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Horst Heckendorn arbeitet seit rund drei Jahrzehnten als Notfallsanitäter. 2015 lancierte er seine zweite Karriere – aber nicht ganz freiwillig.

Wo man auch mal auf einem Gehirn ausrutscht: Notfall-Sanitäter schreibt über seinen Alltag

Es gibt viele Gründe, ein Buch zu schreiben. Die Geburt eines Kindes, ein Lottogewinn, eine schwere Krankheit. Bei Rettungssanitäter Horst Heckendorn war der Auslöser ein alter geistig verwirrter Mann – mit einem Revolver. Kaliber 38, geladen.

Benjamin Wieland / Schweiz am Wochenende



«Ich guckte in den Lauf und wusste sofort: Das ist keine Spielzeugpistole», erinnert sich der 50-jährige Bennwiler an den 26. Januar 2013. Der Verwirrte hatte um 21.08 Uhr die Sanität angefordert. Beim Haus angekommen, ging Heckendorn gleich zur Eingangstür, sein Kollege erledigte noch etwas beim Rettungswagen. «Als ich da vor der Tür stand, die Waffe im Gesicht, hatte ich einen Geistesblitz. Ich sagte zu dem Typen: ‹Ich komme gleich wieder!›»

Auf dem Weg zurück zum Bus habe er ihn jede Sekunde erwartet, den Schuss. «Mir ging so einiges durch den Kopf: Nun endest du als sabberndes Gemüse in der Langzeitpflege, deine Frau bleibt alleine im soeben gekauften Haus. Und doof, die Thailandferien hast Du schon bezahlt, die fallen jetzt ins Wasser.»

Schreiben als Trauma-Therapie

Der Verwirrte drückte nicht ab. Und Heckendorn ging danach weiter zur Arbeit, als wäre nichts gewesen. Aber es war nichts mehr wie zuvor. «Ich hatte Flashbacks und Schweissausbrüche, war unkonzentriert», erinnert er sich. Die Therapeutin riet ihm, das traumatische Erlebnis niederzuschreiben.

Doch es blieb nicht bei einer Geschichte: Rasch hatte Heckendorn 50 Storys beisammen. In seinen fast drei Jahrzehnten als Rettungssanitäter hatte sich offenbar einiges in ihm aufgestaut, und das suchte sich nun den Weg nach draussen. «Als ich fertig war mit dem Schreiben, dachte ich mir, das könnte doch auch andere interessieren.»

Er sollte Recht behalten. Heckendorn fand einen Verlag, brachte vor zwei Jahren «Ich bin zu alt für diese Scheisse!» heraus, seinen Erstling. Das Buch kam gut an, verkaufte sich zehntausendfach. Plötzlich las der gelernte Krankenpfleger in vollen Sälen. Nun hat Heckendorn sein zweites Werk publiziert: «Man wird nicht jünger durch den Scheiss! Noch mehr unglaubliche, aber wahre Geschichten aus dem Leben eines Rettungssanitäters.»

Den Erfolg hätte er niemals für möglich gehalten, sagt er. Mittlerweile werde er aber auf der Strasse erkannt. So habe ein McDonalds-Kassierer kürzlich um ein Selfie mit ihm gebeten.

Reich sei er aber nicht geworden vom Schreiben, sagt der gebürtige Deutsche, der 1997 in die Schweiz kam und mittlerweile den Roten Pass besitzt. Er arbeite noch immer Vollzeit beim Rettungsdienst Käch in Dornach. Der Buchverkauf sei aber ein netter Zustupf. Die Tantiemen investierte er in eine Solaranlage.

Die Titel seiner Bücher deuten es an: Heckendorn nimmt kein Blatt vor den Mund. Er schreibt, was er im Berufsalltag erlebt – ohne Filter. So sind seine Bücher nichts für schwache Nerven.

Ein Kapitel im ersten Buch spielt 1996 in Süddeutschland. Heckendorn wurde mit seinem Kollegen zu einem Unfallort gerufen. Ein BMW hatte sich auf einem Maisfeld überschlagen, der Lenker lag neben dem Wrack. Als ihn Heckendorn untersuchen wollte, fiel ihm etwas auf. «Der Kopf des toten BMW-Fahrers war so leer wie ein ausgehöhlter Halloween-Kürbis», schreibt er. Den Unglücksraben – er war nicht angeschnallt – hatte es herumgeschleudert, dabei musste das Gehirn aus einem Loch im Schädel entwichen sein, «nach dem Prinzip des Eierausblasens».

Für die Ersthelfer stellte sich nun die Frage: Wo war es geblieben? Kurze Zeit später stürzte ein Feuerwehrmann. Er war auf etwas Glibberigem ausgerutscht. Das Kapitel trägt den Titel «hirnlose Verfolgungsjagd».

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Buch «Man wird nicht jünger durch den Scheiss!» Asaro Verlag, 2017.

Erzählerisches Talent

Einige wenige Kollegen hätten sich an seiner Ausdrucksweise gestört, erzählt Heckendorn. «Sie fanden, das gehöre sich nicht. Ich rücke den Beruf in ein schiefes Licht. Dabei schreibe ich einfach, was ist, ungeschminkt.» Ihm sei es wichtig, dass die Leser die Einsätze «spüren, sehen, schmecken, riechen».

Der Filmfan, der über den Zivildienst zu seinem späteren Beruf herangeführt wurde, beweist erzählerisches Talent. Ein Kapitel handelt von einem Unfall, bei dem ein Auto in einen Lastwagen gekracht war. Am Querträger hafteten blutige Gewebespuren – «als hätte jemand eine Pizza dagegen geworfen, deren Belag sich nun langsam nach unten bewegte».

Ein anderes Beispiel: Herbst 2013, Schalke 04 war in Basel zu Gast, mit tausenden von Anhängern. Zwei Stunden vor Anpfiff des Fussballspiels ein Notruf: Ein Schalke-Fan war von Gummischrot getroffen worden, an sensibler Stelle. Der Hodensack sei «monströs angeschwollen», schreibt Heckendorn, und er habe «geglänzt wie eine polierte Bowlingkugel in allen Farben des Regenbogens». Eis verhinderte Schlimmeres: «Schalke gewann das Spiel gegen Basel und der junge Mann behielt seine Hoden.»

Im zweiten Buch geht der Autor nochmals auf sein traumatisches Erlebnis ein, das ihn zum Schreiben brachte. Herr T. aus O. sei mittlerweile verstorben. Heckendorn hat ihm vergeben. «Möge seine arme und verwirrte Seele in Frieden ruhen.» (aargauerzeitung.ch)

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