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Bildnummer: 05105830  Datum: 08.11.2009  Copyright: imago/Ulmer/Cremer
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Ralph Krueger. bild: imago/Ulmer/Cremer

Interview

«Das Eishockey hat sich in atemberaubender Weise entwickelt»



Ralph Krueger gehört zu den faszinierendsten Persönlichkeiten des Sportes, nordamerikanische Medien haben ihn einmal den interessantesten Mann des Sportes genannt. Er legte in 13 Jahren als Nationaltrainer die Basis zum Aufstieg der Schweiz in die Weltklasse, führte ein Klub in der wichtigsten Fussballliga der Welt und coacht heute in der NHL die Buffalo Sabres. Ein Gespräch nicht nur über Sport an seinem Zweitwohnsitz in Davos.

Sie sind einer der charismatischsten Coaches und ein Grossmeister der Kommunikation. Aber in den sozialen Medien sind Sie nicht präsent. Wie kommt das?
Ralph Krueger: Wenn ich etwas zu sagen habe, dann transportiere ich meine Message über die klassischen Medien. Das ist eine viel grössere Herausforderung, die ich nicht missen möchte. Es ist ja langweilig, wenn es keinen Widerspruch gibt und wenn ich nicht überzeugend auftreten muss. Der Verzicht auf soziale Medien spart sehr viel Zeit, die ich sinnvoller nutzen kann. Im Laufe dieses Sommers haben sich auch einige unserer Spieler ganz aus den sozialen Medien ausgeklinkt.

Sie kommunizieren mit Ihren Spielern also nicht über soziale Medien?
Nein. Ich rede lieber direkt mit den Spielern. So kann ich Energie auftanken. Über soziale Medien ist das nicht möglich.​

Sie finden nicht nur den Draht zu den Spielern, sondern auch zu Ihren Vorgesetzten. Der General Manager ist in Buffalo gefeuert worden, aber Sie sind im Amt geblieben. Nun ist Kevyn Adams Ihr Chef. Wie wirkt sich dieser Wechsel auf der Kommandobrücke auf Ihre Arbeit aus?
Meine Beziehung zur Besitzerfamilie, zu Kim und Terry Pegula, ist enger geworden. Wir hatten viel Zeit, um unsere Situation zu analysieren. Es ist klar, dass ich in dieser Konstellation nun stärkeren Einfluss auf die Entscheidungen habe.

Dann sind Sie jetzt also sozusagen General Manager und Coach?
Nein, das will ich nicht. Und Kevyn ist der GM, das ist völlig klar. Der ständige Kontakt mit den Besitzern und dem General Manager ist nicht die Regel und nicht für viele Coaches möglich. Es ist einfach so dass ich vom Rand mehr zur Mitte gerückt bin. Wir wollten beispielsweise mit Taylor Hall den besten Spieler auf dem Markt verpflichten. Dafür mussten wir Platz schaffen, um den Salary Cap einhalten zu können. Ich durfte an dieser komplexen Entscheidung mitarbeiten, bei der verschiedenste Faktoren – von den Finanzen bis zur richtigen Einschätzung des Wertes von Spielern – zu berücksichtigen sind. Aber ich bin in erster Linie Headcoach, will nichts anderes sein und täglich mit den Spielern arbeiten. In Southampton war ich als Präsident zu weit weg vom sportlichen Tagesgeschäft, jetzt geniesse ich diese Nähe.

«Wenn Sie so wollen, habe ich als Coach in Feldkirch den Bachelor gemacht, mit der Schweizer Nationalmannschaft den Master und dann in Southampton den Doktor.»

Sie waren in Edmonton der Coach von Taylor Hall. Haben Sie ihn zum Wechsel nach Buffalo überredet?
Ja, teilweise. Für ihn ist wichtig zu wissen, wer sein Coach sein wird. Aber es gibt noch andere Gründe, warum er sich für uns entschieden hat. Beispielsweise die Chance, mit Jack Eichel spielen zu können und dass er in der Nähe von Buffalo aufgewachsen ist. Er ist für uns sehr wichtig, weil er ein Weltklassespieler ist, der in einem Spiel die Differenz machen kann. Mit Eric Stahl haben wir zudem einen erfahrenen Führungsspieler verpflichtet. Wenn wir besser werden wollen, brauchen wir solche Spieler.

