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Eine instinktive Aktion mit fatalen Folgen: Kermit Washington streckt Rudy Tomjanovich brutal nieder.
Eine instinktive Aktion mit fatalen Folgen: Kermit Washington streckt Rudy Tomjanovich brutal nieder.
bild: screenshot youtube
Unvergessen

«The Punch» – wie ein Faustschlag zwei Menschenleben und die NBA drastisch veränderte

9. Dezember 1977: Basketballer Kermit Washington streckt Rudy Tomjanovich mit einem unüberlegten Faustschlag brutal nieder. Das hat weitreichende Folgen. Das Opfer entkommt dem Tod nur knapp, der Täter wird fortan geächtet und die Liga packt ihr Gewaltproblem an der Gurgel – symbolisch gesprochen.
09.12.2020, 00:0108.12.2020, 15:35
Donat Roduner
Donat Roduner
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Die NBA der 1970er Jahre unterscheidet sich drastisch von der heutigen. Sie gleicht mehr der NHL. Der Sport ist extrem physisch, Schlägereien sind an der Tagesordnung. Es dominieren nicht die brillanten Techniker, sondern die rohen Arbeiter, die «Enforcer».

Eine SI-Ausgabe aus dem Jahr 1977, in der auch Kermit Washington porträtiert wurde.
Eine SI-Ausgabe aus dem Jahr 1977, in der auch Kermit Washington porträtiert wurde.

Auch Kermit Washington ist so ein Enforcer. Der Power Forward der Los Angeles Lakers wird vor allem für seine physischen Qualitäten geschätzt. Diese kommen auch an diesem Sonntag, dem 9. Dezember 1977, im legendären «Forum» zum Tragen.

«The Forum», Heimstätte der Los Angeles Lakers bis 1999.
«The Forum», Heimstätte der Los Angeles Lakers bis 1999.
bild: shutterstock

«Das lauteste Schweigen»

Im Heimspiel gegen die Houston Rockets streitet sich Washington mit Kevin Kunnert intensiv um einen Rebound, die beiden werden handgreiflich, teilen Schläge aus, was Kareem Abdul-Jabbar dazu veranlasst, seinem Teamkollegen zu Hilfe zu eilen. Der Superstar der Lakers, der später zum NBA-Allzeit-Topskorer werden sollte, ist selbst kein Kind von Traurigkeit. Im Eröffnungsspiel der Saison hatte er mit einem fiesen Revanchefaustschlag seinem Gegner den Kiefer und sich die Hand gebrochen.

Abdul-Jabbar kümmert sich also um Kunnert, bevor alles plötzlich ganz schnell geht. Rudy Tomjanovich von den Rockets stürmt nun auch mit vollem Karacho in den Kampf. Kermit Washington nimmt das in seinem Rücken spät wahr und handelt instinktiv: Mit einer knallharten Geraden, später nur noch als «The Punch» bekannt, streckt er den heranbrausenden 2,03-Meter-Hünen nieder. Tomjanovich schlägt mit dem Kopf heftig auf dem Parkett auf und bleibt in einer Blutlache liegen.

Nichts für Zartbesaitete: «The Punch».
Video: streamable

Es wird totenstill im Stadion. Tomjanovichs Teamkollege Mike Newlin beschreibt es als «das lauteste Schweigen, das man je gehört hat». Rudy Tomjanovich kann sich zwar aus eigener Kraft erheben, doch in den Katakomben wird das Ausmass des Aufpralls schnell klar: Der Schädel des Amerikaners ist Matsch, Gehirnflüssigkeit läuft ihm den Rachen hinunter.

Teil 4 von 7 der bewegenden Doku «Searching for Redemption: The Kermit Washington Story» (man findet sie auf YouTube).

Der 29-Jährige steht unter akuter Lebensgefahr. Zu seinem Glück wird er aber genügend schnell versorgt und kann im Spital gerettet werden. «Es war, wie eine zerstückelte Eierschale mit Leim zusammenzukleben», schildert der leitende Arzt das Vorgehen später.

