Köbi, Kevin, Ruedi und Giovanni – Geschichten aus der Hockey-Provinz
Was tun, wenn Mittwoch ist, in der National League nur im Welschland hinten gespielt wird und die Swiss League ruht? Aber ein Gast unsere weltberühmte Hockey-Kultur erleben möchte, sportlich die Nummer 1 der Weltrangliste? Nie ein Problem.
Mittwoch ist der traditionelle Spieltag der MyHockey League, unserer «NHL der Amateure». Also fahren wir nach Langenthal ins Herz der Schweiz. Der SC Langenthal, ein miserabel gestarteter Titan dieser Liga (vier Niederlagen in Serie), gegen den Aussenseiter SC Lyss. Eishockey hat wie kaum ein anderer Sport eine reiche Kultur des Storytellings. Geschichten wecken Gefühle und pflegen persönliche Verbindungen, erst recht bei den Amateuren. Die alten Stadien noch, die alten Strassen noch, die alten Freunde aber sind auch noch da.
Langenthal ist noch ein Begriff. Meister der zweithöchsten Liga 2012, 2017 und 2019. Einst mit Stephan Anliker ein berühmter Präsident (später auch GC-Obmann, heute beim FC Langenthal engagiert). Aber der SC Lyss? Auch eine berühmte Geschichte. Zwar bereits 1993 aus der damaligen NLB in die höchste Amateurliga abgestiegen. Während der zweitletzten NLB-Saison kommt ein britisch-kanadischer Doppelbürger als Juniorentrainer nach Lyss, der später berühmt werden sollte. «Ich freue mich auf meinen neuen Job und bin sicher, dass ich mich mit den jungen Spielern gut verstehen werde», wird er in der Lokalpresse zitiert. Zusätzlich hilft er Cheftrainer Mike McParland als Assistent. Der Mann heisst Sean Simpson. 2013 wird er die Schweiz als Nationaltrainer zum ersten Mal in der Geschichte in den WM-Final führen.
Die Berner Seeländer sind auch heute vergessene Pioniere des Frauen-Hockeys. Als SC Yschchrauer Girls gegründet und mehrfach umbenannt, gewinnen sie ab 1990 mehrere Meistertitel.
Auch in der Gegenwart an einem Mittwochabend im Jahre 2026 steckt viel Nostalgie. Köbi Kölliker coacht den SC Lyss im Alter von 73 Jahren. Und wirkt in seinem Wesen und Wirken höchstens wie 50. Während des Einlaufens der Teams sitzt er mit Sportchef Ruedi Kunz (65) auf der Tribüne. Im Gespräch vertieft. Letzte taktische Handgriffe werden besprochen. Köbi, neu im Amateurbusiness, kennt seine Pappenheimer und ihre Gegner halt noch nicht so gut wie Ruedi.
Wie ist er bloss zu diesem Job gekommen? Auch Ruedi Kunz geniesst den Status einer Sportlegende. Er ist seit mehr als 25 Jahren Turnierdirektor des Beachvolleyballturniers in Gstaad, Präsident von Swiss TopSport, dem Zusammenschluss der grossen Schweizer Sportanlässe wie Lauberhorn, Swiss Indoors oder Tour de Suisse und – natürlich – als Funktionär in verschiedensten Chargen auch eine Hockeylegende. Seine Söhne Nils und Tim spielten bei Lyss. Köbi hilft im Sommer beim Beachvolley-Turnier in Gstaad aus und so ist er mit Ruedi ins Geschäft gekommen. Eigentlich wollte er nach all den Jahren als Verteidiger, fast 200‑facher Nationalspieler, Trainer, Sportchef, Assistent des Nationaltrainers und deutscher Nationaltrainer nur als Assistent ein wenig aushelfen. Aber alle waren so begeistert, dass sie ihn dazu überredet haben, doch gleich Cheftrainer zu machen.
Das Spiel ist schnell und höchst unterhaltsam wie meistens in dieser Liga. Etwas mehr als 800 Frauen, Männer und Kinder sind herbeigeeilt. Das Erzählen von Geschichten wird spätestens in den Pausen wieder aufgenommen.
Basels Sportchef Kevin Schläpfer (56) ist auch da. Er hat für diese Partie den Langenthalern zwei seiner hochdotierten Spieler leihweise überlassen und einer davon wird mit einem haarsträubenden Fehler während des Powerplays Lyss einen Treffer in Unterzahl (zum 1:2) ermöglichen und den Untergang einleiten. Und er war ja hier früher auch mal Spieler und Sportchef und hat bei einer Wette mit einem der Sponsoren (Markus Bösiger) ein Mercedes-Cabrio gewonnen.
Langenthals Sportchef Marc Kämpf (35) versucht, Kevin dazu zu überreden, dem besten Spieler den Preis zu überreichen. Bescheiden wie er nun mal ist und jeden öffentlichen Auftritt meidend wie der Teufel das geweihte Wasser, lehnt Kevin ab. Aber Florin Gerber (34) hat für Lyss zwei Treffer zum überraschenden 3:2-Sieg beigesteuert und wird zum besten Spieler der Gäste erkoren. Da kann Basels Sportchef nicht mehr nein sagen und schwärmt von alten Zeiten: Er habe einst Florin Gerber als Juniorentrainer in Biel gefördert und der Florin habe in einer Linie mit Gaëtan Haas gespielt. Kein Wunder, umarmen sich die Kevin und Florin bei der Übergabe des Präsents.
Nun mögen wir einwenden, solch ein Spektakel interessiere bloss die Provinzler in Langenthal hinten, wo halt an einem Herbstabend sonst nicht viel los ist. Falsch. Urbane Hockey-Prominenz aus der Kulturhauptstadt Zürich ist auch da. Giovanni Marti, Kultspeaker der ZSC Lions, am Samstag bei der Partie gegen Meister Gottéron wieder im Einsatz. Da wird dann doch gefragt, warum ausgerechnet er mit Begleitung die Fahrt nach Langenthal unternommen hat. Weil eine Freundin seiner Tochter mit einem Spieler der Langenthaler befreundet sei. Nun habe man doch mal vorbeischauen wollen.
Ein wenig verträumt sieht sich der 54‑Jährige immer wieder in diesem alten Stadion zu Schoren um, für das schon mehr Geld für Um- und Neubaupläne verbraten worden ist, als ein Neubau kosten würde. Erinnerungen werden wach an die Zeiten, als die ZSC Lions noch als Zürcher SC Kultstatus hatten und in den Niederungen der zweithöchsten Liga hier dramatische Niederlagen erlitten. Ja, ja, sagt Giovanni, an diese Zeiten könne er sich noch gut erinnern.
Die alten Stadien noch, die alten Strassen noch und die alten Freunde auch noch. Zumindest im helvetischen Amateurhockey.
Für alle, die den Kick suchen
Auch in dieser Saison können die Schweizer Eishockeyfans ausgewählte Spiele im Free-TV mitverfolgen.
Das ganze Programm von 3+ Adrenalin findest du hier.
