War der VAR-Eingriff bei Embolo korrekt? Die Meinungen der Experten gehen auseinander
Am Ende war dies der Knackpunkt im WM-Viertelfinal zwischen der Schweiz und Argentinien: die Gelb-Rote Karte gegen Breel Embolo. In der 72. Minute wurde der Schweizer für eine Schwalbe vom Platz geschickt. Darin, dass es sich um ein Täuschungsmanöver gehandelt hat, sind sich alle einig.
Doch war das Vorgehen des portugiesischen Schiedsrichters João Pinheiro, der zunächst Argentiniens Leandro Paredes für ein vermeintliches Foul verwarnt hatte, dann nach einem Eingriff des mexikanischen VAR Guillermo Pacheco aber umschwenkte und Embolo bestrafte, korrekt? Da sind sich die Experten geteilter Meinung.
SRF-Experte Sascha Amhof hält das Vorgehen für korrekt. So sagte der frühere Super-League-Schiedsrichter: «Schon vor dem Turnier wurden die Teams instruiert, dass eine falsche Gelbe Karte vom einen auf den anderen Spieler übertragen werden kann.» Dies beschränke sich nicht mehr auf Spieler desselben Teams, sondern könne auch den Gegner betreffen. «Die Grundlage ist da, dass der Schiedsrichter Paredes eine Gelbe Karte gegeben hat, die klar falsch ist. Stattdessen müsste sie Embolo für die offensichtliche Schwalbe bekommen», so Amhof.
Auch Ex-Bundesliga-Schiri Lutz Wagner findet, dass alles richtig abgelaufen sei. «Legt man die FIFA-Auslegung zugrunde, ist alles korrekt gelaufen», sagte Wagner bei der ARD und fügte an: «In diesem Fall greift tatsächlich der Tatbestand der Verwechslung, denn es soll nicht der falsche Spieler Gelb bekommen.» An der WM wurde die neue «Mistaken Identity»-Regel auch schon im Spiel der USA gegen Paraguay so ausgelegt worden. Die FIFA erklärte in der Folge, dass das Vorgehen des damaligen Schiedsrichters Danny Makkelie so den Regeln entspreche. Darauf beziehen sich Amhof und auch internationale Experten.
Anders sieht das hingegen Wagners Landsmann Manuel Gräfe. Dem deutschen früheren Unparteiischen kommt ein entscheidender Punkt der Regelung zu kurz: die der «mistaken identity». Also der «Spielerverwechslung». Nur wenn eine solche vorliegt, sei gemäss den Regelhütern vom International Football Association Board nämlich erlaubt, dass der VAR eingreift. Im seit Beginn der WM gültigen neuen Regelbuch des IFAB gibt es mehrere Abschnitte zu diesem Thema. Hier ein kurzer Überblick:
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• Spielerverwechslungen, wobei der Schiedsrichter eindeutig den falschen Spieler des betreffenden oder des gegnerischen Teams für ein Vergehen mit einer gelben oder roten Karte bestraft; das Vergehen selbst kann nur hinsichtlich der Spielerverwechslung überprüft werden.»
Für Gräfe ist aufgrund dieser Formulierungen klar, dass Pinheiro einen «Protokollbruch» begangen habe. So wie auch schon Makkelie zwischen den USA und Paraguay. «Aber das positive Medienecho hat (Schiedsrichterchef) Pierluigi Collina und die FIFA dazu veranlasst zu sagen, dass das für die WM nun so gilt», glaubt Gräfe. Vom IFAB sei aber nicht so vorgesehen gewesen, dass nun «Tatsachenentscheidungen umgedreht werden. Das geht zu weit.» Gräfe spricht gar von einem Skandal.
Vielmehr hätten die Regelhüter Situationen wie jene im EM-Final 2016 verhindern wollen. Damals gab Schiedsrichter Mark Clattenburg Frankreich-Verteidiger Laurent Koscielny die Gelbe Karte für ein Handspiel, das Portugals späterer Siegtorschütze Eder begangen hatte. Der englische Unparteiische verwechselte also die beiden Spieler, was heute unter die «Mistaken Identity»-Rule fallen würde.
Weil die FIFA die Regel aber anders interpretiere und damit die Macht des VAR ausweite, fragt sich Manuel Gräfe: «Wie reagiert das IFAB? Dieses hat die Regel nicht so gemeint und jetzt wird es spannend, ob es diese dann aufnimmt oder einkassiert und sie dann so einzig an dieser WM gegolten hat.»
