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Bodyshaming im Sport: Warum Sportlerinnen stärker betroffen sind

Weltbeste Judoka im Schwergewicht: Léa Fontaine.
Weltbeste Judoka im Schwergewicht: Léa Fontaine.Bild: Stephane Mantey/Imago

Bei Männern zählt die Leistung, bei Frauen der Körper: Bodyshaming vergiftet den Sport

Sie gewinnen Medaillen und brechen Rekorde. Trotzdem werden Sportlerinnen bis heute häufiger nach ihrem Aussehen als nach ihrer Leistung beurteilt. Der Fall der Judoka Léa Fontaine zeigt, warum.
08.09.2026, 22:5308.09.2026, 22:53
Simon Häring
Simon Häring

Als die Französin Léa Fontaine Ende August Lausanne verliess, war sie die beste Judoka der Welt. Sie hatte Gold gewonnen, erstmals ihre Landsfrau Romane Dicko bezwungen und die Weltranglistenführung übernommen. Wenige Stunden später sprach kaum mehr jemand über ihren Sieg.

Stattdessen wurde im Internet über ihren Körper diskutiert. Aber nicht etwa darüber, wozu dieser fähig ist, sondern wie er aussieht. Fast täglich sind Spitzensportlerinnen Léa Fontaine heute in den sozialen Medien Bodyshaming, Sexismus, Homophobie und Rassismus ausgesetzt.

Ein Fall für den Anwalt

Viele nehmen das schweigend hin, Fontaine nicht. «Wiederholter Spott, Angriffe auf mein Äusseres und Kommentare, die darauf abzielen, mich persönlich herabzuwürdigen, überschreiten eine Grenze», liess sie wenige Tage nach ihrem Triumph über einen Anwalt mitteilen. Sie habe die Kommentare gesichert und prüfe rechtliche Schritte gegen die Verfasser.

Zuspruch erhielt Fontaine von Finalgegnerin Romane Dicko. Diese hatte 2024 gemeinsam mit einer Balletttänzerin ein viel beachtetes Video veröffentlicht: zwei Frauen mit völlig unterschiedlichen Körpern, vereint in einer faszinierenden Mélange aus Kraft und Eleganz. Doch statt in dieser Verschmelzung optischer Gegensätze Schönheit zu erkennen, schossen sich zahlreiche Internetnutzer auf den Körper der Judoka ein.

Léa Fontaine bei den Europameisterschaften in Tiflis.
Léa Fontaine bei den Europameisterschaften in Tiflis.Bild: Levan Verdzeuli

In Frankreich drohen Haft und Bussen

Die Kommentare waren so herabwürdigend, dass Dicko Strafanzeige erstattete. Über den Stand des Verfahrens ist nichts bekannt. Frankreich geht bei Cybermobbing jedoch deutlich konsequenter vor als viele andere Länder. Erwachsenen drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis und 30'000 Euro Busse, bei rassistischen oder sexistischen Motiven bis zu drei Jahre Haft und 45'000 Euro. Dass diese Gesetze keine toten Buchstaben sind, zeigen mehrere Urteile – etwa gegen Personen, die Brigitte Macron oder die Influencerin Magali Berdah im Internet massiv belästigt hatten.

In der Schweiz ist die Rechtslage komplexer. Cybermobbing ist kein eigener Straftatbestand. Betroffene müssen beleidigende Kommentare einzeln als Beschimpfung oder Drohung anzeigen. Ein neues Gesetz soll diese Lücke schliessen. Der Bundesrat lehnt dieses jedoch ab, das bestehende Strafrecht reiche aus. Die Kantone Genf und Waadt haben Anlaufstellen für Sportlerinnen geschaffen, die Opfer von Diskriminierung werden. Auf nationaler Ebene ist Swiss Sport Integrity die Meldestelle.

Soziale Netzwerke als Brandbeschleuniger

Bewertungen weiblicher Körper sind nicht neu. Die sozialen Netzwerke verleihen ihnen jedoch unter dem Schutz der Anonymität eine neue Wucht und Permanenz. Was früher auf der Tribüne oder am Stammtisch gesagt wurde, erreicht heute die betroffene Athletin direkt, wird tausendfach geteilt und verbreitet sich innert Minuten rund um den Globus.

Wie gross das Problem tatsächlich ist, zeigt eine Studie der Fifa und der Spielergewerkschaft Fifpro. Während der Fussball-WM der Frauen 2023 waren 152 Spielerinnen – also mehr als jede Fünfte – Zielscheibe von Hassbotschaften und Drohungen im Internet. Fast die Hälfte dieser beleidigenden Nachrichten war homophober oder sexistischer Natur.

Alisha Lehmann beim Warm-Up der UEFA Women's EURO 2025.
Alisha Lehmann beim Warm-Up der UEFA Women's EURO 2025. Mit ihrer grossen Präsenz in den sozialen Medien ist sie ständigen Kommentaren ausgesetzt.Bild: KEYSTONE/Til Buergy

Serena Williams' Selbstzweifel

Auch Serena Williams weiss, wie sich das anfühlt. Die Tennisspielerin war während ihrer Karriere immer wieder Ziel solcher Kommentare. 2025 erzählte sie, wie die ständigen Vergleiche mit meist schlankeren Konkurrentinnen ihr Selbstbild verzerrten. Erst Jahre später erkannte sie auf alten Aufnahmen nicht einen Körper voller eingebildeter Selbstzweifel, sondern den einer durchtrainierten Spitzensportlerin.

