Spitzenspiel verschoben – die SBB setzen die Super League unter Druck
Der Satz stammt aus dem Herzen eines Schweizer Fussballvereins. Und tönt ziemlich dramatisch: «Für diese Schweine würde ich auch keine Züge mehr organisieren wollen.» Weil es die private Meinung eines unserer Gesprächspartner ist, und er sich der Bedeutung bewusst ist, bittet dieser um Anonymität.
«Die Schweine» – damit sind die gewaltbereiten Fussballfans gemeint. Fussballfans, die immer wieder mit Pyros, Gewalt und Sachbeschädigungen auffallen. Zum Beispiel auch in Extrazügen.
Davon hat auch die SBB genug. Auf bis zu vier Millionen Franken beziffert sie die «ungedeckten Kosten» rund um die Extrazüge für Fussballfans. Kosten allerdings, die nicht nur wegen Vandalismus anfallen, sondern auch, so ist aus SBB-Kreisen zu hören, weil viele Fans ohne gültiges Ticket in den Extrazügen fahren würden. 29 Franken kostet ein Ticket mit Halbtax einen Fussballfan für die Hin- und Rückfahrt – egal, welche Destination. Der Preis ist seit Jahren unverändert.
Um diesen ungedeckten Kosten entgegenzuwirken, zieht die SBB die Zügel seit dieser Saison an. Die Massnahmen: Keine Extrazüge mehr für weniger als 400 Personen. Keine Extrazüge mehr, sobald nicht gleichzeitig auch noch ein Regelzug fährt. Und: Ein Fankodex. Jene Fangruppen, die sich nicht daran halten, müssen mit Streichung der Extrazüge rechnen.
Spitzenspiel Lugano-YB muss verschoben werden
Diese Massnahmen haben nun erstmals Auswirkungen auf den Spielplan der Super League. Am Samstag kommt es zum Spitzenspiel Lugano-YB. Kickoff wäre eigentlich um 20.30 Uhr gewesen. Doch nun muss die Partie auf 19 Uhr vorverschoben werden. Der letzte reguläre Zug von Lugano nach Bern verlässt den Bahnhof um 22.02 Uhr, also muss dann auch der Extrazug abfahren. Die Tessiner Kantonspolizei verfügt die frühere Anspielzeit, weil sie nicht will, dass Berner Fans die Nacht in Lugano verbringen.
Einmal 19 statt 20.30 Uhr – na und? Könnte man vielleicht denken. Aber so einfach ist es nicht. Bleibt es wirklich bei einer einmaligen Verschiebung? Wie lange akzeptiert das Schweizer Fernsehen, dass sein Livespiel von der Primetime in die Essenszeit vorverlegt wird? Was passiert, wenn die SBB die Liga weiter unter Druck setzt? Und vor allem: Wie reagieren die Fans? Es stellen sich viele Fragen.
Einen ersten Vorgeschmack lieferten die GC-Fans Ende Juli, als sie – weil sie für 350 Personen keinen Extrazug bekamen – aus Protest auf dem Regelzug aus Lausanne zurück nach Zürich mehrfach die Notbremse zogen und für ein Bahnchaos sorgten.
Swiss Football League: Die Sorgen werden grösser
In erster Linie betroffen von den SBB-Massnahmen ist die Swiss Football League als Ausrichter der Fussballspiele. Die Liga schreibt auf Anfrage: «Die SFL bedauert sehr, dass die SBB die Rahmenbedingungen für Fanzüge auf die laufende Saison angepasst hat.» Und hält überdies fest, dass die Extrazüge ein zentrales Element für die sichere An- und Abreise der Fans sind. «SFL und Klubs haben in den letzten Jahren gemeinsam mit der SBB grosse Anstrengungen unternommen, um die Fanreisen weiterzuentwickeln. Den Weg möchten wir weitergehen.»
Den Liga-Verantwortlichen ist das Umdenken der SBB nicht entgangen. Ein zentraler Punkt ist das Geld. «Dass die SBB nach eigenen Angaben ungedeckte Kosten von über vier Millionen Franken trägt, nehmen wir zur Kenntnis, wir haben hier keine Einsicht, wie sich dieser Betrag zusammensetzt», schreibt die SFL. Und weiter: «Die SFL beteiligt sich bereits heute finanziell an der Organisation der Fanreisen und arbeitet gemeinsam mit der SBB und den Klubs daran, die Abläufe und die Ticketdisziplin weiter zu verbessern und damit auch die ungedeckten Kosten zu reduzieren.»
SBB: So setzen sich die ungedeckten Kosten zusammen
Auf Anfrage konkretisiert die SBB, wie sich diese ungedeckten Kosten zusammensetzen: Betriebskosten, Sicherheitskosten, Reinigungsaufwand der Züge, Sachschäden am Rollmaterial. Zudem seien die Einnahmen aus den Ticketverkäufen rückläufig, obwohl mehr Fans transportiert würden. Dies wertet die SBB als Indiz, dass vermehrt schwarz gefahren wird. Und die SBB ergänzt: «Dazu kommen Sachschäden an Infrastruktur und Immobilien, welche in der vergangenen Saison rund zwei zusätzliche Millionen ausmachten.»
Als Sofortmassnahme bringt die SBB sogenannte Charterzüge ins Spiel, welche Klubs für ihre Fans organisieren könnten für den Fall, dass ein Extrazug nicht angeboten wird. Der Haken daran: natürlich, die Kosten. Ein Charterzug von Bern nach Lugano und zurück am nächsten Samstag würde gemäss SBB zwischen 30'000 und 35'000 Franken kosten. 1000 Personen finden Platz. Nur: «Der Besteller haftet mit einer Kaution für allfällige Schäden.» Dieses Risiko wird kein Fussballklub eingehen.
SRF: wie viel Verständnis für ungewohnte TV-Zeit?
Von der Verschiebung des Spitzenspiels Lugano-YB ist auch SRF betroffen. Das Livespiel beginnt anstatt zur Primetime nun mitten in der Essenszeit. Wie sieht die Reaktion aus? «SRF nimmt die Verlegung zur Kenntnis. Für die Programmplanung ist sie nicht ideal, wir können die Entscheide aber nachvollziehen und teilen das Interesse an sicheren Spielen», schreibt SRF auf Anfrage.
Betroffen ist auch Konkurrent «Blue». Weil das Spitzenspiel nun beginnt, wenn die Partien St.Gallen-Sion und Thun-GC (Anspielzeit 18:00 Uhr) noch laufen. «Unglücklich», sei das, schreibt «Blue» auf Anfrage. Beide TV-Anstalten gehen jedoch davon aus, dass sich künftig kurzfristige Anpassungen vermeiden lassen. Alles andere würde die Liga in die Zwickmühle bringen. Schliesslich gilt es, den TV-Vertrag zu erfüllen. Dieser läuft noch bis und mit Saison 2029/30 und darin ist die Anspielzeit Samstagabend 20.30 Uhr fixiert.
Immerhin, in einem sind sich alle involvierten Parteien einig: Extrazüge soll es auch künftig geben. Der Kampf ums Vermeiden von Kosten wird aber weitergehen. (schweizheute.ch)

