Lob und Preis ist in Paris nur den Siegerinnen und Siegern und dem Hilfspersonal (Volunteers) garantiert und gewiss. Diese freiwilligen Helfer werden als «Hidden Heroes» oder «Lifeblood of the Olympic Games» gerühmt und gefeiert.
Offiziell gibt es die Volunteers seit 1948 (London). Sie sind ein zentraler Teil der Spiele geworden und für den reibungslosen Ablauf unentbehrlich. Ihre Anzahl ist von knapp 2000 auf 45'000 in Paris angestiegen.
Kritiker sehen die freiwillige Arbeit für ein gewinnorientiertes Milliarden-Business als Ausbeutung. Romantiker hingegen als lobenswerte Demokratisierung der olympischen Idee: Alle haben die Chance, Teil des olympischen Traumes zu werden. Oder sich als Athletin diesen Traum doch noch zu erfüllen.
Ronja Stern aus dem aargauischen Fleck Remetschwil am Fusse des Mutschellen (knapp 2000 Bewohnende) ist über das Volunteer-Programm doch noch olympisch geworden. Die ehemalige Schweizer Meisterin (Badminton) gehört in Paris sogar zur «höchsten Kaste» des olympischen Hilfspersonals.
Alle sind zwar in die gleichen Gewänder gekleidet und stehen in den gleichen Schuhen, alle haben sich an die 41 Seiten umfassenden Weisungen (Charta) zu halten und für alle gibt es die gleiche Entschädigung, nämlich: nichts. «Wir werden eingekleidet und bekommen eine Mahlzeit pro Tag», erzählt Ronja Stern. «Aber die Reise und die Unterkunft müssen wir selbst organisieren und bezahlen.» Sie ist aus Dänemark angereist, wo sie zurzeit studiert.
Aber der ewige Traum, dass alle gleich sind, geht auch bei den Volunteers nicht in Erfüllung. Alle sind gleich und einige gleicher. Die Grundbedingungen für eine Bewerbung (diese lief im letzten Jahr übers Internet) sind denkbar demokratisch: Ein Mindestalter von 18 Jahren per 1. Januar 2024, die Verpflichtung, sich mindestens während zehn Tagen bei den Olympischen oder den Paralympischen Spielen zur Verfügung zu stellen und Kenntnisse der französischen und englischen Sprache.
Ronja Stern sagt, bei der Anmeldung seien über 100 Fragen zu beantworten. So bekommen die Kandidierenden ein Profil und können entsprechend ihren Talenten eingesetzt werden. Volunteers werden bei der Betreuung der Athletinnen und Athleten, in der Kommunikation, im Gesundheitsdienst, in der Technologie, im Transportsystem, für die Begleitung oder Begrüssung der Stars und Besuchenden bis hin zum Parkplatzdienst benötigt.
Es macht also einen Unterschied, ob sich das olympische Erlebnis auf den Parkdienst beschränkt oder die Möglichkeit besteht, im olympischen Dorf oder bei Wettkämpfen den Stars auf Augenhöhe zu begegnen und ein Selfie zu machen. Es ist ein wenig wie im richtigen Leben: Vor dem olympischen Gesetz sind alle gleich und einige gleicher.
Ronja Stern gehört zu den Privilegierten. Sozusagen zur höchsten Kaste der Volunteers: Sie ist der Liechtensteiner Delegation zugeteilt und untersteht in dieser Funktion direkt der Delegationsleitung und kennt das olympische Dorf. Diese Zuteilung dürfte kein Zufall sein. Ronja Stern gehörte als Badminton-Spielerin zur Schweizer Delegation der World University Games 2023 im chinesischen Chengdu. Diese Referenz sei bei der Bewerbung ersichtlich gewesen. «Das hat mir wahrscheinlich ein wenig geholfen.» Sie freue sich, dass sie so das grosse Ziel – Olympia-Qualifikation – quasi durch die Hintertür doch noch geschafft habe.
Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich ehemalige Sportlerinnen und Sportler für die olympische Freiwilligenarbeit interessieren. Unter den rund 300'000 Bewerbenden waren gemäss OK-Boss Tony Estanguet über 50 ehemalige Olympia-Teilnehmende, darunter Pierre Duran, der Olympiasieger im Springreiten von 1988 in Seoul. «Sie sagten zu uns: Ich war Athlet und jetzt möchte ich etwas zurückgeben und an dieser schönen Party teilnehmen.»
Offiziell arbeiten alle für Gottes Lohn. Für diese Formel der unentgeltlichen Arbeit auf Erden gibt’s sogar ein Gedicht von Max Hofmann, das allerdings nicht zur olympischen Charta gehört:
«Vergelt’s Gott!», sagt die Mutter laut,
«Vergelte Gott!» jedes Kind,
Und jedes «Vergelt’s Gott», ohne Frag,
Sein Weg zum Herrgott find.
Volunteers erhalten also hienieden auf Erden kein Geld. Aber auch da sind einige gleich und andere gleicher. Der Tessiner Kurt Wechsler kümmert sich 2006 in Turin als Volunteer um das finnische Hockey-Nationalteam. Er macht seinen Job so gut, dass die Spieler ihm am Ende des Turniers ein Trinkgeld in einen Hockeyhelm legen. Es soll geräuschlos zu und her gegangen sein. Also Noten, keine Münzen. Kurt Wechsler hat bei den Skandinaviern sowieso Kultstatus und betreut das finnische Nationalteam bis heute bei internationalen Grossanlässen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass eine Helferin oder ein Helfer beim Parkdienst auch ein Trinkgeld bekommt.
Die vom französischen Sportartikel-Hersteller Decathlon entworfene Kleidung (eine Million Stück davon sind hergestellt worden) darf gemäss Charta nur bei Einsätzen und auf dem Weg dorthin getragen werden. Aber die olympischen Gralshüter haben nicht daran gedacht, dass die Ausrüstung, bestehend aus Sonnenhut, Jacke, Hemden, Hosen, Shorts, Socken, Schuhen und Halstuch, verkauft werden kann. Bereits werden einzelne Stücke, die im Handel nicht erhältlich sind, im Internet zum Verkauf angeboten. Aktuell werden mehr als 200 Euro für den Hut, über 140 Euro für eine Hose und fast 100 Euro für ein Halstuch verlangt.
Das ist dem Hersteller natürlich nicht entgangen. Decathlon, ein französischer Sportartikel-Konzern mit über 15 Milliarden Jahresumsatz, mehr als 100'000 Jobs, 65 Eigenmarken und mehr 1500 Filialen in 72 Ländern, soll erwägen, eine Kollektion zu entwickeln, die vom Freiwilligen-Outfit inspiriert ist und nach den Spielen in den Handel gebracht werden kann. Auf dem olympischen Basar lässt sich eben aus allem Geld machen.
Die Volunteers kommen aus 190 Nationen und sind exakt in 50 Prozent Frauen und 50 Prozent Männer aufgeteilt. Aber der Traum, dass wenigstens alle unabhängig von Geschlecht und Herkunft gleich sind, ist in Paris nicht in Erfüllung gegangen. Angeblich sollen Volunteers aus Russland oder mit russischem Pass, die bereits eine definitive Zusage hatten und wovon einige seit Jahren in Paris leben, ohne Angaben von Gründen wieder ausgeladen worden sein.