Wir alle finanzieren die hohen Profite der Ölmultis – dabei gäbe es ein Mittel
Sechs der grössten Erdölproduzenten haben im ersten Halbjahr des laufenden Jahres über 133 Milliarden US-Dollar (etwa 108 Milliarden Franken) verdient. Ein Grossteil davon fiel innerhalb der Monate an, in denen der Iran-Krieg für hohe Ölpreise, Unterbrüche der Lieferketten und teilweise sogar Knappheiten sorgte. 2025 waren es im selben Zeitraum rund 89 Milliarden.
Schaut man sich alleine das zweite Quartal 2026 an, dann haben die acht grössten Ölmultis laut Zahlen des Guardian ihre Profite fast verdoppelt. Den Daten zufolge erzielten die acht Ölkonzerne – Aramco, BP, Shell, Equinor, TotalEnergies, Eni, Chevron und ExxonMobil – im Frühjahrsquartal jede Minute einen Gewinn von mehr als 700'000 US-Dollar.
Auch Rohstofffirmen mit Sitz in der Schweiz erlebten ein gesegnetes erstes Halbjahr: Glencore hat im ersten Halbjahr 2026 klar von den höheren Rohstoff- und Energiepreisen profitiert und einen riesigen Gewinnsprung gemacht. Der Genfer Rohstoffhändler Trafigura erzielte die drittbeste Halbjahresbilanz in der Unternehmensgeschichte. Ähnlich sieht es beim Energiehändler Gunvor sowie beim Ölhändler Vitol aus.
Profite aus Öl und Gas, während die Welt brennt
Der Grund für die hohen sogenannten Zufalls- oder Übergewinne (bekannt im Englischen als windfall profits) liegt darin, dass der Ölpreis, der am globalen Markt zustande kommt, infolge des Iran-Kriegs massiv gestiegen ist. In der zweiten Hälfte des laufenden Jahres lag der durchschnittliche Preis für global gehandeltes Rohöl bei 96.7 US-Dollar. Im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres lag er zwischen rund 78 US-Dollar im ersten Quartal und 67 US-Dollar im zweiten.
Bleiben die Kosten ungefähr gleich – was insbesondere bei den Firmen der Fall war, deren Raffinerien und Exporte nicht direkt von den Auswirkungen des Krieges betroffen waren –, erhöht das automatisch die Marge der Ölmultis.
Es sind Profite, die in keiner Weise ökonomisch, geschweige denn moralisch zu rechtfertigen sind: Es steckt weder eine Innovation noch eine Produktivitätssteigerung dahinter. Die Profite sind, simpel ausgedrückt, «einfach passiert».
Da es alltägliche Produkte betrifft, subventioniert direkt oder indirekt fast jeder Mensch die Übergewinne der Milliardenkonzerne. Daran alleine könnte man sich schon genügend stören. (Ironischerweise stört es diejenigen oft am wenigsten, die sich stets für das Leistungsprinzip stark machen.) Aber die Profite aus Öl und Gas sind nicht mehr nur Teil einer Verteilungsdebatte. Sie stehen für die beispiellose Zerstörung unserer Umwelt und die Existenzgrundlage von immer mehr Menschen.
Denn mehr als sonst trägt die Welt im Sommer 2026 die Folgen davon nicht mehr «nur» ökonomisch – in Form eines starken Anstiegs der Preise alltäglicher Güter. Die teils rekordhohen Profite, welche die Ölfirmen in den vergangenen Tagen verkündet haben, erfolgen in einer Zeit, in der die Lebensgrundlage von Millionen Menschen buchstäblich brennt oder austrocknet.
Europa erlebt derzeit eine Hitzewelle nach der anderen, mindestens eine davon war die nachweislich schlimmste aller bisherigen Zeiten. Mehr als 20'000 Menschen verloren dadurch ihr Leben. Auch in Asien wurden diverse Hitzerekorde aufgestellt und in Südasien zerstören besonders intensive Regenfälle Leben und Existenzen. Keiner kann mehr behaupten, dass solche Ereignisse ohne den menschengemachten Klimawandel möglich wären.
Wenn sogar Trump zum «Sozialisten» wird
Gleichzeitig zeigen die Ölfirmen einmal mehr, was kürzlich ein Bericht von Forschenden der London School of Economics zeigte: Es braucht staatliche Massnahmen, um die Firmenanreize mit den Klimazielen in Einklang zu bringen – Investoren alleine können Unternehmen nicht nachhaltig dazu zwingen, gegen ihre wirtschaftlichen Interessen zu handeln. Während die Welt kleine, aber doch sichtbare Dekarbonisierungsschritte unternimmt, scheitern die Banken- und die Öl- und Gasbranche an der Umsetzung ihrer vagen Versprechen.
So hat British Petroleum (BP), und die Firma ist damit nicht alleine, jüngst ihre Ausgaben für grüne Energie wieder gekürzt. Seit Anfang des letzten Jahres hat das britische Mineralölunternehmen im Rahmen einer «grundlegenden Neuausrichtung» seine Umweltziele zurückgeschraubt und sein jährliches Budget für die Energiewende von 5 Milliarden US-Dollar auf 1,5 bis 2 Milliarden gesenkt.
