Von Ballmoos erklärt Luganos Höhenflug – und warum er die Nummer 1 nicht wollte
Lugano hat eine klare Nummer 1 – und eben auch nicht. Nach Amir Saipis Abgang im Sommer, hätte David von Ballmoos die Möglichkeit gehabt, dessen Rückennummer 1 zu übernehmen. Doch darauf verzichtete er und blieb bei der 16. So ergibt sich bei den Tessinern die etwas spezielle Situation, dass die Goalies die Nummern 16, 28, 39 und 99 tragen. Die traditionelle 1 ist nicht vergeben.
Bei YB wie auch davor bei Winterthur hatte Von Ballmoos die 26 auf dem Rücken, nun die 16. Hat der Berner etwa eine Abneigung gegen die 1? «Nicht wirklich», sagt Von Ballmoos, als er auf seine Nummernwahl angesprochen wird. «Ich wollte einfach bei der 16 bleiben.»
Diese hatte er damals gewählt, weil «seine» 26 bei seiner Ankunft im Tessin bereits vergeben war. Mit der 16 wählte er dann eine Nummer, die ihm sympathisch war – unter anderem, weil sein guter Freund und ehemaliger YB-Teamkollege Christian Fassnacht sie trägt. «Aber», so stellt Von Ballmoos klar, «so wichtig ist mir das alles gar nicht.»
Lockerheit des Siegens
Wichtiger ist dem 31-Jährigen der derzeitige Lauf seines Teams. Dieser nimmt immer eindrücklichere Ausmasse an. Auch nach dem 22. Pflichtspiel in dieser Saison sind die Tessiner noch ungeschlagen – am Sonntag feierten sie beim 2:1 gegen Basel den 19. Sieg. Lugano führt die Liga mit neun Punkten Vorsprung auf den ersten Verfolger an, ist im Cup auf Kurs und hat in der Conference League mit den Siegen über Roter Stern Belgrad und Getafe ebenfalls ein Statement gesetzt.
Von Ballmoos, der zuletzt in Abwesenheit des verletzten Renato Steffen die Captainbinde trug, spricht von einer «Lockerheit des Siegens». Selbst in Spielen, in denen Lugano spielerisch nicht restlos überzeugt – wie zuletzt am Sonntag -, steht die Mannschaft am Schluss als Sieger da. «Manchmal nimmt es eine gewisse Dynamik an: Es läuft alles tendenziell eher für als gegen dich.»
Doch um überhaupt in einen solchen Lauf zu kommen, brauche es harte Arbeit. Und in dieser Hinsicht habe sich das Team nach der letzten Saison richtig zusammengerissen. «Obwohl wir einen Platz in Europa erreicht hatten, waren wir enttäuscht», sagt Von Ballmoos rückblickend. Drei der vier Direktduelle mit Meister Thun hatte Lugano damals für sich entschieden. Umso mehr mussten sich die Spieler und Trainer fragen, weshalb man am Ende trotzdem deutlich hinter den Berner Oberländern blieb.
Das Fazit war klar: Mit unnötigen Querelen wie dem öffentlichen Streit zwischen den Stürmern Kevin Behrens und Georgios Koutsias schwächte sich das Team selbst. Weil der Fokus nicht klar ausgerichtet war, kam es wiederholt zu Punktverlusten gegen Gegner, die spielerisch eigentlich unterlegen waren. «Wir sagten uns: Das kann es doch nicht sein, in dieser Mannschaft steckt so viel Qualität.»
Zusammengeschweisst im Unwetter
Nun tritt Lugano anders auf, die Mannschaft präsentiert sich als Einheit. Von Ballmoos führt dies mitunter auf die Erlebnisse in der Europacup-Kampagne zurück. In der Qualifikation für die Conference League, in der Lugano drei Runden überstehen musste, machte das Team viele lange Reisen. Darunter eine auf die Färöer, bei der aufgrund eines Unwetters ein Flug verschoben werden musste und das Team kurzfristig eine Nacht länger auf der Insel verblieb. «Auf solchen Reisen lernt man sich noch besser kennen», sagt Von Ballmoos. «Statt uns über den ausgefallenen Flug aufzuregen, haben wir das Beste aus der Situation gemacht.»
Hinzu kommen Faktoren wie das neue Stadion, das nicht nur eine allgemeine Aufbruchstimmung hervorruft, sondern auch einen Aufenthaltsraum bietet, den die Spieler offenbar gerne nutzen. Und natürlich Trainer Mattia Croci-Torti, dessen aufbrausende Art ausserhalb von Lugano nicht immer verstanden wird, der seine Spieler aber mitzureissen vermag. «Er lebt Lugano», sagt Von Ballmoos. «Das spüren wir alle.»
Was ein funktionierendes Gefüge ausmacht, sieht man am besten an Spielern wie Albian Ajeti. Der Stürmer wechselte mit einer miserablen Bilanz von Basel ins Tessin: In 45 Einsätzen in der letzten Saison gelangen ihm nur fünf Tore für den FCB. In Lugano blühte er auf und steht bereits jetzt bei sechs Treffern – obwohl er meistens nur Einwechselspieler ist.
Ajeti und Von Ballmoos waren in ihrer Karriere lange Gegenspieler. Nach einem Zusammenprall der beiden zog der Goalie sogar eine Narbe im Gesicht davon. Heute kann Von Ballmoos darüber lachen. «Solche Dinge spielen keine Rolle, wenn sich alle einem gemeinsamen Ziel unterordnen.»
Italienischkurs als Date-Night
Das Ziel ist allen klar, wird in Lugano aber nicht gerne laut ausgesprochen. Auch Von Ballmoos, der 2025 mit sechs Meistertiteln und zwei Cupsiegen als erfolgreichster Spieler der YB-Klubgeschichte ins Tessin wechselte, bedient sich lieber der Floskel, von Spiel zu Spiel schauen zu wollen. «Wir wissen, wie Fussball ist: Es wird auch wieder Rückschläge geben», sagt der Goalie. Dies mache ihm jedoch keine Sorgen. «Denn dieses Mal sind wir gefestigt.»
Der zweifache Familienvater, der mit seiner Frau regelmässig einen Italienischkurs besucht («Unsere neue Date-Night»), sieht sich jedenfalls langfristig im Tessin. David von Ballmoos fühlt sich in Lugano wohl, sein Vertrag wurde bis 2029 verlängert. Und er hat noch einiges vor. Denn die Nummer 1 auf dem Rücken mag ihm nicht wichtig sein, die Nummer 1 in der Tabelle dafür umso mehr. (abu/sda)
