Warum wir beim Anlegen immer wieder die gleichen Fehler machen
Ich kenne ja die Fakten.
Und trotzdem ertappe ich mich manchmal dabei.
Jemand erzählt von einer Aktie oder einem ETF, der gerade gut läuft oder viel Potenzial haben soll, und plötzlich denke ich: Sollte ich da nicht doch noch einsteigen?
Als der Krieg mit dem Iran begann und an den Börsen alles rot war, kamen mir einige Gedanken, einen Teil meiner Anlagen abzusichern. Gesagt, getan: Ich platzierte Stop-Orders und einige davon wurden ausgelöst. Bei vielen dieser Aktien habe ich danach den Wiedereinstieg nicht mehr gefunden und, im Nachhinein betrachtet, Gewinne liegen lassen. Im Nachhinein ist man eben immer schlauer.
Kommt dir das bekannt vor: diese Gedanken wie «Vielleicht wäre jetzt Verkaufen (oder Kaufen) doch keine schlechte Idee?» Oder man sieht eine Position tiefrot im Portfolio und denkt: «Die behalte ich noch ein bisschen. Die kommt bestimmt wieder.»
Beim Investieren ist oft nicht das Wissen über Aktien, ETFs oder wirtschaftliche Zusammenhänge die Herausforderung. Sondern unser eigenes Verhalten.
Genau damit beschäftigt sich die Behavioral Finance. Und einige der Forschungsergebnisse zum Ausmass, welche Wirkung unser Verhalten auf das Ergebnis haben kann, die ich dazu gelesen habe, finde ich spannend.
Nur 10 Tage können einen grossen Unterschied machen
Eine Situation, die wahrscheinlich viele von euch kennen: Die Börse fällt und wir überlegen, lieber auszusteigen und wieder einzusteigen, wenn sich alles beruhigt hat.
Klingt vernünftig. Ist in der Praxis aber ziemlich schwierig.
Eine Berechnung von J.P. Morgan zeigt, wie gross der Unterschied sein kann: Wer über den untersuchten Zeitraum von 20 Jahren vollständig investiert blieb, erzielte eine annualisierte Rendite von 10,5 % Wer nur die zehn besten Börsentage verpasste, kam noch auf 6,2 %. (Quelle: J.P. Morgan Asset Management, Guide to the Markets 2025)
Die Herausforderung: Gute und schlechte Börsentage können sehr nahe beieinanderliegen. Wer nach heftigen Kursverlusten aussteigt, läuft deshalb Gefahr, auch bei einer schnellen Erholung nicht dabei zu sein (so wie es mir mit meinen Stop Orders ging, die ausgelöst wurden).
Für mich ist die Erkenntnis daraus nicht, dass man niemals etwas verkaufen sollte, sondern: Wenn du langfristig investierst, sollten kurzfristige Schwankungen allein noch kein Grund sein, an der Strategie zu schrauben.
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Mehr machen bringt nicht immer automatisch mehr
Viele von uns sind gewohnt: Wenn wir etwas verbessern wollen, müssen wir etwas dafür tun: mehr Sport. Mehr lernen. Mehr üben …
Beim Investieren kann mehr Aktivität aber auch das Gegenteil bewirken.
Brad Barber und Terrance Odean untersuchten für ihre Studie «Trading Is Hazardous to Your Wealth» die Depots von 66'465 US-Haushalten. Die Anleger:innen, die am meisten handelten, erzielten eine jährliche Rendite von 11,4 %. Der Markt erzielte im gleichen Zeitraum 17,9 %.
Natürlich bedeutet eine Studie aus dem Jahr 2000 nicht, dass jeder Trade schlecht oder dies immer so ist. Aber diese Frage finde ich spannend: Handle ich gerade, weil ich bewusst eine kurzfristige Chance nutzen will? Weil sich an meinem Investment tatsächlich etwas verändert hat? Oder einfach, weil ich das Gefühl habe, etwas tun zu müssen?
Wir lieben die Gewinner von gestern. Kostet uns das wirklich Rendite?
Eine Aktie, ein Fonds oder ein Anlagethema läuft hervorragend und plötzlich wollen alle dabei sein. Je besser die vergangene Performance aussieht, desto attraktiver erscheint das Investment.
Morningstar untersucht in seiner Mind-the-Gap-Studie seit Jahren die Differenz zwischen den Renditen von Fonds und jener Rendite, die Anleger:innen mit ihren tatsächlich investierten Dollars erzielen.
Im Report 2025 lag die durchschnittliche Fondsrendite über den untersuchten Zehnjahreszeitraum bei 8,2% pro Jahr. Der durchschnittlich investierte Dollar kam auf nur 7,0%. Lücke: 1,2 Prozentpunkte pro Jahr.
