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Flüchtling M.* hofft wohl vergeblich auf eine Zukunft als Fussballprofi in der Schweiz.  bild: watson

«Fussball ist meine einzige Chance auf ein gutes Leben» – wie der Traum eines Flüchtlings aus Nigeria in der Schweiz zu scheitern droht

Gekidnappt, misshandelt, von Schleppern verschifft: Die Hoffnung auf eine Fussballkarriere hat einen jungen Nigerianer via Libyen und Italien in die Schweiz geführt. Hier ist er endgültig in einer Sackgasse gelandet.



«Sehr gerne möchte ich euch meine Geschichte erzählen», hat M.* gesagt. Doch bald wird dem 19-jährigen Nigerianer dann alles doch zu viel. Die Stimme des Fussball-Flüchtlings versagt, als er von den Bomben berichtet, mit denen die Terrorgruppe Boko Haram Tod und Zerstörung über seine Heimatstadt Kano bringt.

Die Erinnerungen und die Sorge um seine zurückgelassene Familie schnüren dem schmächtigen jungen Mann die Kehle zu. Dicke Tränen kullern aus seinen gelblich verfärbten Augen. Hektisch nestelt M. an den Schnürsenkeln seiner Kickschuhe herum und schnäuzt in eine Socke. Einfach irgendetwas tun, um die unangenehme Situation zu überspielen.

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Flüchtling M. wartet am «Kick für Toleranz» in Winterthur auf seinen nächsten Einsatz.  bild: watson

Ein Turnier von und mit Flüchtlingen

M. ist einer von rund 400 Teilnehmern am «Kick für Toleranz», einem antirassistischen Fussballturnier auf der Winterthurer Schützenwiese. Unter dem Patronat des FC Winterthur, der «Wochenzeitung» und der autonomen Schule Zürich treffen sich am vergangenen Samstag 47 Mannschaften, um gemeinsam Fussball zu spielen, Freundschaften zu schliessen und die Sorgen des Alltags zu vergessen.

Die Hälfte der Sportler sind Flüchtlinge wie M. Sie kommen aus Durchgangsheimen und Asylunterkünften. Ihre Mannschaften tragen Namen wie FC Senegambia oder United Colours of Düdingen – auch der FC Lampedusa aus Hamburg hat nach langem Tauziehen mit den Schweizer Behörden eine Gesandtschaft geschickt.

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Die Spieler des Hamburger Flüchtlingsklubs FC Lampedusa haben erst nach langem Hin und Her mit den Behörden eine Einreisebewilligung für die Schweiz erhalten.  bild: watson

In letzter Minute ins Team gerutscht

M. spielt für «DZ Selzach», die Mannschaft eines Durchgangszentrums im Kanton Solothurn. Im Gegensatz zu vielen Konkurrenten ist dieses Flüchtlingsteam für den grossen Tag bestens ausgerüstet: Ein Deutschlehrer hat über Beziehungen zum FC Basel einen Satz Trikots als Leihgabe organisiert.

Doch M. wäre wohl auch ohne teures Leibchen aufgelaufen. Denn für den gläubigen Muslim ist es ein Geschenk Allahs, dass er überhaupt noch mitfahren durfte: «Ich habe eine Woche lang gebettelt, aber das Team war bereits komplett. Heute morgen um 6 Uhr hat mich die Zentrumsleiterin geweckt. Ein anderer Spieler hat abgesagt und ich bekam seinen Platz. Die Leiterin meinte noch, es gäbe leider keine Fussballschuhe für mich. Doch meine standen natürlich schon frisch geputzt unter dem Bett bereit.»

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Trotz kaputter Sohle: M.s wertvollster Besitz. Seine Fussballschuhe lässt der nigerianische Flüchtling nicht aus den Augen.  bild: watson

Auf dem Platz ist nicht zu übersehen, wie ernst dem jungen Nigerianer die Sache mit dem Fussball ist. Während sich seine Mitspieler in typischer Grümpelturnier-Manier in Einzelaktionen verzetteln, versucht der defensive Mittelfeldspieler mit den dünnen Beinen wenigstens ein bisschen Organisation in seine Truppe zu bringen. Seine Freunde rufen ihn «Pogba», doch M. verhält sich fussballerisch fast schon reifer als der berühmte Namensgeber. Als letzter Mann spielt er den Ball lieber ins Aus, statt ihn im spektakulären Dribbling zu verlieren. Auch ein Zeichen dafür, dass er eine taktische Grundausbildung erhalten hat.

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Diszipliniert: M. versucht dem Spiel seiner Mannschaft eine taktische Grundordnung zu geben. bild: watson

Alles auf die Karte Fussball gesetzt

Und tatsächlich: M. erzählt, dass er mit Kano United bereits als 17-Jähriger in der zweithöchsten nigerianischen Liga gespielt habe. Fünf Mal pro Woche trainierte er für den Traum von der Profikarriere. Das war damals, bevor er aus Verzweiflung zum Fussball-Flüchtling wurde.

«Fussball ist meine einzige Chance auf ein gutes Leben.»

M.

«In Nigeria gibt es mehr Probleme, als ihr Schweizer euch überhaupt vorstellen könnt. Es gibt einfach zu viele böse Menschen, um ein friedliches Leben zu führen. Gewalt, Korruption und Terror sind Alltag. Viele Leute sind arm und müssen jeden Tag um ihr Überleben kämpfen. Ich wollte meiner Familie helfen, deshalb habe ich das Land verlassen», erklärt M.

Seine Hoffnungen setzt er auf eine risikoreiche Karte: «Ich habe keinen Beruf gelernt. Fussball ist meine Karriere, Fussball ist meine Zukunft. Ich brauche ihn mehr als alles andere auf der Welt. Fussball ist meine einzige Chance auf ein gutes Leben.»

