Nein, dieser Flugbegleiter bringt Nino Schurter unterwegs keinen Kaffee oder erklärt ihm, wo auf der Strecke sich der Notausgang befindet. Aber hilfreich ist «Flight Attendant», die neuste Entwicklung im Wettkampfvelo des Schweizer Olympiasiegers von 2016, aber durchaus. «Das Velo trifft permanent selber Entscheidungen», fasst der dreimalige Olympiamedaillengewinner die Vorteile zusammen.
In der letzten Saison testete Schurter das vollautomatische System, an dessen Entwicklung er tatkräftig mithalf, noch ziemlich exklusiv. Im Olympiajahr ist es im Feld der weltbesten Biker bei jenen Fahrern verbreitet, die auf das gleiche Material setzen wie der Bündner. Mathias Flückiger oder Tom Pidcock hingegen haben es nicht.
Technisch geht es darum, die Einstellungen des vollgefederten Bikes dank des Algorithmus einer künstlichen Intelligenz auf die Bedürfnisse von Strecke und Fahrer abzustimmen. Dies geschieht aufgrund von Daten verschiedenster Sensoren in den Pedalen, im Dämpfungssystem, in der Federgabel, im Tretlager und in der Kurbel. Das Velo fällt die Entscheidungen innerhalb von Bruchteilen von Sekunden ohne Mithilfe des Athleten.
Nino Schurter erklärt den Unterschied. Zuvor hat er das Dämpfungssystem manuell ganz geöffnet, nur vorne oder hinten aktiviert oder geschlossen. Rund 250-mal pro Rennen bediente er dafür einen Knopf per Daumendruck. Mehr sei von Hand fast nicht möglich. «Manchmal verzichtete man gegen Ende des Rennens nur deshalb darauf, weil der Daumen schmerzte», sagt er lachend.
Nun fällt das von acht Batterien angetriebene System diese Entscheidungen unter anderem aufgrund der aktuellen Position des Bikes und des Krafteinsatzes des Fahrers. Beim Weltcup in der Lenzerheide kam es so zu mehr als 1300 automatischen Einstellungsänderungen. «Das Velo muss aus Sicht des Fahrers so effizient wie möglich sein», erklärt Schurter das übergeordnete Ziel. «Eine gut funktionierende Federung ist dabei enorm wichtig.»
Die künstliche Intelligenz berücksichtigt auch die jeweils aktuelle Befindlichkeit des Fahrers und verhält sich beispielsweise anders, wenn dieser ermüdet oder angreift. Wenn Schurter aufgrund der Analyse eines Rennens eine Änderung verlangt, «dann geht heutzutage der Ingenieur an den Computer und programmiert die Knöpfe neu». Den 38-Jährigen amüsiert diese neue Wunderwelt der Technik.
Seit kurzem ist «Flight Attendant» auch auf dem Markt erhältlich. Das System alleine kostet mehrere tausend Franken, Schurters aktuelles Bike hat insgesamt einen Wert von rund 15'000 Franken.
Der 38-Jährige sagt vor seinem fünften Olympiastart im Mountainbike, er hätte mit dem Velo von London 2012 heute keine Chance mehr. Selbst wenn sich das Gewicht des Arbeitsgeräts im Vergleich zu jenem «Hard Tail» von 7,8 auf 10,8 Kilogramm erhöht hat. «Das Gewicht ist kein Faktor, der ein Mountbike-Rennen entscheidet», sagt Schurter dezidiert.
Die künstliche Intelligenz von «Flight Attendant» sowie die Entwicklung der Felgen hingegen schon. Der Bündner schätzt, dass die technischen Neuerungen allein seit Tokio vor drei Jahren auf ein Cross-Country-Rennen bis zu 30 Sekunden Zeitgewinn ausmachen. Die neuen, breiteren Felgen erlauben nochmals einen tieferen Reifendruck. Das verbessert sowohl Grip wie Rolleigenschaften. «Gerade bei dieser rutschigen Strecke in Paris kann das entscheidend sein», sagt Schurter. Den Nutzen dieser technologischen Reise fasst er in einem Satz zusammen: «Was das Velo betrifft, muss ich immer weniger mitdenken.»