Wirtschaft
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Interview mit Big-Data-Spezialist Marc Teerlink

«Watson macht es sehr viel schneller und sehr viel besser»

Als erster Computer hat Watson von IBM ein TV-Ratespiel gewonnen. Damit wurde das neue Maschinenzeitalter eingeläutet. Werden bald Supercomputer anstelle von Menschen die wichtigen Entscheidungen treffen? 



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Big-Data-Spezialist Marc Teerlink. Bild: IBM

Intuition ist nichts, von Computer generierte Fakten sind alles. Das scheint die neue Realität im Zeitalter von Big Data zu sein. Stimmt das?
Marc Teerlink: Nein, nein, nein. Intuition ist eine ganz bedeutende Sache. Gefährlich wird es nur dann, wenn Intuition die Fakten ignoriert. Dann macht uns Intuition blind. Wirklich grosse Denker und Unternehmer kennen ihre auf Intuition beruhenden Vorurteile, können ihre Wirkung abschätzen und lassen sich nicht von ihnen in die Irre führen.

An wen denken Sie dabei?
Elon Musk, der Gründer des Elektroautoherstellers Tesla, ist ein gutes Beispiel eines Unternehmers, der es versteht, harte Fakten mit Intuition zu verbinden. 

«Es geht darum, kalkulierte Risiken einzugehen.»

Wie gehen Sie selbst mit Ihrer Intuition um?
Ich bin ein passionierter Segler und habe schon mehrmals in einem Segelschiff den Atlantik überquert. Dazu muss ich viele Fakten kennen. Doch wenn ich unterwegs bin, dann ändere ich den Kurs immer wieder mal aus einem Bauchgefühl heraus. Gleichzeitig habe ich jedoch einen Navigator, der mit Hilfe aller verfügbaren Fakten prüft, ob uns dieser Kurs nicht geradewegs in ein Unwetter führt.

Zur Person 

Dr. Marc Teerlink ist Global Strategist und Chief Data Scientist beim IT-Beratungs-unternehmen IBM. Der Holländer ist Marketing- und Big-Data Experte sowie ein gefragter Referent und Publizist. Teerlink war aktiv involviert in die Lancierung von IBMs Watson-Projekt. Der Supercomputer gewann 2011 gewann die amerikanische Game Show «Jeopardy!». In sekunden-schnelle lieferte er Antworten auf unterschiedlichste Fragen aus dem Allgemeinwissen und gewann gegen den  74-maligen Sieger und gegen den grössten Abräumer der Show. (rar)

Sie vermeiden also möglichst alle Risiken?
Überhaupt nicht. Ich bin ein grosser Fan von Eleanor Roosevelt (Gattin des ehemaligen US-Präsidenten Franklin Roosevelt, Anm, d. Red.), die einmal gesagt hat: «Unternimm jeden Tag etwas, das dir Angst macht.» Es geht jedoch darum, kalkulierte Risiken einzugehen. Das Leben ist eine lange Reihe von ausbalancierten Risiken.

Wie balanciert man Risiken?
Ganz einfach: durch viel Training. Oder wie der legendäre Golfer Gary Player einst gesagt hat: «Je härter ich trainiere, desto mehr Glück habe ich.» 

Heute wird alles gemessen, gewogen und gelistet. Wo bleibt da noch Raum für Spontaneität und Intuition?
Damit bin ich überhaupt nicht einverstanden. Computer denken nicht selbstständig, sie unterstützen Menschen bei ihren Entscheidungen. Wir sind dabei, Watson in den Dienst der Medizin zu stellen. Dabei geht es nicht darum, dass der Computer dem Arzt sagt, was er zu tun hat. Es geht darum, dass der Computer den Arzt auf Informationen hinweist, die er vielleicht noch nicht kennt.

Ärzte haben doch lange studiert.
Aber danach vernachlässigen sie die Weiterbildung. Der durchschnittliche amerikanische Mediziner verwendet fünf Stunden pro Monat darauf, um sich in Fachliteratur weiterzubilden. So viel Zeit brauche ich, um über das Wocheneden die «New York Times» zu lesen. Watson hilft den Ärzten, ihre Weiterbildungslücken zu füllen und weist sie beispielsweise auf Behandlungsmethoden hin, die rein statistisch gesehen die grössten Erfolgsaussichten haben.

