Warum es sich nicht lohnt, ernsthaft über trans Frauen im Sport zu diskutieren
In der Women's National Basketball Association (WNBA), der besten Frauen-Basketballliga der Welt, läuft gerade die Schlussphase der Regular Season. Doch statt der sportlichen Ausgangslage dominiert seit Tagen und Wochen nur ein Thema die Schlagzeilen: die trans Debatte.
Angefangen hat es vor rund einem Monat, als Sophie Cunningham, Guard bei den Indiana Fever, in einem Interview mit ESPN sagte: «Ich will junge Mädchen in den Garderoben und im Sport schützen, damit sie nicht gegen biologische Männer antreten müssen.»
Damit stach die 30-Jährige in ein Wespennest. In der WNBA, wo sich viele Spielerinnen nicht davor scheuen, politische Statements abzugeben, gab es sofort diverse Gegenstimmen zu Cunningham und viel Unterstützung für die trans Community. So sagte etwa Gabby Williams, Forward bei den Golden State Valkyries: «Ich würde eine trans Athletin jederzeit in meinem Team oder auch gegen mich willkommen heissen.»
Rund um die Stadien gab und gibt es immer noch Proteste als Zeichen der Unterstützung für trans Menschen, wie auch Gegenproteste, die Cunninghams Sichtweisen vertreten. Die Liga selbst veröffentlichte eine Mitteilung, in der sie festhielt: «Wir verurteilen aufs Schärfste die böswilligen Versuche, diese Themen dazu zu nutzen, um andere auszugrenzen.»
Kanter sucht Aufmerksamkeit
Denn mittlerweile mischen sich natürlich auch Männer ein. Der frühere NBA-Profi Enes Kanter hat angekündigt, sich für den WNBA-Draft bereitzustellen, da er sich «nun als Frau fühle». Der in Zürich geborene Türke war schon während seiner aktiven Karriere als Aktivist aufgefallen.
Früher sprach er sich gegen das Regime von Recep Tayyip Erdogan aus oder gegen den Missbrauch von Uiguren durch die chinesische Regierung. Zuletzt driftete er aber auch immer mehr in rechtskonservative Rhetoriken ab, mit Unterstützung für Israel und Hass gegen Palästina – aber eben auch gegen die trans Community.
Natasha Cloud gets the bucket then has some word for Enes Kanter and he gets escorted out of the game pic.twitter.com/w42dwjw9lt
— Shabazz 💫 (@ShowCaseShabazz) August 24, 2026
Kanter erhält Unterstützung von Royce White, der in seiner gesamten NBA-Karriere drei Spiele für die Sacramento Kings gemacht hat und nunmehr nur noch als Politiker für die Republikanische Partei auffällt. Die beiden möchten – neben Aufmerksamkeit für ihre eigene Person – die WNBA ad absurdum führen.
Die Basketball-Liga hat nämlich (noch) keine Regeln bezüglich trans Athletinnen. Im Gesamtarbeitsvertrag steht lediglich geschrieben: «Only players who are women are eligible to play in the WNBA.» Ob das auch trans Frauen einschliesst, ist nicht genauer definiert.
Andere Sportarten sind teilweise deutlich strikter. Die Tennisorganisation WTA hat unlängst für alle ihre Athletinnen Geschlechtertests eingeführt. Die Weltverbände im Schwimmen oder in der Leichtathletik schliessen trans Frauen aus, die eine männliche Pubertät durchmachten. Und in diversen US-Bundesstaaten sind trans Menschen gänzlich von sämtlichen High-School- und College-Sportwettkämpfen ausgeschlossen.
Auf der Seite von Trump und Co.
Ähnliche Regeln dürften Kanter und White mit ihren Aktionen auch in der WNBA erzwingen wollen. Die Liga hat zuletzt in einem Memo den Klubs mitgeteilt, dass sie sich mit dem Thema befassen werde, allerdings «mit Bedacht und im Einklang mit den Werten unserer Liga». WNBA-Commissioner Cathy Engelbert sagte: «Wir werden uns immer gegen Hass stellen.»
Am Ende ist die trans Debatte im Sport meist Unsinn. Es ist billige Politik auf Kosten einer extremen Minderheit.
