Als Nationaltrainer war Gattuso gescheitert – mit Lazio ist er auf Erfolgskurs
Sieben Siege und ein 2:2 bei der AC Milan – nach acht Runden grüsst Lazio Rom punktgleich mit Titelverteidiger Inter Mailand von der Tabellenspitze der Serie A. So gut kamen die Himmelblauen nicht einmal in der Saison 1999/2000 aus den Startlöchern, im Jahr des letzten Meistertitels.
Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Lazio seine Bestmarke heute (18.30 Uhr) weiter ausbaut. Jedenfalls steigen die Römer als Favorit ins Auswärtsspiel bei Sassuolo.
Baumeister dieses überraschenden Blitzstarts in die Saison ist einer, der noch vor wenigen Monaten in der Öffentlichkeit untendurch war. Gennaro Gattuso hatte als italienischer Nationaltrainer die WM-Qualifikation verpasst und heuerte im Juni in der Hauptstadt an.
Viel Freiheiten in der Offensive
Der 48-jährige Weltmeister von 2006 lässt bei Lazio ein 4-3-3-System spielen. Gattuso, einst ein defensiver Mittelfeldspieler auf Weltklasse-Niveau, hat die Abwehr mit den bislang wenigsten Gegentoren der Liga geformt – und lässt seinen Spielern in der Offensive den Raum für Kreativität. So lange seine Mannschaft hinten nichts anbrennen lässt, darf sie vorne machen, was sie für richtig hält.
Das Herz der Mannschaft ist ein Römer, der nach vielen Ausleihen an kleinere Teams zurück in die Heimat fand. Nationalspieler Davide Frattesi (27) ist von Inter ausgeliehen und führt in der Zentrale Regie, gemeinsam mit dem niederländischen Nationalspieler Kenneth Taylor (24). Hinten hält der dänische Nationalspieler Oliver Provstgaard (23) den Laden als Abwehrchef zusammen. Es sind keine ganz grossen Namen, was auch an Transferauflagen durch die Liga liegen könnte, weil Lazio gegen die Finanzregeln verstossen hatte.
Als Trainer der heutigen Spielergeneration angepasst
Fast entscheidender als die rein sportlichen Fähigkeiten der Spieler ist aber vielleicht, was Gattuso in den Köpfen verändert hat. Er sagt selber, er habe gemerkt, dass für die heutige Generation andere Regeln gälten als in seinen Spielertagen, deshalb habe er sich angepasst.
«Zu Beginn meiner Trainerkarriere (die 2013 als Spielertrainer des FC Sion begann, Anm.d.Red.) ärgerte ich mich über viele Dinge, die ich bei den Spielern beobachtete und die ich für absurd hielt», schilderte Gattuso der «Gazzetta dello Sport». Schliesslich sei ihm klar geworden, dass er es gewesen sei, der im Unrecht lag. «Mir wurde klar, dass ich sie erst einmal machen lassen musste, um dann bei zwei bis drei Schlüsselkonzepten maximale Zusammenarbeit einzufordern – und auch zu erreichen. Seit ich diesen Schritt gemacht habe, haben sich die Dinge komplett verändert. Zum Besseren.»
Gattuso geht mit gutem Beispiel voran
Und so lässt Gattuso seine Akteure an der langen Leine. Er gestattet ihnen beispielsweise, bei der Physiotherapie das Handy zu benutzen, was zu seiner Zeit undenkbar gewesen war. Im Gegenzug fordert die Milan-Legende das strikte Einhalten weniger, präziser Regeln. Pünktlichkeit ist das oberste Gebot. Eine Ausnahme macht der Trainer nicht einmal für sich selbst: «Vor ein paar Wochen hat das Tor zu meinem Haus geklemmt. Ich bin darüber geklettert und habe es trotzdem pünktlich ins Training geschafft.»
Dem Kalabrier gelang es in wenigen Monaten, das Team hinter sich zu scharen. Der Mittelfeldspieler Taylor betonte unlängst, dass die Mannschaft eine sehr geschlossene Gruppe sei, in der jeder für den anderen kämpfe. Gattuso verlangt, dass mit offenen Karten, aber hinter verschlossenen Türen gespielt wird: «Man muss sich die Dinge ins Gesicht sagen, Auseinandersetzungen tun gut, und die Sache sollte dort abgeschlossen sein. So war ich schon immer, sowohl als Spieler als auch als Trainer.»
Fan-Boykott gegen den Präsidenten
Trotz der höchst erfolgreichen Phase sind die Zuschauerzahlen bei den Heimspielen ungewöhnlich tief. Nur 9400 Fans kamen in dieser Saison im Schnitt ins Stadio OIimpico, das doch rund 70'000 Plätze hat. Doch Lazios Anhänger liegen im Clinch mit dem langjährigen Klubboss Claudio Lotito. Sie werfen ihm vor, knausrig und ambitionslos zu sein. Mit dem Boykott erhoffen sich die Laziali, dass der 69-jährige Lotito entweder einlenkt oder den Klub an jemanden verkauft, der zu investieren gewillt ist.
Es wäre eine feine Ironie, wenn ausgerechnet diese vergleichsweise mässig verstärkte Lazio-Mannschaft nun weiterhin Erfolg hat. Weil der sparsame Lotito nicht blindlings, sondern am richtigen Ort Geld ausgibt: beim Trainer.
