Felix Sanchez: Das ist der coole Typ mit dem blinkenden Armband als Glücksbringer. Der Showman. Der Olympiasieger von 2004. Der Seriensieger, der in 43 Rennen über 400 Meter Hürden ungeschlagen ist.
Felix Sanchez: Das ist der Athlet, der ständig mit Verletzungen zu kämpfen hat. Dessen Glanzzeiten lange zurück liegen. Den niemand mehr auf der Rechnung hat.
Felix Sanchez: Das ist der Hürdenläufer, der acht Jahre nach dem Triumph an den Spielen von Athen in London trotz allem ein zweites Mal Olympiasieger wird. Ohne Glücksbringer, aber mit der Erinnerung an die verstorbene Grossmutter. Und in der exakt gleichen Zeit wie 2004.
Sein Twitter-Name spricht Bände: @elsupersanchez nennt sich Felix Sanchez auf dem Kurznachrichten-Portal. Als das Jahr 2012 beginnt, ist dieser Spitzname aber nur noch eine Erinnerung an ruhmreiche Tage. Sanchez ist kein Top-Athlet mehr, der letzte Medaillengewinn (Silber an der WM in Osaka) liegt fünf Jahre zurück.
Doch als am 3. August die Vorläufe über 400 Meter Hürden an den Olympischen Spielen in London stattfinden, ist Sanchez bereit. Locker gewinnt er seine Serie und tags darauf entscheidet er seinen Halbfinal mit persönlicher Saisonbestzeit für sich. Spätestens jetzt muss auch die Konkurrenz den bald 35-jährigen Läufer aus der Dominikanischen Republik auf dem Radar haben.
Dann der Final. Sanchez setzt alles auf eine Karte und schlägt von Beginn an ein hohes Tempo an. Eingangs der Zielgeraden liegen drei Athleten gleichauf. An der zweitletzten Hürde setzt sich Felix Sanchez dann entscheidend ab. Er kann seinen Sprint durchziehen, niemand holt ihn mehr ein. Die Zeit stoppt bei 47,63 Sekunden. Sanchez gewinnt in der exakt selben Zeit wie acht Jahre zuvor bei seinem ersten Olympiasieg.
«Es waren acht lange Jahre, während denen ich nach einer Zeit der Dominanz versuchte, zurück an die Spitze zu gelangen», sagte Sanchez mit feuchten Augen. «Als ich die letzte Hürde überquert hatte, dachte ich, dass sie mich noch einholen, ich war sehr müde. Aber ich habe einfach noch einmal alles gegeben und als ich als Erster über die Ziellinie lief, konnte ich es kaum fassen.»
Im Ziel sinkt Felix Sanchez auf den Boden, er geht in sich. Er zieht ein Foto aus dem Trikot, auf dem er mit seiner Grossmutter abgebildet ist. Sie war 2008 während der Olympischen Spiele in Peking verstorben. Er habe sie im Herzen getragen, sagt Sanchez nach dem Triumph – und auf seinen Schuhen, auf die er den Namen der Grossmutter geschrieben hat.
«Wir haben es geschafft», sagt Sanchez und meint damit sich und sein geliebtes Grosi. Dank des Fotos sei er auch nicht nervös gewesen vor dem Final. «Ich wusste nicht, ob das überhaupt erlaubt ist, wenn ich ihr Foto unter die Startnummer hefte», erzählt er und schmunzelt. «So habe ich vor dem Rennen einfach bloss darauf geachtet, dass mich niemand erwischt.»
Bei der Siegerehrung fliessen die Tränen erneut und gleich in Strömen. «Es begann zu regnen», schildert Sanchez. «Ich stellte mir vor, dass das ihre Freudentränen sind. Es hat mich richtig mitgenommen auf dem Podest.» Selbst im Rückblick darauf kann der Leichtathletik seine Tränen nicht zurückhalten.
Er habe das grösste Comeback der Leichtathletik geschafft, schrieb die NZZ nach dem Triumph in London. «Solche Comeback-Stories gibt es nicht einfach so», betont der Champion. «Aber mit harter Arbeit, mit viel Einsatz und Hingabe, wird auch das Unmögliche möglich.»