Ski-Legende Karl Frehsner: «An einer WM erfolgreich zu sein, ist gar nicht so schwierig»
Karl Frehsner kommt drei Minuten zu früh zum Interviewtermin. Auch im Alter von 87 Jahren ist der ehemalige Cheftrainer der Schweizer Alpinskifahrer seinen Prinzipien treu geblieben – halbe Sachen sind nicht sein Ding, zu spät kommen schon gar nicht. Im exklusiven Interview blickt der «eiserne Karl», der seit 1968 in Dietikon wohnt, voraus auf die Ende Monat beginnende Weltcupsaison. Und er verrät, mit welchem Trick er vor 40 Jahren während der Ski-WM 1987 in Crans-Montana einen entscheidenden Vorteil für die Schweizer rausholen konnte. Jene Weltmeisterschaft ging als «die goldenen Tage von Crans» in die Schweizer Sportgeschichte ein.
Ende Monat startet die neue Weltcupsaison im österreichischen Sölden. Werden Sie persönlich vor Ort sein?
Karl Frehsner: Ja, da werde ich dabei sein. Es gibt immer wieder interessante Begegnungen, man trifft Leute erstmals wieder seit dem Ende der letzten Saison.
Arbeiten Sie immer noch für Swiss Ski?
In einem kleinen Pensum habe ich ein Beratermandat.
Das heisst?
Jeder kann jederzeit zu mir kommen und mich um meine Meinung fragen.
Sie tüfteln nicht mehr an Rennanzügen? Die stürmischen Zeiten im Windkanal der Ruag in Emmen sind vorbei?
Ja, das mache ich nicht mehr.
Ende Monat startet die Weltcupsaison 2026/27. Dass Marco Odermatt den Gesamtweltcup zum sechsten Mal gewinnt und die Schweiz erneut die Nationenwertung für sich entscheidet, scheint logisch. Welche anderen Erwartungen haben Sie persönlich an das Schweizer Team?
Halt, halt! Logisch ist da gar nix. Logisch ist nur, dass nach dem einen Rennen das nächste folgt. Und dann das nächste. Und dass jedes dieser Rennen erst gefahren werden muss.
Bei allem Respekt: Wer soll denn Odi gefährlich werden?
Der von Allmen fährt sehr stark. Viel halte ich auch von Loïc Meillard und Alexis Monney. Und vergessen wir nicht den Norwegen-Brasilianer Lucas Pinheiro Braathen.
Sie haben vor allem Schweizer aufgezählt. Die Skination muss sich also bezogen auf die Männer keine Sorgen machen. Wie sieht’s bei den Frauen aus?
Auch da muss man sich in der Schweiz keine Sorgen machen.
Nicht mehr mit dabei ist Lara Gut-Behrami, die Ende letzter Saison ihren Rücktritt vom Skisport gegeben hat. 2009 liessen Sie sich als Berater im damaligen Privatteam von Gut-Behrami anstellen. Wie war das damals?
Ich war zwei Jahre lang mitverantwortlich dafür, dass sie im Super-G und in der Abfahrt vorwärtsgekommen ist.
Wie haben Sie Gut-Behrami persönlich erlebt?
Sie war keine einfache Frau. Lara war selbstbewusst, zielstrebig und ehrgeizig. Sie war immer hochkonzentriert im Starthaus. Da konnte ich sagen, was ich wollte und ihr noch einen letzten Tipp geben. Lara hat das wohl kaum mehr wahrgenommen und ist dann ihr Rennen gefahren.
Haben Sie mit ihr mutterseelenallein trainiert?
Nein, natürlich nicht. Damals waren auch die Kroaten mit Ivica Kostelic sowie die Slowenen und die Norweger dabei. Von dieser Konstellation haben am Ende alle profitiert. Da kommt mir eine lustige Episode in den Sinn.
Bitte.
Als ich im Abfahrtstraining einmal einen Sprung einbaute, zögerte Lara und meinte, dass man diesen Sprung nicht fahren könne. Da kannst du als Trainer noch lange sagen, dass es geht. Als dann aber Kostelic ohne Probleme darüber sprang, war alles geklärt.
