Die armen Deutschen – verblüffende Parallelen und ein Lob dem Irrtum
Die Parallelen sind verblüffend. Im WM-Final von 1966 trifft Geoff Hurst in der 102. Minute (also in der Verlängerung) zum 3:2. Aber war der Ball drin? Die TV-Technik steckt im Vergleich zu heute noch in den Kinderschuhen. Es gibt keine laufenden und auch keine stehenden Bilder, die zeigen, ob der von der Latte abprallende Ball auf oder hinter der Torlinie landete.
Kein anderes Tor der Fussball-Historie ist von der Wissenschaft so eingehend geprüft worden und es gibt sogar Bücher darüber. («Drin oder Linie?» von Gerhard Henschel und Günther Willen ist das Beste.) Aber weder Ingenieure noch Fototechniker noch intensive Befragungen aller Beteiligten haben das Rätsel lösen können.
Die Annahme ist berechtigt, dass der Ball wohl nicht drin war. Mit ziemlicher Sicherheit wäre der Treffer dank dem VAR-System nicht gegeben worden und die Deutschen hätten intakte Chancen auf den Titelgewinn gehabt. Dieses «Wembley-Tor» hat dem Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst Weltruhm beschert. Er erkannte nach Befragung seines sowjetischen Linienrichters Tofik Bachramow auf Tor. England gewann am Ende 4:2 und wurde zum bisher einzigen Mal Weltmeister.
Dieses 3:2 ist das meistdiskutierte Tor der gesamten Teamsport-Weltgeschichte und der deutsche Torhüter Hans Tilkowski hat seiner Autobiografie den Titel gegeben «Und ewig fällt das Wembley-Tor». Ach, wie um vieles ärmer wäre die Fussballkultur ohne dieses 3:2.
60 Jahre später: Jonathan Tah erzielt – auch in der Verlängerung und fast zum gleichen Zeitpunkt (101. Minute) – im WM-Sechzehntelfinal gegen Paraguay das 2:1, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum Sieg und zum Einzug in das Achtelfinale gereicht hätte. Deutschland könnte immer noch Weltmeister werden.
Aber Schiedsrichter Jalal Jayed nimmt das Tor zurück, weil Waldemar Anton zuvor Paraguays Torhüter Orlando Gill gefoult haben soll. Er hatte zunächst auf Tor entschieden, geht jedoch nach einem Hinweis der Videoassistentin (VAR) Tatiana Guzman aus Nicaragua zum TV-Bildschirm am Spielfeldrand und revidiert seine Entscheidung. Auch da die Parallele zu 1966: Das Hilfspersonal des Schiedsrichters spielt eine entscheidende Rolle.
Ohne das VAR-System (also unter den gleichen Voraussetzungen wie 1966) hätte der Treffer gezählt. Der Irrtum beschert uns nun eine Fülle von Polemiken, die bei Fussball-Misserfolgen in Deutschland zu den köstlichsten Lektüren der Weltliteratur zählen und die ja nicht geschrieben würden, wenn das 2:1 gezählt hätte. Mag sein, dass der Irrtum der Spielleitung nun Julian Nagelsmann den Job kosten wird. Aber aufs Bürgergeld wird er nicht angewiesen sein.
Anderes Jahrhundert, andere Zeiten, andere Regeln, andere, viel bessere Technik – aber das genau gleiche Problem. Und wir sollten die Fussballgeschichte ein wenig umschreiben: Fussball ist nicht mehr, wenn am Ende doch die tüchtigen Deutschen gewinnen. Fussball ist, wenn die armen Deutschen in der Verlängerung von den Schiedsrichtern benachteiligt werden.
Diese Episode bringt ein fundamentales Problem des VAR-Systems auf den Punkt, das nie gelöst werden kann: Menschen entscheiden und interpretieren das, was sie sehen, unterschiedlich. Früher entschieden sie aufgrund dessen, was sie in Echtzeit auf dem Platz gesehen haben. Nun entscheiden sie halt aufgrund von TV-Bildern, die sie ebenso falsch auslegen können.
Der Irrtum ist einfach vom Rasen auf die TV-Schirme verlegt worden – aber er ist immer noch da und wird immer da sein. Und das ist gut so. Lob und Preis dem Dämonen Irrtum! Die Kultur des Mannschaftssportes wäre ohne Diskussionen über Schiedsrichterentscheide um so vieles ärmer und die Trainer hätten weniger Ausreden.