Ähnliches erlebte Marion Bartoli nach ihrem Wimbledon-Sieg 2013, als ein BBC-Moderator sie öffentlich für ihr Aussehen verspottete. Bartoli konterte trocken: «War es mein Traum, Model zu werden? Nein. War es mein Traum, Wimbledon zu gewinnen? Ja, absolut.» Nach ihrer Karriere verlor die Französin stark an Gewicht, wog zeitweise weniger als 40 Kilogramm – und erneut wurde ihr Körper zum öffentlichen Diskussionsthema.

Serena Williams weiss, was es bedeutet, wenn der Körper beurteilt wird.
Serena Williams weiss, was es bedeutet, wenn der Körper beurteilt wird.Bild: EPA / Sarah Yenesel

Widerspruch zwischen Leistungs- und Schönheitsideal

Auch Lara Gut-Behrami kennt den Widerspruch zwischen Leistungs- und Schönheitsideal. «Man muss wissen, was man will, und akzeptieren, dass man keine Topmodel-Figur haben oder Skinny Jeans tragen kann, wenn man auf einer Abfahrt schnell sein will», sagte die Skifahrerin einst.

«Von einem Mann erwartet man, dass er stark und kraftvoll ist, von einer Frau, dass sie schön und schlank ist. Niemand würde einen Mann dafür angreifen, weil er in seiner Gewichtsklasse zu schwer oder zu kräftig ist. Bei Frauen ist genau das Gegenteil der Fall», erklärte der Soziologe Jérôme Berthoud gegenüber «24 Heures». Frauen dürften athletisch aussehen – solange sie noch genügend Zeichen klassischer Weiblichkeit vermitteln.

Lara Gut-Behrami sagt: «Man muss akzeptieren, dass man keine Topmodel-Figur haben kann.»
Lara Gut-Behrami sagt: «Man muss akzeptieren, dass man keine Topmodel-Figur haben kann.»Bild: Keystone / Alessandro della Valle

Bikini-Model mit BMI 30

Wie unmöglich dieser Spagat ist, weiss Ilona Maher. Die Rugbyspielerin hat kräftige Beine und breite Schultern. Sie bringt mit 1,78 Metern und 90 Kilogramm den Körper mit, den ihr Sport verlangt. Trotzdem machten sich kurz vor den Olympischen Spielen 2024 in Paris einige Internetnutzer über den Body-Mass-Index der US-Amerikanerin lustig.

Rugby-Spielerin Ilona Maher hat einen BMI von 30.
Rugby-Spielerin Ilona Maher hat einen BMI von 30.Bild: Molly Darlington - World Rugby

Maher reagierte mit Lakonie und Gelassenheit: Ja, ihr BMI ordne sie als übergewichtig ein – gleichzeitig sei sie Spitzensportlerin. Die Fortsetzung entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Ausgerechnet die Figur, über die sich Tausende lustig gemacht hatten, machte sie zum Model. Danach posierte sie drei Jahre in Folge für die «Sports Illustrated Swimsuit» im Bikini. (schweizheute.ch)

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Keine Gleichstellung von Frauen
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Keine Gleichstellung von Frauen

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Alisha Lehmann und Riola Xhemaili im «Swiss Qwiss»
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181 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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arni99
08.09.2026 23:04registriert Juli 2016
Finde diesen Bericht von einem Medium, dass praktisch bei jedem Bericht über Frauen Fussball die Lehmann zeigt, etwas heuchlerisch.
Denn ihre grosse Medien Präsenz hat sie sich sicher nicht mit den sportlichen Leistungen verdient.
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Dominik Egloff
09.09.2026 00:13registriert November 2015
Sport ist kein Schönheitswettbewerb und Sportlerinnen und Sportler haben es verdient nach sportlichen Kriterien bewertet zu werden. Ansonsten kann ich es moralisch, auch im völlig legalen Bereich, nicht nachvollziehen, dass der Körper von Menschen überhaupt in negativer Weise öffentlich kommentiert wird.
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Obey
09.09.2026 06:23registriert Januar 2016
Ich habe keine Tochter und habe, als Mann, keine Erfahrung damit, wie und weshalb sich ein Mädchen für ein Vorbild entscheidet. Aber ich wäre überglücklich, wenn sie sich eine Frau wie Ilona Maher als Promi-Vorbild nehmen würde. Diese Frau ist eine Macht auf dem Spielfeld, lebt ihr Leben abseits davon genau wie sie will, ohne jemanden dadurch herabzusetzen und lebt vor, dass es völlig ok ist, anders zu sein und dass man sich dafür in keinster Form zu schämen oder verstecken braucht . Weshalb genau sollte das Aussehen da irgend eine Rolle spielen?
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