«Es geht darum, dass die Menschen mit Hilfe des Computers kreativer werden.» Bild: Shutterstock/diuno

«Es geht darum, dass wir lernen, einen Weg durch den Datendschungel zu finden.»

Also doch, der Computer nimmt dem Arzt die Verantwortung ab.
Nein, und nochmals nein. Es geht darum, dass die Menschen mit Hilfe des Computers kreativer werden. Lassen Sie mich ein anderes Beispiel erzählen: Ich kenne einen Besitzer einer Parkgarage in der Nähe des Flughafens. Er sagt mir, dass rund zwei Mal die Woche Autofahrer beinahe auf die Treppe für Fussgänger fahren anstatt in die Einfahrt. Und warum? Weil Ihnen das GPS wegen der Kreiselauffahrt sagt: Biegen Sie nach rechts ab. Dabei können sie die Einfahrt mit blossem Auge erkennen. Sie ist bloss ein paar Meter entfernt.

Was wollen Sie uns damit sagen?
Dass wir selbst dann, wenn wir von einem Computer unterstützt werden, unser Gehirn nicht abschalten können. Wir sind es der Gesellschaft und unseren Kindern schuldig, dass wir unser Denken trainieren. Es geht darum, dass wir lernen, einen Weg durch den Datendschungel zu finden. Dazu braucht es ein paar Grundwerte, Fakten und die Fähigkeit, Dinge zu kombinieren.

Alle stöhnen doch heute schon, dass wir unter einem Überfluss von Daten leiden.
Falsch. Wir leiden nicht unter einem Datenüberfluss, sondern darunter, dass wir keine geeigneten Filter haben, welche diese Daten sinnvoll einordnen. Oder anders gesagt: Wir können die Signale nicht vom Lärm unterscheiden. 

«Watson gibt Ihnen nicht nur eine bestimmte Empfehlung, sondern alle verfügbaren.»

Wie macht man das?
Wenn meine 16-jährige Tochter einen Vortrag über Stalin vorbereiten muss, dann googelt sie zuerst «Russland» und «Stalin». Dann schaut sie die ersten drei Einträge an. Wenn ich Sie dann frage, warum hast du das und das nicht berücksichtigt, dann schaut Sie mich entgeistert an und fragt zurück: Wie habt ihr denn damals eure Hausaufgaben gemacht? Ich antworte: Wir gingen in die Bibliothek. Ich las Bücher, die mir andere – Lehrer, Kollegen, Bekannte – empfohlen haben. Genau diese Funktion hat auch Watson. Es sagt Ihnen – im übertragenen Sinn natürlich –, welche Bücher Sie lesen sollten.

Und was, wenn uns Watson die falschen Bücher empfiehlt?
Watson gibt Ihnen nicht nur eine bestimmte Empfehlung, sondern alle verfügbaren. Sie haben damit eine ausgewogene Grundlage, um ihre eigenen Entscheidungen zu fällen.

Ist Watson damit eine Art Superhirn, das alles besser weiss?
Nein, bei Watson sprechen wir nicht von künstlicher Intelligenz, sondern von kognitiver Intelligenz. 

«Watson erinnert nur sehr viel schneller und sehr viel besser.» Bild: Shutterstock/diuno

Was ist der Unterschied?
Kognitive Intelligenz legt Wissen ab und holt es wieder zurück. Sie weiss beispielsweise, wann die Rockgruppe Queen mit «Bohemian Rhapsody» ihren ersten Nummer eins Hit in der Schweiz gelandet hat. Niemand von uns hat eine solche Liste im Kopf. Was machen wir? Wir fügen Erinnerungsstücke aneinander. «Rhapsody», das war doch, als ich zum ersten Mal mit meiner Freundin allein in die Ferien gefahren bin, oder als mein Vater mir das Tonband aus dem Fenster geworfen hat, weil ihn das Stück so genervt hat, also muss es 1976 gewesen sein. (Ein Google-Check ergibt: Es war 1975, anm. d Red.). Das Blöde ist, dass unser Gedächtnis nicht sehr verlässlich arbeitet. Das gilt auch für Watson.

