Berner Ballet schiesst für Sensationsklub Amed einen Hattrick und fliegt dann vom Platz
Zweiter gegen Letzter: Die Ausgangslage war klar und das Resultat war es am Ende auch. Am Sonntagmittag gewann Amed 5:1 gegen Eyüpspor und zementierte damit seinen Platz in der Spitzengruppe der Süper Lig.
Mann des Spiels war in der Stadt Diyarbakir, wo Amed beheimatet ist, ein Schweizer: Samuel Ballet. Der 25-Jährige schoss drei Tore, setzte den Ball zwischen den Treffern zudem an den Pfosten – und sah kurz vor dem Schlusspfiff die Rote Karte. Abseits des Spielgeschehens hatte er an der Mittellinie einem Gegenspieler den Ellbogen ins Gesicht geschlagen.
Das Ziel ist die Nati
Ballet dürfte seiner Mannschaft wegen des Platzverweises nun mehrere Spiele fehlen. Das ist ebenso ärgerlich für das Team, das auf einen Leistungsträger verzichten muss, wie für Ballet selber, der unumstrittener Stammspieler war. Der Berner gab zuletzt im SRF offen zu, mit einem Platz im Schweizer Nationalteam zu liebäugeln: «Für die Schweiz zu spielen und mich im Team zu etablieren, ist kein Traum, sondern ein Ziel.»
Vier Tore und ein Assist in zehn Spielen stehen auf Ballets Visitenkarte dieser Saison. Der Angreifer hatte sich bei seinem Jugendklub YB nicht auf Anhieb durchsetzen können. Der Sprung zu den Profis gelang Ballet in Winterthur, mit dem er in die Super League aufstieg. 2024 versuchte er sein Glück beim damaligen Serie-B-Klub Como, kehrte als Leihspieler in die Schweiz (FC Zürich) zurück, um im Herbst 2025 in die Türkei zu wechseln. Nach einer Saison bei Antalyaspor unterschrieb Ballet im Sommer bei Amed.
Steiler Aufstieg im Südosten der Türkei
Es ist erst zwei Jahre her, da war der Klub noch drittklassig. Nun spielt Amed in dieser Saison erstmals überhaupt in der Süper Lig – und verblüfft dort alle Beobachter. Von den ersten zehn Spielen verlor der Aufsteiger nur eines, dafür schlug er mit Trabzonspor um Weltstar Mohamed Salah und mit Besiktas zwei Grossklubs. Duelle mit Fenerbahce und Tabellenführer Galatasaray stehen noch aus.
«Anfangs war es eine Überraschung für alle im Verein, aber bald merkten wir, dass wir das nötige Level besitzen. Es ist kein Zufall, dass wir die Punkte holen», meinte Ballet. Die Euphorie in der Stadt werde jedenfalls mit jedem Sieg grösser, das merke er beim Einkaufen oder Spazieren. Und zu jedem Training kämen 100 bis 200 Fans.
«Kurdische Nationalmannschaft»
Ballet ist einer von zahlreichen Ausländern, die nach dem Aufstieg im Sommer verpflichtet wurden. Den vielleicht prominentesten Namen im Ensemble des albanischen Trainers Besnik Hasi (ex Anderlecht) trägt der Goalie: Alban Lafont (27) war mehrere Jahre Stammgoalie in der Ligue 1. Von Hoffenheim ist Stürmer Gift Orban (24) ausgeliehen, der Nigerianer schoss schon neun Tore. Rayan Raveloson (29) aus Madagaskar schliesslich kennen Schweizer Fans von seiner Zeit bei YB.
Amed SK vertritt als «kurdische Nationalmannschaft» ein ganzes Volk. Gerade bei Auswärtsspielen war diese Tatsache mitunter nicht zu übersehen und zu überhören, Spieler wurden teils als «Terroristen» oder «Vaterlandsverräter» beschimpft. Mittlerweile hat sich dies gebessert, im Sommer posierte gar der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mit einem Amed-Trikot. Die Tatsache, das Team der Kurden zu sein, widerspiegelt sich beim Blick auf die Finanzen: Grösste Einnahmequelle des Klubs sind Spenden.
Nun steht Amed die bislang härteste sportliche Aufgabe in dieser Saison an: Am kommenden Samstag tritt es auswärts bei Leader Galatasaray an. Dieses Duell Erster gegen Zweiter hätte auch zur grossen Bühne von Samuel Ballet werden können – hätte er sich nicht die Disziplinlosigkeit mit dem Ellbogen geleistet, weswegen er den Spitzenkampf gesperrt verpassen wird.
Die Ranglistenspitze:
Apropos Fussball-Underdog: In Schweden droht Sirius IK einzubrechen. Nach der 0:2-Niederlage gegen Hammarby ist der Vorsprung auf dieses Team geschmolzen, Sirius hat noch drei Verlustpunkte Vorsprung.