Die Verletzung von Torhüter Linus Ullmark dürfte ein Grund sein, warum Sie nach einem guten Saisonstart die Playoffs nicht mehr erreicht haben. Generell scheinen die Sabres auf der Goalieposition nicht gerade auf Rosen gebettet zu sein.
Sein Ausfall hat uns im Januar tatsächlich aus dem Konzept gebracht. Die Ausgeglichenheit in der Liga ist verrückt, jedes Detail entscheidet und wenn nur fünf Prozent der Leistungsfähigkeit und dadurch sechs oder sieben Spiele verloren gehen, kann die ganze Saison ruiniert sein. Das bedeutet aber auch, dass es möglich ist, mit richtigen Entscheidungen bei den Schlüsselpositionen sehr schnell wieder nach oben zu kommen. Wir sind jetzt auch ausgeglichener geworden, wir haben an Tiefe gewonnen. Wie wichtig das sein kann, haben wir soeben gesehen: Tampa hat ohne Steven Stamkos den Stanley Cup gewonnen.

Der Besitzerfamilie der Sabres gehören auch die Buffalo Bills, das Football-Team. Sind die Bills nicht viel wichtiger?
Das würdest du nie spüren. Klar, die NFL ist eine ganz andere Sportmaschine, Football ist in den USA die Nummer eins. Aber die Bills haben in der Regular Season nur 16 Heimspiele und wir 41. Wir erzielen weniger Gewinn, aber wir sind im Herz von Buffalo so präsent wie die Bills.

Die Pegulas sind in Buffalo sehr präsent. Es ist ungewöhnlich, dass eine Besitzerfamilie sich so stark ins Management einmischt.
Das ist speziell und macht richtig Spass. Ich kenne das aus Southampton: Die Nähe zur Besitzerin machte es möglich, mit kurzen Entscheidungswegen unkompliziert zu handeln und sehr schnell die Kultur zu ändern.

Sie sind ein Alphatier. Sie könnten wahrscheinlich gar nicht arbeiten, wenn Sie nicht ganz oben, beim General Manager und der Besitzerfamilie mitreden könnten.
Ich versuche herauszufinden, was für das Team das Beste ist und wenn wir dann eine klare Vision haben, dann möchte ich, dass rasch entschieden wird. Aber wie ich schon sagte: Ich will nur der Headcoach sein. Das ist meine Rolle und ich habe den Job in Buffalo ja gerade deshalb angenommen, weil ich in Southampton die Nähe zum Sport vermisst habe.

Buffalo Sabres head coach Ralph Krueger looks on in the first period of an NHL hockey game against the Colorado Avalanche Wednesday, Feb. 26, 2020, in Denver. (AP Photo/David Zalubowski)
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Ralph Krueger auf der Bank der Buffalo Sabres. Bild: AP

Führt die Nähe zur Besitzerfamilie nicht auch dazu, dass sich die Präsidentin ins Tagesgeschäft einmischt?
Nein. Wenn du ihr Vertrauen hast, dann kannst du den Job machen und sie mischt sich nicht ein. Beispielsweise wollte sie vor der Verpflichtung von Taylor Hall alles wissen, sie wollte mit ihm reden und war bei unseren Besprechungen dabei. Das ist richtig so. Schliesslich hätten wir für seine Salärsumme gleich zwei Spieler verpflichten können.

Täuscht der Eindruck, dass Sie der Besitzerfamilie so nahestehen, dass Sie eigentlich unentlassbar sind? Es ist erstaunlich, dass im Frühjahr der General Manager gefeuert worden ist und nicht Sie als Coach. Die Besitzerfamilie war ja schon in Ihre Anstellung involviert.
Das stimmt. Mein erstes Jobinterview dauerte fünf Stunden ohne Essenspause. Wir haben uns dabei nicht nur über Hockey unterhalten. Aber unentlassbar ist niemand, das wäre eine sehr trügerische Sichtweise.

Hat überhaupt ein anderer NHL-Coach innerhalb seiner Organisation so viel Einfluss wie Sie?
Das kann ich nicht sagen. Es hängt davon ab, wie die Struktur einer Organisation ist. Die Konstellation mit Kevyn ist ideal. Er ist 15 Jahre jünger als ich und steht in seiner Position am Anfang der Reise und ich bin mit 61 eher am Ende der Karriere. Er schätzt meine Erfahrung, ich schätze seine Energie.

