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12. Juli 1998: Wie ein Medien-Skandal Frankreich 1998 bei der WM hilft

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1998 wird Frankreich erstmals Weltmeister.Bild: AP/AP
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Wie ein Medien-Skandal Frankreich 1998 bei der WM hilft

12. Juli 1998. Frankreich gewinnt den WM-Final gegen Brasilien 3:0 und wird zum ersten Mal Weltmeister. Auch dank der berühmtesten Medienkampagne der Sportgeschichte.
17.06.2026, 00:0101.07.2026, 16:30

Welchen Einfluss haben die Medien im Sport? Darüber lässt sich endlos debattieren, ohne eine Wahrheit zu finden. Es gibt eigentlich nur einen einzigen Fall, bei dem eine Medienkampagne unbestritten einen entscheidenden Anteil am Erfolg hat. Bei Frankreichs WM-Titel 1998 im eigenen Land.

Die Auseinandersetzung zwischen der Sportzeitung L'Équipe und dem französischen Nationaltrainer Aimé Jacquet ist der wohl bekannteste Medien-Konflikt im modernen Sport. «L'Équipe» war zu diesem Zeitpunkt die Tageszeitung mit der höchsten Auflage in Frankreich und ihr Einfluss – das Internet gibt es noch nicht – enorm. Am Morgen des 13. Juli nach dem Titelgewinn war das Blatt nach wenigen Stunden ausverkauft. Mit einer Auflage von 1'956'573 Exemplaren. Eine höhere Auflage haben in Frankreichs Mediengeschichte an einem Tag nur die beiden Ausgaben von «France Soir» nach dem Fall der Dschungelfestung Dien Bien Phu im Indochina-Krieg im Mai 1954 und dem Tod von Charles de Gaulle im November 1970 erreicht.

Die Schlagzeile auf der Titelseite des Zentralorgans des französischen Sports nach Frankreichs Titelgewinn: «Pour L’Eterinité» («Für die Ewigkeit»). Die wohl berühmteste Schlagzeile in der französischen Zeitungsgeschichte seit «J’accuse…!» («Ich klage an!») am 13. Januar 1898 auf der Frontseite der Zeitung L'Aurore. Es war ein öffentlicher Brief, in dem der Schriftsteller Émile Zola die französische Regierung beschuldigte, Alfred Dreyfus zu Unrecht wegen Landesverrats verurteilt zu haben. Am Ende wurde Dreyfus rehabilitiert.

Die Schlagzeile nach dem Titelgewinn.
Die Schlagzeile nach dem Titelgewinn.Bild: x

Ein Triumph für die Ewigkeit für den französischen Fussball, aber eine bittere Niederlage für «L’Equipe». Die Geschichte hat für den Chronisten eine besondere Faszination, weil er durch die persönliche Bekanntschaft mit Redakteuren des Blattes die Ereignisse sozusagen aus erster Hand mitbekommen hat.

Die ganze Geschichte – für viele war es ein Medienskandal – beginnt Monate vor der WM. Aimé Jacquet übernimmt das Nationalteam 1994 nach dem dramatischen Scheitern der WM-Qualifikation. «L’Equipe» ist von Anfang an kritisch.

Unter Jacquet spielen die Franzosen eher defensiv und pragmatisch. Das Leitmedium des französischen Sports geisselt diesen Fussball als langweilig und bezweifelt, dass Frankreich mit dieser Spielweise Weltmeister werden kann. Über Monate wird eine scharfe Kampagne gegen den Nationaltrainer geführt. Es geht dabei – und das ist das Besondere an der Polemik – nicht nur um die Taktik, sondern auch um die Persönlichkeit des Trainers. Er wird als zu konservativ, überfordert, entscheidungsschwach und ohne jedes Charisma dargestellt. Eine Schlagzeile geht in die Mediengeschichte ein:

« Et si on virait Jacquet?»
Deutsch: «Was wäre, wenn man Jacquet feuern würde?»

Sie erscheint ein paar Wochen vor der WM und symbolisiert die Haltung der Zeitung. Während der gesamten Vorbereitung auf das Turnier bleibt der Ton unverhältnismässig kritisch.