Auswirkungen für die NBA
Auch wenn wegen der anhaltenden Gewalt auf dem Parkett bereits auf die Saison 1977/78 hin Regelverschärfungen vorgenommen wurden, sah sich die NBA nach dem Vorfall gezwungen, noch wesentlich drastischer durchzugreifen. Die Referees wurden angehalten, physisches Spiel absolut konsequent zu ahnden und anbahnende Kämpfe im Keim zu ersticken. Die Strafen für Übeltäter wurden derart verschärft, dass die übermässige Gewalt sehr rasch aus dem Sport verschwand. Die Änderungen sind heute noch spürbar, haben dem Spiel aber ungemein gut getan.

Erfolg als Trainer

Tomjanovich erholt sich und kehrt sogar auf den Court zurück, der ehemalige All-Star ist aber nicht mehr derselbe, hat nicht mehr dieselbe Klasse und tritt 1981 zurück. Danach sattelt er um und wird Trainer. Erst ist er elf Jahre Assistent bei den Houston Rockets, bei denen er 1992 zum Headcoach befördert wird. Ein guter Zug: 1994 und 1995 werden die Texaner unter ihm Meister.

Tomjanovich nach dem Zwischenfall ...
Tomjanovich nach dem Zwischenfall ...
bild: tumblr.com
... und 1999 als Trainer der Rockets.
... und 1999 als Trainer der Rockets.
Bild: AP

2003 kam seine Karriere nach 33 Jahren bei den Rockets wegen einer Blasenkrebs-Diagnose zu einem Halt. Nur ein Jahr später trat er bei den Los Angeles Lakers das schwere Erbe von Phil Jackson (Titel 2000, 2001 und 2002) an, seine körperliche Verfassung liess das Traineramt aber lediglich 41 Spiele zu. Seither amtet Tomjanovich als Konsultant für den Verein und daneben auch als Scout für «USA Basketball», dessen Nationalteam er 2000 in Sydney zu Gold führte.

Seelenfrieden wiedergefunden

Weniger gut meinte es das Schicksal mit Kermit Washington. Seine Kollegen beschreiben ihn zwar als «netten Kerl», doch nach seinem Aussetzer wird er ligaweit geächtet. Er wird mit einer Busse von 10'000 Dollar belegt und für 60 Spiele gesperrt. Die Lakers wollen ihn danach nicht mehr in ihren Reihen haben und schieben ihn umgehend zu den Boston Celtics ab.

Kermit Washington noch im Lakers-Dress.
Kermit Washington noch im Lakers-Dress.

Für Washington beginnt ein Spiessrutenlauf. Spiel für Spiel wird er ausgebuht. Da hilft es auch nicht, dass er 1979/80 für die Portland Trail Blazers eine herausragende Saison spielt und das einzige Mal in seiner Karriere ans All-Star Game berufen wird. Der Forward spielt nach einer zwischenzeitlichen Pause zwar bis 1988 in der NBA, verfällt aber ob seiner Situation in eine Depression.

Erlösung findet er erst, als er sich von seiner Passion Basketball löst. 1994 entschliesst sich Kermit Washington im Zuge des Völkermords in Ruanda, in Afrika karitativ tätig zu werden. Der damals 43-Jährige hilft eigenhändig im Krisengebiet mit und baut später Waisenheime und Schulen. Dank seinen Projekten findet er seinen Seelenfrieden wieder und kehrt sogar zeitweise als Assistenztrainer in der amerikanischen D-League (D für Development) ins Basketball-Business zurück.

Danach ist er unter anderem Regional-Repräsentant für die Spielergewerkschaft NBPA, aber das Happy End bleibt aus. 2018 wird er wegen Veruntreuung von Spendengeldern für seine Wohltätigkeitsorganisation «Project Contact Africa» zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt worden.

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