Was ist in Buffalo anders als in Edmonton, wo Sie nach einer Saison gefeuert worden sind?
In Edmonton war ich sehr weit weg von den Entscheidungsprozessen. Ich passte nicht zur Klubkultur. Aber ich bin Tom Renney dankbar, dass er mir diese Chance gegeben hat. Ich bin aber auch dankbar, dass ich nicht länger geblieben bin. Ich hätte sonst die Erfahrung als Berater der kanadischen Nationalmannschaft bei den olympischen Spielen von 2014, mit dem Team Europe beim World Cup 2016 und als Präsident in Southampton nicht machen können.

«Ich empfinde heute noch eine riesige Freude, wenn ich sehe, was aus Martin Gerber, Mark Streit, Jonas Hiller, Nino Niederreiter, Roman Josi, Timo Meier oder Kevin Fiala und noch vielen anderen geworden ist.»

Wir können auch sagen: Sie hatten keine Antwort auf die Fragen, mit denen Sie in Edmonton konfrontiert worden waren.
Ich wusste die Antwort schon: Wir waren nicht gleicher Meinung und ich hätte mich ändern müssen, um zu bleiben.​

Und so sind Sie nach Edmonton im Fussballgeschäft gleich in der wichtigsten Liga der Welt gelandet. Was haben Sie als Präsident in Southampton für ihren Job als Coach gelernt?
Als Präsident bist du in der Premier League nie populär. Den Ruhm ernten die Spieler und die Trainer, für den Misserfolg musst du geradestehen. Es hat mir gutgetan, sechs Jahre lang in dieser Rolle des Buhmanns zu sein. Und als Präsident musste ich erst einmal verkraften, was es bedeutet, für ein Budget von 180 Millionen die Verantwortung zu tragen. Dabei ist mir im Umgang mit Weltklassespielern bewusst geworden, wie wichtig Erfahrung ist. Es braucht sehr viel Zeit, bis ein Coach dazu in der Lage ist, mit Weltklassespielern richtig umzugehen. Das ist der Grund, warum erfahrene Coaches immer wieder Jobs bekommen. Dieses Wissen, wie Topathleten funktionieren, hatte ich in Edmonton noch nicht. Dieses Wissen zu erarbeiten ist so wie eine Weiterbildung vom Bachelor zum Master und schliesslich zu Doktor. Wenn Sie so wollen, habe ich als Coach in Feldkirch den Bachelor gemacht, mit der Schweizer Nationalmannschaft den Master und dann in Southampton den Doktor. Viele Wege führen zum Doktor, mein Weg über die Schweizer Nationalmannschaft und über einen Fussballclub in der Premier League ist vor mir niemand gegangen.

Wir funktionieren Topathleten?
Sie verlangen so viel. Sie wollen auf alles eine Antwort. Wenn du keine Antwort hast, dann verlierst du die Spieler. Du gibst einen Weg vor, auf dem Eis, im Spiel, im Training, neben dem Eis in den Pausen. Aber du musst von deinem Weg absolut überzeugt sein. Sonst folgen dir die Spieler auf diesem Weg nicht. Catch your players doing the right things.

Haben Sie je einmal keine Antwort gewusst?
Eine gute Frage. Ich möchte immer eine Antwort geben, egal was die Frage ist. Auch aus Respekt vor dem Fragesteller.

Sie haben aber unsere Frage noch nicht ganz beantwortet. Gab es eine Situation, in der Sie keine Antwort wussten?
Sicher hat es Situationen gegeben, in denen ich noch nicht das Wissen hatte, um eine Antwort zu finden. Ich bin weit weg davon, allwissend zu sein. Ich habe immer die Antwort mit dem Wissen gegeben, das ich im Moment hatte. Ich höre zu, wenn Spieler etwas sagen. Ich versuche, ein Trainer zu sein, der Lösungen bringt. Wenn ich die Lösung nicht gleich hatte, habe ich eine Auszeit genommen.

Qualifikationsspiel zwischen der Schweiz und Weissrussland am Mittwochnachmittag den 13.Februar 2002 in Salt Lake City.Die  Schweizer  Trainerbank  mit  einem nervoesen  Ralph Krueger,zusammen mit Martin Hoehener,unten rechts, und  links  Mathias Seger.(KEYSTONE/Karl Mathis)

Ralph Krueger an den olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City mit Martin Höhener (rechts) und Mathias Seger. Bild: KEYSTONE

Sie sind ein Hexenmeister der Kommunikation. Wie kommt das?
Der Trainerjob ist so riskant, ich wollte parallel dazu noch eine andere Schiene aufbauen und daraus ist parallel zu meiner Tätigkeit als Nationaltrainer «Team Life» geworden. Motivationsvorträge zu halten ist so etwas wie eine verrückte Leidenschaft und ich spürte, wie ich Menschen begeistern kann. Dank dieses zweiten Standbeines hatte ich nie Angst um meinen Job und musste nie Kompromisse eingehen. Dabei hat mir geholfen, dass mir der Sechsjahresvertrag, den ich nach der WM 2000 bekommen habe, eine gewisse Sicherheit gegeben hat.

