Fussball-Deutschland steht vor einem riesigen Trümmerhaufen
An der WM 2018 in der Gruppenphase ausgeschieden. An der EM 2021 mit Ach und Krach den Achtelfinal erreicht und dort gescheitert. An der WM 2022 wieder vor der K.o.-Phase heimgereist. An der EM 2024 dann mit dem Erreichen des Viertelfinals für einen kleinen Lichtblick gesorgt. An der WM 2026 im Sechzehntelfinal aber wieder blamiert.
Liest sich so die Bilanz einer grossen Fussballnation? Nein! Deutschland befindet sich seit dem Weltmeisterschaftstitel 2014 in einem steten Niedergang. Dieser konnte rund um die Heim-EM vor zwei Jahren vermeintlich gestoppt werden, doch war die Euphorie nur von kurzer Dauer. Mit dem peinlichen Scheitern gegen Paraguay ist Deutschlands Nationalteam wieder zurück auf Start.
Trainer Julian Nagelsmann konnte die Entwicklung, die er nach einem schwierigen Start als Bundestrainer dann im März 2024 mit einem Sieg gegen Frankreich angestossen hat, nicht weiterführen. Vielmehr sorgte er selbst dafür, dass alles wieder in die Brüche ging. Mit seinem Rumgeeier rund um die Personalie Manuel Neuer, mit seinem Umgang mit Goalgetter Deniz Undav und mit seiner bockigen und rechthaberischen Art bei kritischen Fragen in Interviews.
Nagelsmann hatte Deutschland mit seinem Nationalteam versöhnt. Jetzt steht er bei Experten und Fans gleichermassen in der Kritik und hat einen Grossteil seiner Beliebtheit eingebüsst. Sowohl der Kicker als auch die Sportschau fordern das Aus des Bundestrainers – und daran führt wohl kein Weg vorbei. Der 38-Jährige hat sich während des Turniers mit seiner Sturheit und teilweise auch Arroganz selbst ins Abseits befördert. Nur schon, um die Beliebtheit des Teams in der deutschen Bevölkerung wieder zu steigern, sollte sich der DFB um einen Nachfolger bemühen, der besser ankommt.
Jedoch wären die Probleme damit nicht gelöst. Deutschland fehlt nämlich auch die Qualität bei den Spielern. Die Jahrgänge 1995 und 1996 um Spieler wie Joshua Kimmich, Leroy Sané und Leon Goretzka, die als noch talentierter als die Weltmeistergeneration von 2014 angekündigt wurden, sind am Ende ihrer Blütezeit angekommen. Bleiben wird von ihr auf Nationalmannschaftsebene nichts – oder zumindest nichts Positives.
Und was kommt nach? Einzelne Toptalente wie Florian Wirtz oder Jamal Musiala, die an der WM aber ebenfalls hinter den Erwartungen zurückblieben und nach ihrer Topform suchten. Mit Nathaniel Brown und Aleksandar Pavlovic waren zu Beginn der Weltmeisterschaft nur zwei Stammspieler jünger als 23 Jahre alt. Im Vergleich zu der unheimlichen Fülle an Spielern auf Topniveau bei Frankreich, Spanien oder England hinkt Deutschland einfach um Welten hinterher. Selbst Kai Havertz – auch er übrigens schon 27 – stimmte da der Aussage zu, dass sein Heimatland nur noch zweitklassig sei.
«Wir müssen uns einiges wieder hart erarbeiten», fügte der ehemalige Nationalspieler Per Mertesacker im ZDF an. Eigentlich sei eine WM dazu da, sich mit anderen grossen Nationen zu messen. «Aber das haben wir nicht geschafft. Das ist eine Riesenenttäuschung und es werden sich viele hinterfragen müssen, ob das unser Anspruch sein kann.»
Emblematisch zeigt sich der Niedergang Deutschlands im Fussball auf der Goalie-Position. Manuel Neuer wurde mit 40 Jahren nochmal reaktiviert, weil es immer noch keine klar bessere Option gibt. Die ursprüngliche Nummer 1, Oliver Baumann, ist auch schon 36. Wer würde nun darauf wetten, dass sich die derzeit grössten Goalie-Hoffnungen Noah Atubolu (24) und Jonas Urbig (22) hin zur Weltklasse entwickeln?
Nach den enttäuschenden letzten Turnieren wird zudem befürchtet, dass sich das Nachwuchsproblem nun noch verschlimmern könnte. «Die Statistik zeigt, dass solche Turniere einen riesigen Einfluss auf die Anmeldezahlen von Kindern bei Fussballklubs haben», erklärte Friederike Kromp, Trainerin der Frauen von Werder Bremen.
Die Folgen des erneuten frühen Ausscheidens an einer Weltmeisterschaft könnten also auch langfristig zu spüren sein. Kurzfristig wird dies definitiv der Fall sein. Denn je häufiger Deutschland peinlich scheitert, desto stärker ist dies in den Köpfen der Spieler verankert. Schon gegen Paraguay war zu spüren, wie die Angst vor der erneuten Blamage die Spieler verunsichert und hemmt. Ähnlich wie es dies bei Italien tut, das seit 2014 gar auf eine WM-Teilnahme wartet.
Doch obwohl sich Deutschland stets für die grossen Turniere qualifizierte, fällt das Fazit genauso verheerend aus: Deutschland ist aktuell meilenweit davon entfernt, eine grosse Fussballnation zu sein. Und nach dem Ausscheiden in Nordamerika ist der Trümmerhaufen, vor dem es steht, so gross wie nie zuvor.
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