Die Frage ist, ob wir uns angesichts dieser Tatsachen solche Profite aus fossilen Brennstoffen leisten können. Offenbar zweifelt jetzt sogar US-Präsident Donald Trump daran, der – wenn auch aus anderen, politischen Gründen – die hohen Gewinne der Ölkonzerne diese Woche ungewöhnlich scharf kritisierte. «Wenn man sich ein Unternehmen ansieht, das das Zwölffache des Vorjahresgewinns erzielt hat, dann sollte es einen Teil davon an die Öffentlichkeit zurückgeben», so Trump, der doch deutlich mehr als guter Freund dieser Konzerne denn als umverteilungswilliger Sozialist gilt.
«Man merkt, dass die grossen Ölkonzerne uns über den Tisch ziehen, wenn einer ihrer grössten Verbündeten, Donald Trump, ihnen sagt, sie sollen ihre Profitgier zügeln», kommentierte Patrick Galey von der NGO Global Witness gegenüber dem «Guardian».
Eine Übergewinnsteuer wäre das Mindeste
Das Gute ist: Es gäbe diverse Mittel, um mit solchen Profiten umzugehen. Eines davon ist die Übergewinnsteuer, die anhand eines Vergleichs mit den Profiten in «normalen Zeiten» die Übergewinne stärker besteuern würde. In den USA werden die Rufe danach gerade lauter, in der EU kennt man das Instrument schon. Nach Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine einigte sich die Union darauf, dass jeder Mitgliedstaat eine Sondergewinnsteuer von mindestens 33 Prozent auf die Gewinne von Öl- und Gasunternehmen erheben würde, die 120 Prozent ihres Durchschnitts der letzten vier Jahre übersteigen.
Im Zuge des Iran-Kriegs verzichtete die EU-Kommission trotz des Drucks einiger EU-Staaten auf eine solche Massnahme, trotzdem wurde sie von einzelnen Ländern wie Grossbritannien seit 2022 aufrechterhalten.
Die Übergewinnsteuer wird aber noch immer von vielen abgelehnt, meistens mit dem Argument, dass zu stark in die freie Marktwirtschaft und die Preissetzung eingegriffen würde. Die gestiegenen Gewinne würden nämlich neues Angebot kreieren, oder anders gesagt, die Ölfirmen würden damit der Knappheit entgegenwirken. Genau so verteidigte auch die neue CEO von British Petroleum (BP), Meg O’Neill, die Gewinne des Unternehmens: Man konzentriere sich auf «diejenigen Massnahmen, mit denen wir zur Bewältigung der Situation beitragen können», wie beispielsweise die «zuverlässige Steigerung der Produktion der Ölprodukte», an denen Mangel herrschte.
Nur: Das ist nicht, was geschah. Tatsächlich wird die Branche aufgrund der Unsicherheiten in diesem Jahr voraussichtlich weniger für die Förderung von Öl und Gas ausgeben als im Jahr 2025.
Wie das Beispiel BP zeigt, fliessen die Gewinne ebenso wenig in Investitionen in die erneuerbaren Energien. Stattdessen behinderten und verzögerten die Ölkonzerne mit ihrer Macht bekanntermassen jahrzehntelang die Massnahmen gegen den Klimawandel. Eine Übergewinnsteuer wäre das absolute Mindeste, was es in Zeiten wie diesen bräuchte.
Ein weiteres Argument gegen eine solche ist, dass eine Übergewinnsteuer die Planungssicherheit der Unternehmen behindert. Das mag sein, weshalb eine permanente Profitsteuer, wie sie das Vereinigte Königreich eingeführt hat, noch viel besser wäre. So würden die Staaten in Einklang mit ihren Klimazielen bewusst die Profitabilität in der Branche der erneuerbaren Energien bevorzugen: Müsste die Fossil-Branche höhere Gewinnsteuern zahlen, würden die Nettogewinne im Bereich der erneuerbaren Energien im Vergleich höher ausfallen. Das wiederum würde die Verschiebung der wirtschaftlichen Tätigkeit der Unternehmen von der fossilen hin zur erneuerbaren Branche beschleunigen.
Natürlich bräuchte es einen globalen Effort, um die Umgehung einer solchen Steuer zu verhindern. Mit dem Rahmenabkommen der Vereinten Nationen über die internationale Zusammenarbeit in Steuerangelegenheiten gäbe es einen ersten Weg dazu, zudem gibt es seit diesem Jahr eine neue internationale «Conference on Transitioning Away from Fossil Fuels» (etwa: Konferenz zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen).
Möglicherweise entscheidend: Studien aus diversen Ländern zeigen, dass eine deutliche Mehrheit die Besteuerung von Unternehmen der fossilen Brennstoffindustrie befürwortet – darunter auch eine Mehrheit der Anhänger rechter Parteien.