Interpretiert wurde dies als Tatsache, dass Anleger:innen durch schlechtes Timing und das Hinterherlaufen vergangener Renditen einen erheblichen Teil ihrer möglichen Rendite verschenken.
Doch genau diese Aussage wird jetzt von einer neuen, 2026 im «Financial Analysts Journal» veröffentlichten Studie in Frage gestellt: Die Forschenden untersuchten die Morningstar-Methodik und kamen zu einem anderen Ergebnis: Ein grosser Teil des gemessenen Return Gap könnte durch die Berechnungsmethode entstehen und nicht durch tatsächlich schlechtes Timing. Geschätzt wurde der jährliche negative Timing-Effekt auf 0,1 Prozentpunkte (statt 1,2 %).
Das heisst nicht, dass Timing keine Rolle spielt. Auch die Forschenden weisen darauf hin, dass einzelne Anleger:innen oder einzelne Fonds durchaus grössere Timing-Verluste erleiden können. Wie viel das ist, wird sich in weiteren Studien wohl zeigen.
Da niemand eine magische Kristallkugel für die Zukunft hat, bleiben historische Daten ein wichtiger Teil unserer Entscheidungsgrundlage. Aber statt einfach dem Gewinner von gestern hinterherzulaufen, finde ich zwei andere Fragen interessant: Warum möchte ich dieses Investment heute besitzen? Und welches zukünftige Potenzial sehe ich?
Gewinne nehmen wir gerne. Verluste weniger.
Stell dir vor, du hast zwei Aktien im Portfolio. Eine steht deutlich im Plus, die andere tief im Minus. Welche verkaufst du lieber?
Terrance Odean untersuchte dieses Verhalten. In seiner Studie wurden Gewinner in 14,8 % der entsprechenden Möglichkeiten verkauft, Verlierer dagegen nur in 9,8 %. Damit wurden Gewinner rund 50 % häufiger verkauft als Verlierer.
Dieses Verhalten heisst Dispositionseffekt. Wir warten gerne, weil einen Gewinn zu realisieren sich gut anfühlt. Einen Verlust zu realisieren bedeutet dagegen, sich einzugestehen: Dieses Investment ist nicht so gelaufen, wie ich gehofft hatte. Und die Hoffnung stirbt oft zuletzt.
Da das Warten auch einen Preis hat, können diese Fragen nützlich sein, den Dispositionseffekt zu mindern: Sehe ich in dieser Anlage heute noch genügend Potenzial? Wenn nicht: Gibt es etwas Interessanteres, in das ich mein Geld investieren könnte?
Auch Profis können danebenliegen
Auch bei professionellen Fondsmanagern zeigt sich immer wieder, wie schwierig es sein kann, einen Markt zu schlagen.
Laut der SPIVA U.S. Scorecard blieben 79 Prozent der aktiv gemanagten US-Large-Cap-Fonds im untersuchten Jahr hinter dem S&P 500 zurück.
Das bedeutet nicht, dass du nur noch in gängige Marktindizes investieren musst. Aktive Strategien können durchaus ihre Berechtigung haben. Idealerweise prüfst du, falls du dir einen aktiven Fonds in dein Portfolio holst, wo der Mehrwert ist, wie dieser entsteht und was es dich kostet.
Der Kurz-Check vor dem Kaufen oder Verkaufen
Für mich zeigen diese Daten vor allem eines: Erfolgreiches Investieren hat neben der Auswahl an Anlagen viel mit Disziplin zu tun und damit, wie wir Entscheidungen treffen.
Hier ist eine kurze Gedankencheckliste vor dem Knopfdruck:
- Kann ich in einem Satz erklären, warum ich kaufen oder verkaufen will?
- Kenne ich meinen möglichen Gewinn und Verlust, zumindest als Schätzung?
- Habe ich einen klaren Zeithorizont für diese Anlage?
- Passt die Anlage (noch) in mein Gesamtportfolio?
- Würde ich auch ohne FOMO oder Schlagzeilen so entscheiden?
- Hat sich meine Einschätzung dieser Anlage wirklich geändert?
- Muss ich überhaupt etwas tun?
Manchmal kann die beste Anlageentscheidung tatsächlich sein, einfach nichts zu machen.
In der Theorie tönt das alles super. In der Praxis gibt es, wie ihr oben seht, zig Beispiele, bei denen ich trotz Checkliste selbst in die Aktivitätsfallen getappt bin. Vielleicht gehört das auch einfach ein Stück weit dazu. 😉
Wie ist das bei euch? Bei welchem Anlagefehler habt ihr euch schon einmal selbst ertappt?
