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Der SCB kommt weiterhin nicht vom Fleck.
Der SCB kommt weiterhin nicht vom Fleck.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Endlich wieder Hollywood beim SCB – Fans statt Marc Lüthi in der Kabine

Mit der originellsten Motivationsübung seit dem 8. April 2015 startet der SCB in die sportliche «Überlebenswoche» mit den Partien gegen Servette, Langnau und Ajoie. Die Frage ist: Wann tobt Marc Lüthi in der Kabine.
26.10.2021, 12:3226.10.2021, 13:01

Weiss jemand besser als die Bernerinnen und Berner, welche Wirkung feurige Worte zum richtigen Zeitpunkt haben können? Wahrscheinlich nicht. Am 22. Juni 1476 tritt der rauflustige, kampfbereiten Haufen der Eidgenossen, angeführt von den Bernern, bei Murten aus dem Wald und verrichtet im Angesicht der feindlichen Burgunder das Schlachtgebet. Da bricht wie ein gutes Omen die Sonne durch die Wolken. Hans von Hallwil (alle Aargauer waren damals noch Berner), der Anführer der Vorhut, springt spontan auf, schwingt sein Schwert und ruft: «Auf, Brüder, die Sonne leuchtet uns zum Sieg!»

Die Schlacht bei Murten, Darstellung im Zürcher Schilling 1480/84.
Die Schlacht bei Murten, Darstellung im Zürcher Schilling 1480/84.Bild: wikimedia

Am Ende des Tages steht der wohl grösste militärische Erfolg der Berner, der ihre Kampfkraft für die nächsten hundert Jahre weltberühmt macht. Es ist der Anfang einer grandiosen Karriere für den wortgewandten Heerführer. Hans von Hallwil wird später engster militärischer Berater von Kaiser Friedrich III.

Feurige Worte braucht auch der SCB. Und siehe da, es hat soeben feurige Worte gegeben. Sogar viel mehr als damals vor Murten. SCB-Obersportchef Raëto Raffainer bestätigt eine der erstaunlichsten Geschichten unseres Hockeys, die er im Interview mit der dem SCB eng verbundenen «Berner Zeitung» beiläufig erzählt hat. Eine Fangruppe hat erst nach der schmählichen 3:6-Niederlage gegen Davos auf dem Stadiongelände und dann am Montagabend um 18.00 Uhr in der Kabine (!) den Spielern (!) ins Gewissen geredet.

Fans, die in der Kabine den Spielern das «Mösch putzen» (berndeutsch für zurechtweisen, ins Gewissen reden, abkanzeln) – das hat es in der modernen Geschichte unseres Hockeys noch gar nie gegeben.

Die aktuelle Tabelle der National League.
Die aktuelle Tabelle der National League.Bild: screenshot sihf.ch

Die Frage ist natürlich: Wie ist das abgelaufen? Wie müssen wir uns das vorstellen? Raëto Raffainer erzählt: «Nach dem Spiel gegen Davos warteten rund 60 Fans in der Tiefgarage auf uns. Simon Moser, Tristan Scherwey und Ramon Untersander vom Captainteam, Andrew Ebbett, Rolf Bachmann, Marc Lüthi und ich. Die Fans hielten eine sehr gute Ansprache, sagten, sie würden uns unterstützen, hätten Verständnis dafür, dass der Umbau Zeit benötige. Aber sie hätten Mühe damit, wenn die Mannschaft SCB-Werte wie Stolz, Kampf und Leidenschaft vermissen lasse. Ich lud die Fans ein, am Montag in die Garderobe zu kommen und die Worte ans ganze Team zu richten.»

Und wie lief diese Aktion? «16 Fans kamen am Montagabend um 18.00 Uhr in die Kabine. Alle mit Maske, alle mit Zertifikat. Wir achteten darauf, dass keiner in der Kabine auf das Logo steht (Anmerkung: Niemand darf in einer Kabine aufs Klublogo stehen, das ist in der ganzen Welt, auch in der NHL so). Der Chef der Gruppe hat dann seine Ansprache an die Spieler gehalten.»

Wie lang dauerte die? «So ungefähr eine Viertelstunde». Und haben sich die Spieler dazu geäussert? «Nein, alle haben zugehört und die Fangruppe ist dann wieder gegangen. Ich habe anschliessend auf Englisch eine Zusammenfassung der Ansprache gemacht. Damit alle verstanden, was gesagt worden ist.» Wir dürfen annehmen, dass Trainer Johan Lundskog auch ohne Übersetzung seines höchsten sportlichen Verantwortlichen verstanden hätte, dass er «der letscht Zwick a der Geisle het». Berndeutsch für eine Person, die praktisch den letzten Rest des in sie gesetzten Vertrauens aufgebraucht hat und nun kurz davorsteht, ernste Konsequenzen befürchten zu müssen.

Wahrlich, beim SCB geht doch noch etwas. Hollywood ist zurück. Früher hat Marc Lüthi in solchen Situationen die Führungsverantwortung übernommen und in der Kabine getobt. Der SCB-Manager und -Mitbesitzer hat auch schon nach dem Spiel spontan Trainer gefeuert (Larry Huras und Antti Törmänen). Im Zuge der Modernisierung und Verpolitisierung des grössten Hockeyunternehmens im Land wird nun subtiler vorgegangen. Es gibt allerdings auch eine in Nordamerika gebräuchliche, bitterböse Bezeichnung für dieses Davonschleichen der obersten Führung aus der Verantwortung in hochheiklen Situationen: «Cover your ass.» Das ist so böse, dass wir es nicht übersetzen.

Die Kabinenansprache der «SCB-Volksvertreter» ist sicherlich die originellste Motivationsübung seit dem 9. April 2015. Damals haben die Rapperswil-Jona Lakers fürs alles entscheidende Spiel in der Liga-Qualifikation Elefantenmist vom Kinderzoo nach Langnau gebracht. Weil die Legende geht, dass Tiger Angst vor Elefanten haben und sich davonschleichen, wenn sie Elefantenmist auch nur riechen. Genützt hat es nichts. Langnau siegte 5:1. Die Lakers stiegen ab und die Langnauer auf.

Mit Volkes Stimme im Ohr, im Herzen und in der Seele müssten die Berner eigentlich dazu in der Lage sein, ihre nächsten Gegner zu überrennen wie einst ihre Vorväter zu Murten die Burgunder, die mit der damals modernsten Armee Europas angerückt waren. Zumal die nächsten SCB-Gegner – Servette, Langnau und Ajoie – alle eigentlich in jeder Beziehung ein paar Nummern kleiner sind als der SCB. Oder doch nicht?

Im Falle eines Falles ist eine weitere Steigerung bei den Motivationsmethoden problemlos möglich: Marc Lüthi hat in der Kabine ja noch nicht getobt.

P.S. Der Chronist entschuldigt sich bei SCB-Obersportchef Raëto Raffainer. Er hat ihn als Kaiser ohne Kleider bezeichnet und ihm unterstellt, die Anstellung von Trainer Johan Lundskog und Kaspars Daugavins auf dem Gewissen zu haben. Richtig ist: Der Vertrag von Johan Lundskog ist vor seiner Ankunft in Bern genagelt worden und Daugavins hat die Sportabteilung rekrutiert und er hat als Obersportchef bloss noch den Segen gegeben. Also: Der sportliche SCB-Kaiser ist nicht so nackt, wie der Chronist ihn gemacht hat. Er ist nach wie vor bekleidet.

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