Das erklärt noch nicht ihr Charisma als Kommunikator.
Ich muss weiter ausholen und zurückgehen bis zu meiner Schulzeit. Ich hatte nur den Sport im Sinn, aber meine Mutter bestand darauf, dass ich auch meinen Kopf gebrauche. Dazu gehörte das Auswendiglernen von Gedichten. Eines habe ich heute noch im Gedächtnis behalten: «The Death of the hired Man» von Robert Frost. Ich trug es auch öffentlich im Rahmen von Wettbewerben vor. In 23 Minuten. Ich habe später immer wieder als Gedächtnistraining Gedichte auswendig gelernt. Als ich Nationaltrainer war, habe ich in der Schweiz mit dem Auto bis zu 60'000 Kilometer zurückgelegt. Wahrscheinlich sollte ich das wegen der Polizei nicht öffentlich sagen, aber ich klebte Zettel auf mein Lenkrad und prägte mir so die Texte ein. Dieses Auswendiglernen ermöglicht es mir heute ohne Notizen auszukommen, wenn ich sprechen muss. Wenn du zwischendurch auf ein Papier schaust, dann verlierst du deine Zuhörer. Es ist besser, sich hundertprozentig zu konzentrieren und dabei etwas zu vergessen als nichts auszulassen aber zwischendurch auf ein Papier zu schauen.

«Kein anderer Mannschaftsport kommt an die Qualität des Eishockeys heran.»

Hatten Sie als Trainer so etwas wie ein Schlüsselerlebnis in Sachen Kommunikation?
Ja. In meiner dritten Saison in Feldkirch hatte ich 1994, bevor wir erstmals Meister geworden sind, vor einem wichtigen Spiel eine Kabinenansprache. Torhüter Claus Dalpiaz sagte mir, das sei meine beste Rede gewesen. Ich frage ihn, warum? Er sagte: ‹Heute hast du uns nur gesagt, wie wir spielen müssen und nicht ein einziges Mal, was wir nicht tun sollen. Seither mache ich es immer so.›

Die gefährlichste Versuchung für den Coach ist also, dass er seinen Spielern sagt, was sie nicht tun sollen?
Ja, die Gefahr heute ist Video und du zeigst Bilder und sagst dazu: So nicht und so nicht und so nicht. Statt zu sagen: Versuche es so und so und so.

Ralph Krueger

Geboren am 31. August 1959 in Winnipeg (Ka) als Sohn deutscher Einwanderer. – deutsch-kanadischer Doppelbürger, seit April 2019 auch Inhaber des Schweizer Passes. – verheiratet mit Glenda, Sohn Justin (spielt in Lausanne) und Tochter Geena. – Wohnsitz in Buffalo und in der Schweiz.

Karriere als Spieler (rechter Flügel): bis 1979 Junior in Kanada (WHL, 65 Spiele/85 Punkte). – 1979 bis 1988 in der Bundesliga (344 Spiele, 234 Tore, 233 Assists für Düsseldorf, Schwenningen, Riessersee, Iserlohn). – 1988 bis 1991 2. Bundesliga (148 Spiele, 133 Tore, 138 Assists für Krefeld, Duisburg und Ratingen). – 1982 und 1986 WM mit Deutschland. – 45 Länderspiele für Deutschland.

Als Coach 1991 bis 1998 Feldkirch (Alpenliga). – 1997 bis Olympia-Turnier 2010 (erste Saison im Doppelmandat mit Feldkirch) Schweizer Nationaltrainer – 2010 bis 2012 Assistent, 2012/13 Cheftrainer Edmonton Oilers (NHL, Playoffs verpasst) – 2014 bis 2019 geschäftsführender Präsident FC Southampton (Premier League Fussball). – seit 2019 Cheftrainer Buffalo Sabres (Jahressalär 3,9 Millionen Dollar). – 2014 Team Consultant für Team Canada beim Olympiaturnier. – 2016 Coach Team Europe beim World Cup.

