den aktuell laufenden Bahnausbau brauche, weil dieser «konzeptlos und gesetzeswidrig» sei, kann die IGöV nichts abgewinnen. Diese lehne sie ab: «Ein Stopp des Bahnausbaus würde dem öffentlichen Verkehr schaden und einen Scherbenhaufen provozieren.» (aargauerzeitung.ch)