Warum für Belinda Bencic und Co. eine heilige Kuh geschlachtet werden könnte
Im Frauentennis muss womöglich bald eine heilige Kuh zur Schlachtbank geführt werden. Die Zahlen sind alarmierend, die Profi-Organisation der Frauen WTA (Women's Tennis Association) steht kurz vor dem finanziellen Kollaps. Wie die britische Zeitung «Telegraph» berichtet, rechnet die WTA für das laufende Jahr mit einem empfindlichen Verlust von 23 Millionen Dollar, die liquiden Mittel sollen noch 15 Millionen betragen. Geht es im gleichen Tempo weiter, wäre das Geld im Herbst 2027 aufgebraucht.
Verschärft hat die seit Jahren angespannte finanzielle Lage das vorzeitige Ende der Vereinbarung über die Austragung der WTA-Finals in Riad. Saudi-Arabien war für die WTA weit mehr als nur ein Gastgeber: Der Vertrag mit dem Staatsfonds PIF spülte in drei Jahren 150 Millionen Dollar in die Kasse. Das viele Geld erlaubte es der Organisation, beim Saisonfinal mit einem Rekordpreisgeld von 15,2 Millionen Dollar aufzutrumpfen.
Doch das Engagement war von Beginn an umstritten. Die Tennis-Ikonen Chris Evert und Martina Navratilova wandten sich wegen der Menschenrechtslage und insbesondere der Rechte von Frauen und LGBTQ-Personen öffentlich gegen Saudi-Arabien als Gastgeber. Ob und in welchem Ausmass dieser Widerstand beim vorzeitigen Ende der Zusammenarbeit eine Rolle spielte, ist offen.
Die Verlegung des Finals der acht besten Frauen des Jahres nach Indian Wells löst die ethische Frage, verschärft aber die finanzielle Schieflage. Das Preisgeld dürfte um mindestens ein Drittel gekürzt werden.
Fusion mit ATP ist gescheitert
Zusätzlich versiegt eine weitere wichtige Geldquelle. 2023 verkaufte die WTA 20 Prozent ihres kommerziellen Geschäfts für 150 Millionen Dollar an die Investmentgesellschaft CVC. Das Geld wird in 5 jährlichen Raten zu je 30 Millionen ausbezahlt, die letzte 2027. Die Finanzspritze verschaffte der WTA Luft, löste ihre strukturellen Probleme aber nicht.
Auch ein wie einst von Roger Federer angeregter Zusammenschluss des kommerziellen Geschäfts von WTA und ATP, der Profi-Organisation der Männer, ist vorerst gescheitert. Weil die ATP finanziell deutlich besser dasteht, sollte die WTA bei den bestehenden Vermögenswerten lediglich 20 Prozent erhalten, die ATP 80 Prozent. Hinzu kamen hohe erwartete Kosten für den Aufbau der gemeinsamen Gesellschaft.
Um ihre Existenz zu sichern, muss die WTA womöglich bald ihre heiligste Kuh zur Schlachtbank führen: gleiches Preisgeld für Frauen und Männer. Dieser Anspruch gehört seit der Gründung 1973 zum Kern ihrer Identität.
WTA stopft Millionenlöcher
Zwar zahlen die vier Grand-Slam-Turniere Frauen und Männern gleich viel. Bei anderen grossen gemeinsamen Turnieren wie Miami oder Madrid erhalten die Spielerinnen teilweise nur rund 40 Prozent dessen, was an die Männer ausgeschüttet wird. Um ihrem egalitären Anspruch gerecht zu werden, versucht die WTA, diese Lücken mit eigenen Mitteln zu schliessen. Alleine 2023 wurden dafür offenbar 30 Millionen Dollar aufgewendet.
Das gesellschaftspolitische Ziel der Gleichbehandlung kollidiert mit einer grausamen wirtschaftlichen Realität: Das Frauentennis erzielt bei den meisten gemeinsamen Veranstaltungen deutlich weniger Einnahmen als das Männerturnier. Die WTA hat es bisher nicht geschafft, diese Lücke durch Medien-, Sponsoring- und Vermarktungserlöse zu schliessen.
Grand-Slam-Turniere florieren
Dabei mangelt es dem Frauentennis nicht an Strahlkraft. Spielerinnen wie Coco Gauff, Naomi Osaka oder Emma Raducanu sind weltweit bekannte Werbegesichter und schliessen lukrative Sponsorenverträge ab. Der WTA gelingt es jedoch kaum, dieses Potenzial auszuschöpfen. Während die ATP 18 Unternehmenspartner zählt, sind es bei der WTA lediglich deren 6.
Wie kann das sein, wo im Tennis doch Milliarden umgesetzt werden? Weil dieses Geld nur teilweise bei der WTA landet. Die vier Major-Turniere (Australian Open, French Open, Wimbledon und US Open) setzen rund 1,5 Milliarden Dollar im Jahr um. Sie verdienen mit TV-Rechten, Sponsoring, Tickets und Merchandising – und florieren. Doch wirtschaftlich sind sie eigenständig und werden unabhängig von WTA und ATP organisiert.
Bei Konkurs droht ein Chaos
Die WTA liefert ihnen mit Spielerinnen wie Aryna Sabalenka, Iga Swiatek, Coco Gauff oder auch Belinda Bencic zwar einen wesentlichen Teil des Produkts, partizipiert aber nicht einfach an deren Gewinnen. ATP, WTA, der Weltverband World Tennis (vormals ITF) und die vier Grand-Slam-Turniere verfolgen ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen.
Heute treten mehr als 1600 Spielerinnen aus über 80 Ländern unter dem Dach der WTA an. Grotesk: Für 2026 weist die Profi-Organisation ein Rekordpreisgeld von 180 Millionen Dollar aus. Die WTA koordiniert den Kalender, führt die Weltrangliste, setzt Regeln und bündelt einen Teil der globalen Medien- und Vermarktungsrechte. Ein Konkurs bedeutet nicht das Ende des Frauentennis, hätte aber massive Folgen. Es droht ein organisatorisches Chaos, Rechtsstreitigkeiten um bestehende Verträge.
Die WTA steht in einem Wettlauf mit der Zeit. Erschliesst sie nicht rasch neue Einnahmequellen, könnte das zum Problem werden, was seit ihrer Gründung unantastbar war: ihre heilige Kuh, das gleiche Preisgeld. (schweizheute.ch)