Fünfmal in Serie (1994, 1995, 1996, 1997, 1998) österreichischer Meister und Sieger Alpenliga und 1998 Sieger European Hockey League (heute Champions Hockey League) mit Feldkirch. – WM-Halbfinal 1998 mit der Schweiz. – WM-Klassierungen: 4. (1998), 8. (1999), 6. (2000), 9. (2001), 10. (2002), 8. (2003), 8. (2004), 8. (2005), 9. (2006), 8. (2007), 7. (2008), 9. (2009). – seit 2019/20 Cheftrainer Buffalo Sabres (erste Saison Playoffs verpasst).

Sie waren von 1997 bis 2010 Trainer unserer Nationalmannschaft. Sind Sie zu lange geblieben?
Nein, überhaupt nicht.

Aber wenn Sie nicht so lange Nationaltrainer gewesen wären, hätten Sie noch eine viel längere Karriere in der NHL vor sich.
Es interessiert mich nicht, wie lange meine Karriere in der NHL noch dauert. Der Weg in die NHL war fantastisch und ich möchte keine WM mit der Nationalmannschaft missen und das Olympiaturnier in Vancouver schon gar nicht. Während diesen 13 Jahren als Nationaltrainer hat es keine einzige langweilige Minute gegeben.

Auch nicht während den trostlosen Slowakei-Reisen im November oder Dezember nach Piestany?
Ja klar, heute haben solche Spiele an Wert verloren. Aber damals war es noch anders. Da war alles wichtig. Es gab kein unwichtiges Spiel, es ging immer um die Plätze in der Nationalmannschaft und im WM-Team. Das war so intensiv, dass ich in den bitterkalten Stadien während eines Spiels nicht einmal gespürt habe, wie meine Füsse fast erfroren sind. Ich empfinde heute noch eine riesige Freude, wenn ich sehe, was aus Martin Gerber, Mark Streit, Jonas Hiller, Nino Niederreiter, Roman Josi, Timo Meier oder Kevin Fiala und noch vielen anderen geworden ist. Ich war ein Teil dieses komplexen Werkes namens «Schweizer Eishockey», das aus so vielen Faktoren besteht: Liga, Nachwuchsförderung und Nationalmannschaft.

Bei dieser Entwicklung des Schweizer Eishockeys war die Nationalmannschaft so etwas wie ein Motor und dieses Gefühl, ein Teil dieser Entwicklung zu sein, hätte ich nicht, wenn ich nach sechs Jahren gegangen wäre. Ich habe ein Fundament hinterlassen, das hält. Als die Schweiz 2013 in Stockholm mit einem 3:0 gegen die USA den Final erreichte, mit Spielern wie Mathias Seger, mit denen ich so viele Jahre gearbeitet hatte, habe ich zusammen mit Peter Lüthi auf der Tribüne geweint. Obwohl ich schon drei Jahre weg war. Und wenn ich zurückdenke an das Spiel gegen Frankreich bei meiner ersten WM in Zürich, bekomme ich noch heute Gänsehaut. Vier Minuten vor Schluss führten wir erst 3:1 und mit diesem Resultat wären wir ausgeschieden. Am Ende gewannen wir 5:1. Wer weiss, was aus mir geworden wäre, wenn wir damals gescheitert wären. Es war eines dieser Spiele, die über eine Karriere entscheiden.

Eishockey Nationaltrainer Ralph Krueger, Mitte, posiert zusammen mit seinen vier neuen Nationalmannschaftsmitglieder, von links, Noel Guyaz (HC Lugano), Daniel Steiner (EHC Langnau), Raffaele Sannitz (HC Lugano) und Andres Ambuehl (HC Davos) am Mittwoch, 15. Oktober 2003, anlaesslich des Kick-Off-Tags der Schweizer Eishockey Nationalmannschaft in der Eishalle Duebendorf. (KEYSTONE/Eddy Risch)

Ralph Krueger auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2003 von links nach rechts mit Noel Guyaz, Daniel Steiner, Raffaele Sannitz und Andres Ambühl. Bild: KEYSTONE