Natürlich klingt es gut, wenn ein Politiker sagt, dass er Frauen schützen will. Doch wie glaubwürdig ist es, wenn ein Mann wie Royce White, der sich selbst als Sexist und Frauenfeind bezeichnet, Frauen schützen möchte? Dass sich US-Präsident Donald Trump und sein Vize JD Vance nach Sophie Cunninghams Aussagen begeistert auf ihre Seite stellten, sagt eigentlich alles. Zudem fallen die Gegner von trans Athletinnen immer wieder damit auf, dass sie WNBA-Spielen und anderen Sportevents Sexspielzeuge aufs Feld werfen. Auch das spricht nicht wirklich dafür, dass es ihnen darum geht, Frauen zu schützen.
Trans rights supporters and transphobes gathered outside the Fever–Liberty game are asked to name five WNBA players
by u/No-Hall-3485 in popculturechat
Ein «Problem», das nicht existiert
Fakt ist: trans Frauen im Spitzensport existieren quasi nicht. In der WNBA gibt es keine trans Spielerinnen und hat es auch noch nie eine gegeben. Anderswo im relevanten Spitzensport sieht es gleich aus. 2024 belegte das «British Journal of Sports Medicine» zudem in einer Studie, dass trans Frauen nach der medizinischen Transition keine natürlichen Vorteile für eine Spitzensportkarriere besitzen. Stattdessen würden sie über weniger Unterkörperkraft und Lungenkapazität verfügen als cisgender Frauen.
Das prominenteste Beispiel ist Gewichtheberin Laurel Hubbard, die 2021 in Tokio als erste trans Frau an Olympischen Spielen teilnahm. Im Reissen über +87 kg konnte sie allerdings keinen gültigen Versuch registrieren und wurde deshalb nicht in der Rangliste geführt – keine unfaire Bevorteilung oder gar «Gefahr» für die restliche weibliche Elite dieses Sports also. Das vermeintliche Problem existiert in der Realität gar nicht.
Und es droht in der Zukunft auch nicht wirklich grösser zu werden. In den USA machen trans Frauen schätzungsweise rund 0,3 Prozent der Bevölkerung aus – was bei 350 Millionen Einwohnern rund 700'000 Menschen wären. In der Schweiz gibt es keine offiziellen Schätzungen, aber wenn man von ähnlichen Statistiken wie in den USA ausgeht, gäbe es hierzulande weniger als 30'000 trans Frauen. Die Chancen, dass eine relevante Anzahl davon an einer Karriere als Spitzensportlerin interessiert wäre und auch noch talentiert und diszipliniert genug dafür, sind verschwindend klein. Dass sie dann auch noch die nötigen Regeln der jeweiligen Verbände befolgen müssten, macht es noch unwahrscheinlicher, dass eine trans Frau jemals in einem relevanten Spitzensport Erfolg hat.
Natürlich ist gegen gewisse Regeln und Parameter nichts einzuwenden. Gerade im Spitzensport kann es je nach Sportart sinnvoll sein, dass beispielsweise Testosteronobergrenzen festgelegt werden. Oder dass nur trans Frauen zugelassen werden, die dank Hormontherapie keine männliche Pubertät durchgemacht haben.
Ein kategorischer Ausschluss von trans Frauen aus dem Sport ist aber Unsinn – insbesondere im Nachwuchs, wo es vorwiegend um Freude an der Bewegung und soziale Kontakte gehen soll, nicht um absolute Leistung. Die trans Jugend braucht Akzeptanz und Normalität im Leben. Eine Verbannung aus Sportklubs und Ligen sorgt nur für eine weitere unnötige Ausgrenzung aus der Gesellschaft.
Lass dir helfen!
In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen und depressiven Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.
– Die Dargebotene Hand: Tel 143, www.143.ch
– Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel 147, www.147.ch
– Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch
Kanter, White, Cunningham und Konsorten haben nicht verstanden, worum es geht. Echte trans Menschen entscheiden sich nicht einfach von heute auf morgen für ein neues Geschlecht. Sie ringen oft jahrelang damit, dass ihr Körper nicht der eigenen Geschlechtsidentität entspricht. Geschlechtsdysphorie kann zu heftigen Depressionen führen. Jugendliche trans Menschen begehen rund drei bis sechs Mal häufiger Suizid als gleichaltrige Cisgender-Menschen.
Niemand sucht sich das aus, nur um im Sport womöglich mehr Erfolg zu haben.
