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Der 100-m-Final der Frauen fand vor fast leeren Rängen statt.
Der 100-m-Final der Frauen fand vor fast leeren Rängen statt.Bild: EPA

Brütende Hitze, miese Hotels, keine Fans – das ist die Skandal-WM in Katar

Die Leichtathletik-WM in Doha ist in aller Munde. Aber nicht wegen herausragender Leistungen der Sportler, sondern wegen diverser Probleme rund um den Anlass.
30.09.2019, 14:3001.10.2019, 08:58

Seit dem Freitag und noch bis am Sonntag finden in Doha die 17. Leichtathletik-Weltmeisterschaften statt. Es sind, das lässt sich schon jetzt sagen, höchst umstrittene Titelkämpfe. Das sind die fünf grössten Ärgernisse:

Die Hitze (und die künstliche Kälte)

grafik: google

Schon bei der Vergabe der Weltmeisterschaften nach Doha wurden Bedenken wegen der klimatischen Bedingungen geäussert. Die Marathons werden deshalb um Mitternacht gestartet. Trotzdem wurden beim Frauen-Rennen noch 33 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 73 Prozent gemessen. Es wurde der langsamste Marathon der WM-Geschichte, knapp die Hälfte der Läuferinnen musste entkräftet aufgeben. Bilder von Athletinnen im Rollstuhl werden länger in den Köpfen bleiben als der Name der Weltmeisterin, Ruth Chepngetich aus Kenia.

Die Kenianerin Ruth Chepngetich lief in 2:32:43 Stunden zu Gold …
Die Kenianerin Ruth Chepngetich lief in 2:32:43 Stunden zu Gold …Bild: EPA
… während die Italienerin Giovanna Epis zu denjenigen gehörte, die aufgeben mussten.
… während die Italienerin Giovanna Epis zu denjenigen gehörte, die aufgeben mussten.Bild: EPA

Auch die Geher bestreiten ihre Wettkämpfe mitten in der Nacht und leiden. «Sie haben uns in einen Backofen geschoben. Sie haben aus uns Meerschweinchen gemacht, Versuchstiere», wetterte Yohan Diniz, der 50-km-Weltmeister von 2017. Seine Titelverteidigung brach der zähe Franzose noch vor der Hälfte der Distanz ab. Als sein Nachfolger Yusuke Suzuki seinen Körper über die Ziellinie schleppte, war es 03.34 Uhr. Dass der Japaner den WM-Titel praktisch ohne Zuschauer errang, versteht sich da von selbst.

«Das ist respektlos gegenüber den Athleten. Die Funktionäre vergeben die WM hierhin, jetzt sitzen sie in kühlen Räumen oder schlafen.»
Wolha Masuronak (Ukraine), Fünfte des Marathons

«Es fühlt sich an, als würde man sich im Dunstkreis eines LKW-Auspuffes bewegen, nur will dieser feuchtschwüle Schwall dann einfach nicht mehr abreissen», beschrieb eine SRF-Reporterin die Hitze in Doha. Im Stadion ist die Hitze erträglich – weil die Arena auf 24 bis 28 Grad heruntergekühlt wird. Der gesamte Strom dafür komme aus erneuerbaren Energien, verspricht Katar.

So kühlt Katar das Stadion der Leichtathletik-WM

Video: srf/SDA SRF

Die Temperaturen in den Katakomben des Stadions sind hingegen ein Problem. Dort läuft die Klimaanlage auf Höchststufe. Die Schweizer Sportler wurden deshalb instruiert, immer eine Jacke dabeizuhaben. Die Erkältungsgefahr ist gross, wenn man sich mal draussen aufhält, wo es tropisch schwül-heiss ist, und mal in stark heruntergekühlten Räumen.

Der Basler Sprinter Alex Wilson nahm beim ersten Einsatz keine Jacke mit und gab danach zu, dass dies ein Fehler gewesen sei. Er tritt heute um 19.50 Uhr zum Halbfinal über 200 m an.

Die Entscheidungen heute
Hochsprung F, 19.30 Uhr.
5000 m M, 20.20 Uhr.
Diskus M, 20.25 Uhr.
3000 m Steeple F, 20.50 Uhr.
800 m F, 21.20 Uhr.
400 m Hürden M, 21.40 Uhr.

Schweizer Einsätze:
Mujinga Kambundji und Sarah Atcho: 200 m F, Vorlauf, 16.05 Uhr.
Jason Joseph: 110 m Hürden M, Vorlauf, 19.05 Uhr.
Alex Wilson: 200 m M, Halbfinal, 19.50 Uhr.​

Die fehlenden Zuschauer

40'000 Plätze bietet das Khalifa International Stadium. Gebraucht werden sie nicht, denn die Leichtathletik-WM findet praktisch ohne Zuschauer statt. Die oberen Ränge wurden vorsorglich mit grossen Planen abgedeckt und verschiedenfarbige Sitzschalen sollen die Illusion erzeugen, dass Fans da sind.

Touristen sind kaum für die WM nach Katar geflogen, die Einheimischen scheint der Sport nicht so zu interessieren wie ihre Herrscher und weil Katar von den Nachbarländern politisch abgeschnitten wird, kommen auch von dort keine Fans. Den Männer-Final über 100 m, stets der Höhepunkt einer Leichtathletik-WM, fand am Samstagabend vor etwa 10'000 Zuschauern statt. Am Sonntagabend bei den Frauen sollen sich gar nur etwa 3000 Menschen im weiten Rund verloren haben.