Was war der Schlüssel für die Entwicklung der Schweiz bis hin zum WM-Finalisten?
Ich hatte das Glück, dass ich genau zum richtigen Zeitpunkt Nationaltrainer geworden bin: Das von Peter Zahner beim Verband gestartete Ausbildungsprogramm begann sich auszuzahlen. Durch die vielen Begegnungen mit den Grossen schon im Juniorenalter haben die Spieler die Angst vor den Kanadiern oder Russen verloren. Aus dem Scheitern beim Olympischen Turnier von 2002 in Salt Lake haben wir die richtigen Lehren gezogen. Mir ist klar geworden, dass ich alle meine Energie auf die Führung der Mannschaft konzentrieren muss. Von da an haben wir jede Saison minutiös durchgeplant. Jeden Tag, Kaffeepausen inklusive und die Spieler haben diese klare Ordnung geschätzt. In Zusammenarbeit mit Dr. Anton Sebesta haben wir ein Testprogramm eingeführt und die physische Verfassung der Spieler ist immer besser geworden. Vier Jahre später haben wir 2006 in Turin die kanadischen NHL-Profis 2:0 besiegt. Es hört sich heute verrückt an, aber es war so: Während dieses Spiels habe ich nie eine Sekunde an unserem Sieg gezweifelt. Die Kanadier sprechen noch heute über diese Partie.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Eishockeys seit Ihrer Zeit als Nationaltrainer?
Das Eishockey hat sich seither in atemberaubender Art und Weise entwickelt. Keine andere Mannschaftsportart hat eine vergleichbare Entwicklung hinter sich. Als ich in Buffalo zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder ein Eistraining leitete, konnte ich fast nicht fassen, was ich sah: Dieses Tempo, diese Präzision, diese Intensität! Es war für mich fast so, als sei ich Zuschauer eines unfassbaren Geschehens. Kein anderer Mannschaftsport kommt an die Qualität des Eishockeys heran.

Sie waren in Ihrer Laufbahn schon Spieler, Trainer und General Manager. Als letzter Akt wäre es doch nur logisch, wenn Sie Teambesitzer würden.
Diese Möglichkeit hatte ich. Eine Gruppe von amerikanischen Investoren wollte in der Premier League ein Team kaufen und ich sollte Präsident und Mitbesitzer werden. Aber ich habe über die Jahre gelernt, dass ich ein Lehrer, also ein Coach bin. Nach dem Ende meiner Spielerkarriere wollte ich in Texas Manager eines Golfklubs werden und ich bin getestet worden. Dabei kam heraus, dass ich am besten für den Job eines Golflehrers geeignet wäre.

Sport Natitrainer Ralph Krueger, rechts, setzt seinem Assistenztrainer Jakob Koelliker, vorne, waehrend dem Training der Eishockey Nationalmannschaft am Donnerstag, 22. April 2004, in Bratislava, einen Hut auf.(KEYSTONE/Arno Balzarini)

Ralph Krueger 2004 am rumalbern mit Co-Trainer Köbi Kölliker. Bild: KEYSTONE

Aber hätte Sie die Rolle als Teambesitzer in der wichtigsten Fussball-Liga der Welt nicht gereizt?
Ich habe mit meiner Familie die verschiedenen Möglichkeiten besprochen und auch meine Kinder und meine Frau haben gesagt: Du bist ein Headcoach. Geh nach Buffalo.

Und ein Klub in der Schweiz? Sie könnten ja den HCD übernehmen.
Nein, ich glaube nicht, dass das passieren wird. Wenn meine Karriere zu Ende ist, bin ich gerne bereit, mein Wissen und meine Erfahrung dem Schweizer Sport zur Verfügung zu stellen. Aber einen Klub werde ich nicht übernehmen. Ich bin auch nicht sicher, wie gut ein solches Investment wäre.

Wer hat Sie in all den Jahren als Coach am meisten frustriert?
Da gibt’s keine Tabelle. Alle Führungspersonen dieser Erde scheitern mal oder treffen Fehlentscheidungen. Entscheidend ist nur, was du daraus machst.

Sie haben als Trainer viel Geld verdient und gehören in der NHL zu den bestbezahlten Coaches. Was bedeutet Geld und Luxus für Sie?
Wenn Sie heute meine Frau und mich antreffen, dann sehen Sie keinen Unterschied zu den 1990er Jahren. Ich habe das Materielle immer bloss als B-Produkt meiner Tätigkeit gesehen. Es stimmt, finanziell geht es uns sehr gut. Aber unser Lebensstil hat sich nicht verändert.

Ist das Auto nicht grösser geworden?
Ich fuhr schon einen Sportwagen, als ich es mir fast nicht leisten konnte. Aber unser Kombi ist etwas schöner und grösser als vor 30 Jahren.

Aus der Dezember-Ausgabe des Eishockey-Fachmagazins «Slapshot».

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