«Watson entscheidet nicht, aber er hilft dem Arzt, kreative Entscheidungen zu finden.»

Wie geht Watson mit dieser Schwäche um?
Indem er möglichst viele Quellen sammelt. In der Schweiz würde er sich auf die «NZZ» verlassen, aber auch auf den «Blick», auf Fachzeitschriften und auf Lokalradios und fragt sich dann: Wie sehr kann ich einer bestimmten Quelle vertrauen? Dazu fragt er sich stets: Habe ich die Frage richtig verstanden? Stimmt der Kontext? Watson macht so gesehen das Gleiche, wie wenn Sie sich fragen: Wann ist «Rhapsody» erschienen? Er macht es nur sehr viel schneller und sehr viel besser. 

Nochmals zum Arzt: Wie hilft ihm Watson?
Er weist ihn auf die jüngsten Ergebnisse der medizinischen Forschung hin und zeigt ihm verschiedene Behandlungsoptionen auf. Watson deckt dabei stets seine Quellen auf. Es sagt dem Arzt: Das habe ich ihn diesem Fachmagazin gefunden, das in dieser Studie, etc. Nochmals: Watson entscheidet nicht, aber er hilft dem Arzt, kreative Entscheidungen zu finden.

Und wie unterscheidet sich die kognitive Intelligenz von Watson von der künstlichen Intelligenz eines Roboters in einem Sci-Fi-Film?
Kognitive Intelligenz bedeutet, dass eine Maschine auf komplexe Fragen schnelle, verständliche und transparente Antworten in menschlicher Sprache liefert, ohne selbst Entscheidungen zu fällen. Bei künstlicher Intelligenz übernimmt die Maschine selbst die Entscheidung.

«Watson denkt nicht.»

Bei künstlicher Intelligenz geht man davon aus, dass Maschinen einen Tages ein Bewusstsein haben werden. Gilt dies auch für Watson?
Nein, Watson imitiert das menschliche Gedächtnis. Das Bewusstsein zu imitieren wäre eine ganz andere Technologie. Watson ist ein Teil des Gehirns, aber es ist nicht das Gehirn. 

Aber Watson ist eine Maschine, die lernen kann. Entsteht somit nicht automatisch auch eine Art von Bewusstsein?
Nein. Watson denkt nicht. Er lagert Informationen ein und holt sie wieder zurück. Er trifft jedoch niemals selbst Entscheidungen. 

«Würden Sie in ein Flugzeug steigen, dass von einem Roboter gesteuert wird?» Bild: Shutterstock/diuno

Wird es je dazu kommen, dass Maschinen selbst Entscheidungen treffen?
Gegenfrage: Würden Sie in ein Flugzeug einsteigen, das von einem Roboter und nicht von einem menschlichen Piloten gesteuert wird? Es gibt zwar den alten Witz, wonach es drei Dinge für das sichere Fliegen braucht: Einen Autopiloten, einen menschlichen Piloten und einen Hund. Der Autopilot steuert das Flugzeug und der Hund beisst den Menschen, wenn er versucht, einzugreifen. Statistisch gesehen sind schliesslich fast immer menschliche Fehler der Grund, wenn ein Flugzeug abstürzt. Aber trotzdem: Würden Sie in ein Flugzeug ohne Piloten einsteigen? Menschen wollen letztlich die Kontrolle behalten, weil sie Menschen sind. Ich beispielsweise würde es niemals erlauben, dass künstliche Intelligenz die Kontrolle über mein Leben übernimmt. 

«In Zukunft werden Maschinen mit den Menschen in eine symbiotische Beziehung treten.»