Und Gut-Behrami fuhr ebenfalls über die Kante.
Genau so war es.
Zurück zur neuen Saison. Der achtfache Gesamtweltcupsieger Marcel Hirscher arbeitet nach seinem Kreuzbandriss am Comeback und hat vom internationalen Verband FIS eine Wildcard erhalten. Damit darf der für die Niederlande startende Österreicher jeweils im Weltcup mit der Startnummer 31 fahren. Obwohl er in der vergangenen Saison keine Rennen bestritten hat. Ihre Meinung?
Ich bin schon immer gegen solche Ausnahmeregelungen gewesen. Da muss man etwas ändern in Zukunft. Nur weil einer früher mal erfolgreich war, darf er jetzt vor den jungen Talenten starten? Das geht meiner Meinung nach nicht.
Was halten Sie davon, die alpine Ski-WM jährlich, statt wie bisher alle zwei Jahre, durchzuführen? Swiss Ski findet die Idee zumindest prüfenswert, die Stars sind dezidiert dagegen. Franjo von Allmen hat sich gar mit den Worten «Ich finde die Idee scheisse» geäussert.
Ich verstehe beide Seiten. Mit einem Weltmeistertitel kannst du gutes Geld verdienen, auch der Verband des jeweiligen Athleten. Aber der Wert eines Titels wäre dann natürlich nur noch halb so gross wie bisher. Glück hatte übrigens der Österreicher Stefan Eberharter. Er wurde 1991 in Saalbach Super-G-Weltmeister und konnte fünf Jahre lang als Weltmeister mit Werbung Geld verdienen, weil 1993 in Morioka das Rennen wegen schlechter Witterung gestrichen werden musste und erst 1996 wieder eine WM stattfand.
Sein Meisterstück lieferte Frehsner an der Weltmeisterschaft 1987 in Crans-Montana ab, als die Schweizer Männer drei von möglichen fünf Goldmedaillen holten, die Frauen gewannen gar alle fünf Wettbewerbe. Der «eiserne Karl» lebt seit 1968 in Dietikon. (rubu.)
Kürzlich war zu lesen, dass Marco Odermatt mit einer revolutionären Idee neue Geldquellen erschliessen möchte. Von einer «Ultimative Championship» war die Rede, einem Rennformat, das «auch mal in einer Skihalle in Dubai» stattfinden dürfe, wie er sagte. Ihre Einschätzung?
Das halte ich für eine prüfenswerte Idee. Ob ein solcher Event realistisch ist? Das wage ich zu bezweifeln. Da spielen die Interessen der verschiedenen Landesverbände mit, und alle unter einen Hut zu bringen, ist schwierig. Als ich damals Schweizer Cheftrainer war, hatten wir in den 80er-Jahren ähnliche Ideen. Von Montag bis Mittwoch Europacuprennen, von Donnerstag bis Sonntag Weltcuprennen. Alles an einem Ort, auf einer Piste. Eine Woche Skirennsport vom Feinsten. Zugelassen wären nur die besten zehn der Weltrangliste gewesen sowie die besten 20 der vorangegangenen Europacuprennen.
Zustande gekommen ist das Ganze meines Wissens nicht.
Das Hauptproblem war, dass dir kein Veranstalter eine taugliche Piste eine ganze Woche lang zur Verfügung stellt, respektive für die zahlenden Touristen sperrt. Damit war diese Idee ad acta gelegt.
Apropos. Wie sehen Sie generell die Entwicklung des Skisports in der Schweiz?
Dass die Leute immer weniger Ski fahren, ist ein Fakt. Der Schneemangel ist ein Hauptgrund, auch ist der Sport sehr teuer. Familien können sich das kaum mehr leisten. Der Rückgang im Freizeit-Skifahren ist wohl kaum aufzuhalten.