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M. schnürt seine Fussballschuhe in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. bild: watson

Todesangst in Libyen

Wie schlecht die Aussichten auf die ersehnte Karriere wirklich sind, muss M. bald am eigenen Leib erfahren. Via Niger reist er nach Libyen und schliesst sich dem Erstliga-Klub Aljazeera Zuwara an. Ohne festen Vertrag versucht er, sich einen Platz in der ersten Mannschaft zu erkämpfen. «Der Trainer mochte mich und ich habe einige Freundschaftsspiele absolviert. Doch dann verletzte ich mich schwer am Oberschenkel. Schon war niemand im Klub mehr an mir interessiert. Mein Leben war für sie nichts wert. Ich habe sie angefleht, mich zu einem Arzt zu schicken, doch es war ihnen völlig egal.»

Ausgerechnet in dieser Krise fällt M. einer militanten Gruppe in die Hände. Seine Kidnapper sperren ihn ein, versuchen Lösegeld von seiner Familie in Nigeria zu erpressen. Als diese nicht zahlen kann, durchstechen die Kriminellen die rechte Brustwarze ihrer Geisel mit einem Messer. M. zieht sein FCB-Trikot hoch und zeigt die Narben: Einstichstelle, Ausstichstelle. Ein grausamer Anblick. 

«Mein Leben war für sie nichts wert.»

M.

Erst als seine Peiniger merken, dass sie aus ihrem Opfer kein Kapital schlagen können, lassen sie M. frei. Der junge Mann hat nur noch einen Gedanken: «Nichts wie weg aus diesem Land!»

Das Leben in die Hand von Schleppern gelegt

Ein Freund, dem die Flucht nach Deutschland gelungen ist, schickt ihm Geld, um die Schlepper zu bezahlen. Der Fussball-Flüchtling legt sein Schicksal wie abertausende Leidensgenossen in ihre Hand und besteigt ein Holzboot mit dem Ziel Lampedusa. M. erinnert sich: «Wir waren völlig überladen, es waren fast 200 Menschen an Bord. Während der Überfahrt habe ich mit meinem Leben abgeschlossen. Ich hatte nicht einmal mehr Angst, denn ich wusste: Jetzt kann mir nur noch Allah helfen.»

Irgendwann wird das Flüchtlingsboot von einem Schiff der italienischen Küstenwache aufgegriffen. M. ist gerettet. Er feiert das Wunder mit einem Freund, den er fortan «Bruder» nennt.

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Gerettet: M. und seine Freunde auf dem Boot der italienischen Küstenwache. bild: M.

«Während der Überfahrt habe ich mit meinem Leben abgeschlossen.»

M.

Zusammen wollen sie nach Deutschland weiterreisen und passieren bei Chiasso die Schweizer Grenze. Zollbeamte greifen sie auf, nehmen Fingerabdrücke und registrieren sie. In Frankfurt wiederholt sich das Prozedere, doch die deutschen Beamten setzen die Flüchtlinge sofort in den Zug retour nach Basel: «Sie sagten, wir seien illegal hier. Die Schweiz sei jetzt zuständig für uns, weil wir dort erstmals offiziell aufgetaucht sind.»

Im Juni stellt M. in der Schweiz einen Asylantrag. Als Person, die sich im beschleunigten Testverfahren des Staatssekretariats für Migration befindet, wird er dem Durchgangszentrum Juch in Zürich zugeteilt. Dort trifft ihn der nächste Schicksalsschlag: Sein «Bruder», mit dem er die Überfahrt nach Lampedusa überstanden hat, ertrinkt bei einem Badeunfall in der Limmat.

Ein Traum fast ohne Chance

Einige Wochen später wird M. in den Kanton Solothurn überwiesen. Dort wartet er seither auf seinen Asylbescheid und träumt von einer Chance im Schweizer Fussball: «Ich habe schon Probetrainings gemacht, aber ohne Papiere kann ich keinen Spielerpass bekommen. Ich bete jeden Tag für ein Wunder. Ich würde für jedes Schweizer Team spielen, das mich haben möchte. Wenn sie mich brauchen, bin ich da. Der Klub, der mich aufnehmen würde, den würde ich mein Leben lang lieben.»

Was M. nicht weiss, oder einfach verdrängt: Als Nigerianer hat er so gut wie keine Chance auf ein vorläufiges Bleiberecht. Rein statistisch ist seine Rückschaffung nur eine Frage der Zeit. Trotz der Horror-Schlagzeilen um Boko Haram gilt sein Herkunftsland für die Schweiz als demokratischer Staat, in dem es keine Verfolgung aus politischen, religiösen oder ethnischen Gründen gibt. Sämtliche 208 Asylgesuche von nigerianischen Staatsangehörigen wurden im Jahr 2014 abgelehnt.

M. Geschichte ist nur ein einzelnes Beispiel unter unzähligen Flüchtlings-Schicksalen. Dennoch lässt sie einen sprachlos zurück. Sein sportlicher Auftritt am «Kick für Toleranz» wird wohl für immer sein letzter auf Schweizer Boden bleiben.

*Name der Redaktion bekannt. M. hat mittlerweile einen Club gefunden, deshalb haben wir seinen Namen auf seinen Wunsch im Oktober 2017 anonymisiert.

Auf dem Weg in ein besseres Leben: Hunderte Flüchtlinge treffen mit dem Zug in München ein

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Auf dem Weg in ein besseres Leben: Hunderte Flüchtlinge treffen mit dem Zug in München ein
quelle: epa/dpa / sven hoppe
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