Es gibt aber die Vorstellung, dass es zu einer Verschmelzung von menschlicher und künstlicher Intelligenz kommen und dass die Menschheit deswegen einen Quantensprung in der Evolution machen wird. Ist das bloss ein feuchter Traum von Computer-Nerds?
Ich liebe zwar Cyberpunk, wie diese Art von Zukunftsliteratur genannt wird, aber diese Diskussion geht über meine Gehaltsklasse hinaus. Es ist sehr weit hergeholt, um es höflich auszudrücken. Ich hoffe auf jeden Fall, dass die Menschen vernünftig genug sein werden, allem technischen Fortschritt zum Trotz ihre humane Seite zu bewahren.

Viele Wissenschaftler sprechen von einem neuen «Maschinenzeitalter», das angebrochen sei. Was halten Sie davon?
Ich denke, dass dies zutrifft. Als Watson im Februar 2011 die Rateshow «Jeopardy!» gewonnen hat, ist eine Grenze überschritten worden. Damit war der definitive Beweis erbracht, dass IT viel grössere Datenmengen viel schneller und viel zuverlässiger auswerten kann als der Mensch. In Zukunft werden Maschinen mit den Menschen in eine symbiotische Beziehung treten und ihnen erlauben, bessere Entscheidungen zu treffen. Mit anderen Worten: Die Technik wird uns helfen, bessere Menschen zu werden.

«Mann gegen Maschine.» Watson gewann gegen die besten. Video: YouTube/Engadge

Ist das neue Maschinenzeitalter nicht ein Albtraum im Sinne von Big Brother?
Auch das Industriezeitalter hat negative Aspekte gehabt. So ist beispielsweise das traditionelle Handwerk weitgehend verschwunden. Aber insgesamt hat die Menschheit davon profitiert. Doch das ist nicht primär eine technische, sondern eine politische Frage. 

Besteht nicht die Gefahr, dass die Technik in die Hände von Kriminellen oder Diktatoren gerät und gegen die Mehrheit der Menschen verwendet wird?
Schauen Sie die EU an. Sie hat dazu geführt, dass in Europa mehr als ein halbes Jahrhundert lang Frieden geherrscht hat. Das gibt mir Hoffnung. Auf ähnliche Weise können die Konzerne dank dem technischen Fortschritt eine globale und ausgewogene Wirtschaft schaffen. Werden wir dabei Fehler machen? Mit Sicherheit. Ich stelle mir vor, dass unsere Enkel einmal sagen werden: Okay, unsere Grosseltern haben viel Mist gebaut – aber unsere Eltern haben es wieder ausgebügelt. 

Bleiben wir in der Gegenwart: Wie wird uns das neue Maschinenzeitalter als Konsumenten betreffen?
Schon heute wissen unsere Kinder sehr viel mehr als wir im gleichen Alter waren. Wir können heute schon bessere Entscheidungen treffen, uns sinnvoller ernähren, wenn wir es wollen. 

«Es geht nicht mehr darum, Daten zu besitzen, sondern Datenpools zu schaffen, von denen alle profitieren können.»

Sharing Economy lautet der neueste Trend. Wird das Maschinenzeitalter auch zu einer neuen Wirtschaftsordnung führen?
Auf jeden Fall. Wir sprechen von einer Demokratisierung des Wissens. Wissen ist kein Stück Schokolade, das nur einer essen kann. Wissen kann man teilen, und alle Seiten profitieren davon. In Internet kann man bereits jetzt Ansätze einer neue Sharing Economy sehen. In den letzten fünf Jahren sind so viele neue Businessmodelle entstanden und ein neuer Typ von Unternehmer aufgetaucht. Es geht nicht mehr darum, Daten zu besitzen, sondern Datenpools zu schaffen, von denen alle profitieren können. Teilen ist zudem nicht nur ein erfolgreiches Businessmodell, es macht auch sehr viel Spass.

Wann und wie werden wir von dieser Entwicklung profitieren?
Das ist eine Frage der Ethik. Die Antwort hängt davon ab, wie weit Sie bereit sind, ihre privaten Daten zur Verfügung zu stellen. Wenn Sie Wert darauf legen, gemäss Ihren persönlichen Bedürfnissen bedient zu werden, müssen Sie zunächst einmal die entsprechenden Informationen preisgeben.  

Teerlink erklärt Watson im TED Talk.   Video: YouTube/TEDx Talks

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