Vom 1. bis 14. Februar finden in Crans-Montana die alpinen Skiweltmeisterschaften statt. Da kommen bei den älteren Sportfans Erinnerungen auf an die «goldenen Tage von Crans» vor 40 Jahren. Die Schweiz holte acht von zehn möglichen Goldmedaillen, Sie waren damals Cheftrainer der Schweizer Männer. Wie präsent ist Ihnen diese Zeit heute noch?
Diese zwei Wochen waren für die Schweiz im Skisport die erfolgreichste Zeit überhaupt. Das vergisst man nicht. Wir haben damals übrigens kein Spezialtraining auf der Piste gemacht, wie immer wieder gemunkelt worden ist, kein einziges. Wir kannten die Piste in- und auswendig. Das hat uns genügt.
Legendär war der Verlauf der Männerabfahrt. Der verbissene Zürcher Peter Müller schnappte «Pirmin national» Zurbriggen, der Lichtgestalt aus Saas Almagell, in dessen Heimat Gold vor der Nase weg. Was ist Ihnen damals im Zielraum durch den Kopf gegangen, als die Schweiz auf der «Piste nationale» einen Vierfachsieg feiern konnte?
Nicht so viel. Einzig, dass wir die Arbeit erfolgreich erledigt haben. Punkt. Die Athleten sind dazu da, schnell zu fahren. Und das haben sie damals gemacht. Und ob jetzt der Müller oder der Zurbriggen oder der Alpiger gewinnt, war mir persönlich wurscht. Wir haben damals übrigens stark von unseren Schweizer Vorfahrern profitieren können.
Erzählen Sie!
Silvano Meli, der sich nicht für die Abfahrt qualifizieren konnte, sowie William Besse, Urs Lehmann und Daniel Caduff lieferten als Vorfahrer wertvolle Hinweise für unsere Athleten. Es gab auf der Strecke eine ganz knifflige Einfahrt mit einem Sprung, der im Training einige Fahrer ziemlich durchgeschüttelt hatte. Dass wir im Rennen diese Stelle problemlos passieren konnten, war auch auf die wertvolle Arbeit unserer Vorfahrer zurückzuführen. Besse wurde übrigens bald nach der WM einer der besten Speedfahrer der Welt, Lehmann holte 1993 den WM-Titel in der Abfahrt.
Das war also fast schon eine Teamleistung im Einzelsport Skifahren.
Wenn du das so nennen willst. An einer WM erfolgreich zu sein, ist eigentlich gar nicht so schwierig.
Aha.
Du musst einfach fehlerfrei runterkommen. Alle machen auf ihrer Fahrt irgendwo einen Fehler. Wenn du aber derjenige bist, der eben keinen gravierenden Fehler macht, bist du schon sehr weit vorne in der Rangliste. Denn schnell runterkommen können alle, die für die vorderen Plätze infrage kommen. Weltmeister wird derjenige, der mit einer gewissen Lockerheit sauber runterfährt.
So wie es Marco Odermatt meistens tut.
Genau. Oder von Allmen. Oder Monney. Oder ein Überraschungsmann. Wie ich am Anfang gesagt habe: Ein Skirennen muss erst gefahren werden.
Werden Sie im Februar nach Crans-Montana fahren? Gibt’s gar ein goldenes 87er-Legendentreffen? Müller und Zurbriggen Seite an Seite für ein Selfie mit Karl Frehsner?
Ob ich hingehe, weiss noch nicht. Das entscheide ich spontan. Von einem Treffen ist mir bis dato nichts bekannt. Das wäre allerdings eine schöne Überraschung.
Letzte Frage: Wie viele Medaillen holt die Schweiz in Crans-Montana?
Ich gebe grundsätzliche keine Prognosen ab. Nur so viel: Wenn es gleich viele Medaillen gibt wie vor 40 Jahren (total 14, Anmerkung der Redaktion) ist das knapp okay. Die Männer- und Frauenkombination wird jetzt ja nicht mehr gefahren. Dafür die Team-Kombination der Männer und Frauen sowie das Team-Parallel. Also gibt es diesmal eine Disziplin mehr als 1987. (schweizheute.ch)
