Das Märchen des Steve Guerdat: Vom OP-Tisch zum WM-Titel
Als Steve Guerdat am Sonntag im Aachener Hauptstadion vor 40'000 Zuschauenden nach dem letzten Hindernis die Hände vors Gesicht schlug, war sein goldenes Karriere-Puzzle komplett. Olympiasieger, Europameister, dreifacher Sieger beim Weltcupfinal und nun auch Weltmeister – als erster Schweizer Springreiter überhaupt. Den Grand Slam mit diesen vier Championats hat weltweit noch keiner geschafft.
Dabei stand Anfang 2025 nicht die Frage im Vordergrund, welchen Titel der im zürcherischen Elgg lebende Jurassier noch gewinnen könnte. Es ging darum, ob und wie er überhaupt wieder reiten würde. Die Rückenschmerzen, die ihn schon lange begleitet hatten, waren so schlimm geworden, dass selbst für einen Mann, dessen Leben sich um Pferde dreht, das Reiten plötzlich zweitrangig wurde.
Die Operationen
Guerdat hatte lange gelernt, mit den Beschwerden umzugehen. Er trainierte seinen Körper, biss sich durch und liess sich Anfang 2025 sogar fit spritzen, statt zu pausieren. Beim Turnier in Göteborg im Februar spürte er schliesslich sein rechtes Bein kaum mehr, konnte kaum noch gehen und bekam Angst.
Ein Bandscheibenvorfall zwang ihn zur Operation. Der Weltcupfinal im April 2025 in Basel fand ohne ihn statt. Guerdat kämpfte sich zurück und gab beim CSIO St.Gallen 2025 sein Comeback. Doch im September folgte der nächste Rückschlag. Die operierte Bandscheibe hatte sich erneut vorgewölbt. Als alternative Therapien keine Besserung brachten und wieder neurologische Probleme auftraten, musste er sich innerhalb von sieben Monaten ein zweites Mal operieren lassen.
Wieder begann eine lange Rehabilitation, wieder war seine sportliche Zukunft mit Fragezeichen versehen. Die gesundheitlichen Probleme bedrohten zudem die wirtschaftliche Grundlage seines Betriebs in Elgg, wo Guerdat über zehn Angestellte beschäftigt und ein grosser Teil der Einnahmen aus Preisgeldern stammt. «Drei Jahre wie 2025, und ich müsste den Hof verkaufen», sagte er der «NZZ».
Vor allem aber traf ihn die Zwangspause dort, wo er am verwundbarsten ist. Guerdat sass mit drei Jahren erstmals im Sattel, sein Vater Philippe gehörte zwei Jahrzehnte der Nationalmannschaft an, mit zwölf galt Steve bereits als Wunderkind. Einen anderen Berufswunsch als Profireiter hatte er nie.
Auch Rückschläge änderten daran nichts. Nach Stationen bei Weltklasse-Reiter Jan Tops und dem ukrainischem Milliardär Alexander Onischenko stand Guerdat zeitweise ohne Pferde da und verpasste die WM 2006 in Aachen. Mit Unterstützung der Financiers Urs Schwarzenbach und Yves Piaget baute er sich in der Schweiz eine neue Existenz auf; seit 2017 führt er sein eigenes Reitsportzentrum.
Weniger wurde plötzlich mehr
Die zwei Operationen zwangen den Schwerarbeiter zu etwas, das ihm schwerfiel: weniger zu machen. Heute reitet Guerdat noch ungefähr fünf statt acht Stunden am Tag, delegiert mehr und gönnt sich Pausen. Überraschend für ihn selbst stellte er fest, dass die Einheiten dadurch effektiver wurden: «Ich bin ruhiger im Kopf und kann das Reiten mehr geniessen.»
Das ist bemerkenswert für einen Mann, der sich selbst als schlechten Verlierer bezeichnet. Guerdats Prinzip lautete über Jahre, nach einer Niederlage niemals das Gefühl haben zu müssen, er hätte noch mehr tun können. Die Verletzungen zwangen ihn zu akzeptieren, dass nun auch sein Körper bestimmt, wann genug ist.
An seiner Klasse hat das nichts geändert. In Aachen wirkte Guerdat wieder wie jener Reiter, der seit zwei Jahrzehnten zur Weltspitze gehört: ruhig, präzis und besonders stark, wenn der Druck am grössten ist. Mit Dynamix blieb er als einziger der 145 gestarteten Reiterinnen und Reiter während der gesamten WM ohne Abwurf.
Reiten als Lebensinhalt
In Aachen schloss sich für Guerdat auch ein Kreis. 2006 hatte er die WM am selben Ort verpasst, weil ihm nach der Trennung von einem Arbeitgeber die Pferde fehlten. Zwanzig Jahre später gewann er dort jenen grossen Titel, der ihm in seiner Sammlung noch fehlte.
Dass nun nichts Nennenswertes mehr zu gewinnen bleibt, dürfte für Guerdat wenig ändern. «Ich gehe nicht zur Arbeit. Ich habe mein Hobby, meine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Und weil die Freude immer zuvorderst steht, kann ich auch so eine lange Karriere haben», sagte er als Olympia-Zweiter 2024 über sein Leben als Reiter.
Anderthalb Jahre nach dem Moment, als er kaum mehr gehen konnte, ist er wieder ganz oben in jenem Sport, der für ihn nie bloss ein Beruf war. Guerdat wird seiner Leidenschaft noch lange nachgehen.
