Bürgerliche Politiker fordern härteres Vorgehen gegen Velofahrer
Morgenverkehr in Zürich. Ein Velofahrer überholt eine Autokolonne und fährt dabei im Zickzack. Dann kommt er nicht mehr weiter, weicht auf das Trottoir aus, kehrt auf die Strasse zurück, überfährt zwei rote Ampeln, benutzt erneut das Trottoir und erzwingt auf einem Fussgängerstreifen fahrend den Vortritt gegenüber den Autos.
Die Verstösse gegen die Verkehrsregeln sind kaum zu zählen. Und der Velolenker ist keine Ausnahme. Vielmehr fährt er in einer Art, die in Zürich verbreitet ist: Velofahrer wollen vorankommen, sie schlängeln sich durch jede Lücke. Die Verkehrsregeln sind dabei nicht von Belang.
Wenn ein Autolenker oder eine Fussgängerin es wagt, den Velofahrer auf einen Verstoss hinzuweisen, ist mit heftigen Reaktionen zu rechnen. Im besten Fall tippt sich der Velolenker an die Stirn, im schlechteren zeigt er seinen Mittelfinger und begleitet die Geste mit Kraftausdrücken.
Vier von fünf überfahren Rotlicht
Das Phänomen des Velorowdys ist nicht auf Zürich beschränkt. Das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» hat sich des Themas kürzlich angenommen.
Die Publikation präsentiert zwei wissenschaftliche Erhebungen: Hochschulen in Dresden und in Lille stellten an Kreuzungen Kameras auf und prüften, ob Fahrradlenker bei Rot anhalten.
Die Resultate sind eindeutig: In Sachsen überfahren 80 Prozent der Velofahrer das Rotlicht, im Norden Frankreichs sind es 75 Prozent. Der «Spiegel» kommt zum Schluss: «Der viel beklagte Rüpel-Radfahrer ist nicht nur ein Klischee.» Viele Fahrradfahrer missachteten selbst einfachste Regeln.
Experten nennen drei Faktoren, die zu diesem Verhalten beitragen. Erstens meinen viele Velolenker, dass sie – anders als Autofahrer – mit einer rücksichtslosen Fahrweise niemanden gefährden ausser sich selbst. Diese Wahrnehmung senkt die Hemmschwelle, Regeln zu missachten.
Zweitens sind Velofahrer davon überzeugt, das richtige Verkehrsmittel zu nutzen. Es verursacht keine Umweltschäden, es trägt nicht zur Klimaerwärmung bei.
Drittens fördern städtische Behörden den Veloverkehr. In Zürich richten sie Velowege ein, verengen Fahrspuren für Autos und heben Parkplätze auf. Die Velofahrer wissen: Die Politik ist auf ihrer Seite. Einige schliessen daraus: Wir dürfen fahren, wie wir wollen. Und nicht, wie man sollte.
Bürgerliche Politiker sehen diesen Trend skeptisch. Der Zürcher SVP-Nationalrat Gregor Rutz sagt: «Die Velofahrer in Zürich haben das Gefühl, dass die Verkehrsregeln für sie nicht gelten. Ihre zunehmende Aggressivität bereitet mir Sorgen.» Rutz fordert, dass die Polizei viel häufiger Kontrollen durchführen sollte. «Und die Bussen für fehlbare Velolenker sollten genauso hoch angesetzt werden wie bei Autofahrern.»
Der Präsident der Stadtzürcher FDP, Përparim Avdili, meint: «Es fällt auf: Unter den Verkehrsteilnehmern in Zürich halten sich die Velolenker am wenigsten an die Vorschriften.» Es sei stossend, dass Autofahrer gebüsst würden, wenn ihr Wagen ein paar Zentimeter über die Markierung eines Parkfeldes rage. «Velofahrer können sich hingegen alles erlauben», sagt Avdili.
Pro Velo meint: Infrastruktur sei zu wenig gut
Die Stadtpolizei Zürich entgegnet, dass sie das Fehlverhalten von Velofahrenden wie auch von anderen Verkehrsteilnehmenden ahnde. Im Rahmen von Patrouillen- und Reviertätigkeiten würden einzelne Verkehrskontrollen durchgeführt, sei es im motorisierten Verkehr oder bei Velofahrenden. Zudem gebe es koordinierte Verkehrskontrollen, die unter anderem auf Rotlichtverstösse ausgerichtet seien.
Die Interessenorganisation Pro Velo Kanton Zürich verweist auf eine Studie aus Dänemark: Nur 4,9 Prozent der Velofahrenden verstiessen gegen die Verkehrsregeln, wenn eine gute Veloinfrastruktur vorhanden sei.
In Zürich habe die Anzahl Personen, die mit dem Velo unterwegs seien, in den letzten Jahren erfreulicherweise stark zugenommen, schreibt Pro Velo. «Die Veloinfrastruktur hinkt diesem Wachstum jedoch vielerorts noch hinterher.»
In der Stadt Zürich würden Velofahrende auf offiziellen Velorouten teilweise über Trottoirs oder sogar durch Tramhaltestellen geführt. «Solche Führungen schaffen Konflikte zwischen verschiedenen Verkehrsteilnehmenden und erschweren eine intuitive Verkehrsführung.»
In Deutschland steigt die Zahl der Velolenker, die tödlich verunfallen. Ein Zusammenhang mit einer übertrieben offensiven Fahrweise wird vermutet. In der Schweiz ist eine ähnliche Entwicklung nicht zu beobachten. Die Verkehrsunfälle, in die Lenker von schnellen E-Bikes verwickelt sind, häufen sich aber.
Die Behörden in der Stadt Zürich gehen nun dazu über, Einbahnstrassen in der Gegenrichtung zu öffnen. Das gilt nur für Velolenker, versteht sich. Regelverstösse werden damit per Verordnung legalisiert. (schweizheute.ch)