Ein weiterer Kritikpunkt ist Jacquets Entscheidung, mit einem breiten Kader in die Vorbereitung zu steigen und erst kurz vor Schluss sechs Spiele zu streichen. «L'Équipe» kritisiert dieses Vorgehen heftig und wertet es als Zeichen mangelnder Entschlusskraft.

Aimé Jacquet wurde bereits vor der WM kritisiert.
Aimé Jacquet wurde bereits vor der WM kritisiert.Bild: imago

Ausserdem wird dem Nationaltrainer vorgeworfen, auf Kosten des Offensivkünstlers Zinédine Zidane zu sehr auf den defensiven Mittelfeldspieler Didier Deschamps zu setzen. Didier Deschamps wird später nach Mario Zagallo und Franz Beckenbauer erst als dritter Fussballer als Spieler und Nationaltrainer Weltmeister.

Mit jedem Sieg bei der WM wird die Kritik der «Bibel des französischen Sportes» etwas leiser, verstummt aber nicht. Sie schweisst, da sie aus einer so prominenten Quelle kommt, das Team zusammen. Der Nationaltrainer schottet seine Mannschaft von den Medien ab und kreiert im Quartier in Clairefontaine eine bis dahin nie gesehene abgeschirmte Atmosphäre und eine Stimmung «Wir-gegen-den-Rest-der Welt», die viel zum Titelgewinn beiträgt.

Nach dem 3:0 gegen Brasilien im WM-Finale am 12. Juli 1998 wird der Konflikt öffentlich. Im TV-Live-Interview sagt Aimé Jacquet in der Stunde des Triumphes:

«Je ne pardonnerai jamais.»
Deutsch: «Ich werde niemals vergeben.»

Damit meint er ausdrücklich die Behandlung durch «L'Équipe». Das mag zeigen, wie tief ihn die Kampagne getroffen hat. Er ist der Ansicht, dass die Angriffe nicht nur ihn, sondern auch seine Familie tief verletzt hätten.

Hat «L'Équipe» ihren Fehler eingeräumt? Ja. Sogleich veröffentlichte Chefredaktor Jérôme Bureau einen offenen Brief «À Aimé Jacquet», in dem er dem Weltmeistertrainer Respekt zollt und Fehler eingesteht. Jérôme Bureau bleibt Direktor der Redaktion bis 2003, also noch fünf Jahre nach dem WM-Triumph. Zum 20. Jahrestag der WM veröffentlicht die Zeitung mehrere Rückblicke, in denen ehemalige Redaktoren offen einräumen, dass die Kritik überzogen gewesen sei und dass Jacquet der Architekt des WM-Titels war. Sie verteidigen aber das Recht auf journalistische Kritik. Der Konflikt, heute unter der Bezeichnung «Affaire Jacquet» bekannt, hatte also keine personellen Konsequenzen.

Die eigentliche Konsequenz war ein erheblicher Imageschaden. Während der Tour de France sind die Autos der Zeitung (sie ist Erfinderin und Besitzerin der Tour) mit Steinen beworfen worden.

Die Spieler Lizarazu und Barthez lassen ihren Nationaltrainer Aim� Jacquet mit dem Weltpokal hochleben
Jacquet jubelt mit dem WM-Pokal.Bild: imago sportfotodienst

Bemerkenswert ist zudem, dass Jacquet selbst die Angriffe nie ganz vergessen und alle Einladungen zu Ehren des Weltmeisterteams in die Redaktionsräume als Einziger abgelehnt hat.

Von grösstem Unterhaltungswert sind die Schilderungen von Berufskollegen aus der L'Équipe-Redaktion: Wie mit jedem Sieg bei der WM die Euphorie im Lande grösser und die Stimmung in der Redaktion frostiger geworden sei. Bis hin zu betretenem Schweigen beim Champagner-Buffet zur Feier des historischen Erfolges. Und welche Formen der Schadenfreude es unter den Kollegen gegeben habe.

Die Lehre des Chronisten aus der «Affaire Jacquet»: Keine Polemik! Schon gar nicht gegen einen Trainer!

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