Dabei versprachen die Organisatoren bei der Kandidatur noch vollmundig, dass sie das Stadion füllen würden. «Das Ziel von Doha 2017 ist es, keine leeren Plätze zu haben», schrieben sie. «Manche sagen, das sei ambitioniert, aber wir glauben, dass dies ein (einfach) erreichbares Ziel ist. Jede Session dieser WM wird ausverkauft sein», wurde behauptet. Den Zuschlag für die WM 2017 erhielt im Jahr 2011 London, Doha ist nun an der Reihe. In der britischen Metropole herrschte Tag für Tag eine vorzügliche Atmosphäre.

Zehnkampf-Weltrekordler Kevin Mayer mochte nicht lange um den heissen Brei reden. «Wir können alle sehen, dass diese WM ein Desaster ist», sagte der Franzose, dessen Wettkampf am Mittwoch beginnt.

Die Start-Kamera

Die Organisatoren wollten innovativ sein, doch der Schuss ging nach hinten los. Eine in den Startblock integrierte Kamera liefert Bilder, die den Sportlern sauer aufstossen. Nach Protesten ruderte der Weltverband IAAF ein wenig zurück und versprach Anpassungen im Umgang mit den Aufnahmen aus sehr ungewohnter Perspektive.

Die Unterkünfte

Doha bietet auf der Buchungsplattform Booking 77 Hotels mit vier oder fünf Sternen an. Die mit 8,0 bewertete Unterkunft des Schweizer Teams gehört auch dazu – offenbar zu Unrecht. «Ich hatte beinahe einen Nervenzusammenbruch, als ich erstmals das Zimmer sah», gestand Sprinterin Salomé Kora gegenüber SRF. «Es ist sehr dreckig, das Essen ist sehr schlecht. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie in einem so schlechten Hotel», hielt die 25-jährige Ostschweizerin fest.

Ihre Waadtländer Teamkollegin Sarah Atcho sprach gegenüber Westschweizer Medien von einem skandalösen Zustand, in dem sich das Hotel befinde. «Das Gebäude fällt auseinander», sagte sie, und zeigte Journalisten ein Handyvideo von Wänden mit Schimmel.

Die holländische 200-m-Weltmeisterin Dafne Schippers verglich auf einer Instagram-Story die Werbebilder im Internet mit der Realität.
Die holländische 200-m-Weltmeisterin Dafne Schippers verglich auf einer Instagram-Story die Werbebilder im Internet mit der Realität.bild: dafne Schippers

Auch Athleten anderer Nationen beklagten sich über ihre Unterkunft. Die Norweger sollen gar kurz nach ihrer Ankunft in Doha in ein anderes Hotel umgezogen sein. «Es ist frustrierend, weil die Athleten aufgefordert werden, professionell zu sein, sich sorgfältig vorzubereiten, und sie dann unter diesen Bedingungen empfangen werden», klagte der Freiburger Laurent Meuwly, der als Staffeltrainer Hollands in Doha weilt.

Die Funktionäre

Zu verantworten haben diese skandalösen Umstände jene Sport-Funktionäre, welche die Leichtathletik-WM an Katar vergeben haben. So wie ihre Amtskollegen, welche die Weltmeisterschaften im Fussball (2022), Handball (2015), Rad (2016) und Kunstturnen (2018) im Emirat auf der Arabischen Halbinsel durchführen liessen.

«Globalisierung des Sports? Von wegen! Es ging um den schnöden Mammon.»
«NZZ am Sonntag»

Dass gegen den IAAF-Präsidenten Lamine Diack, der zur Zeit der WM-Vergabe im Amt war, Ermittlungen wegen Geldwäsche und Korruption aufgenommen wurden, erstaunt nicht. Untersucht wurden auch ominöse Millionen-Zahlungen an die Firma des Präsidentensohns. Noch sind die Fälle nicht vor Gericht behandelt worden.

IOC-Präsident Thomas Bach, der Emir von Katar, Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, und IAAF-Präsident Sebastian Coe (von links).
IOC-Präsident Thomas Bach, der Emir von Katar, Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, und IAAF-Präsident Sebastian Coe (von links).Bild: EPA

Die «NZZ am Sonntag» hält unmissverständlich fest: «Es können nicht sportliche Gründe gewesen sein, die den Weltverband IAAF dazu brachten, Doha als WM-Austragungsort zu wählen. Globalisierung des Sports? Von wegen! Es ging um den schnöden Mammon.» Für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» hat die internationale Leichtathletik «durch den Verkauf ihres wichtigsten Wettbewerbs in die Wüste ein neues Tief erreicht.»

Sinnbildlich für die WM: der Schrei der US-Sprinterin English Gardner, die mit einer Zerrung ausschied.
Sinnbildlich für die WM: der Schrei der US-Sprinterin English Gardner, die mit einer Zerrung ausschied.Bild: EPA

Für die Süddeutsche Zeitung ist bereits jetzt klar: «Nahezu alle Befürchtungen, die nach der Vergabe aufkamen, waren berechtigt. Das grösste Problem des Sports sind noch immer die, die ihn lenken.» Und der «Telegraph» wirft einen Blick nach vorne – er ist als Warnung zu sehen. «Diese Weltmeisterschaften zeigen, wie die Zukunft des Sports aussehen wird, wenn er seine Seele weiterhin an den Nahen Osten verkauft, wo es an Fans mangelt und das Klima völlig unvereinbar ist mit Spitzenleistungen.»

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