Wirtschaft
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Ölhahn zu: Die Lager sind am Überlaufen − das sind die Gründe dafür

Schon vor der Coronakrise wurde zu viel Öl produziert. Die Nachfrage schwindet immer mehr und die Preise stürzen ab. Warum ist das so?

Christoph Bopp / ch media



Zum Wochenanfang löste ein Ereignis Stirnrunzeln aus. Der Preis für ein Fass Öl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) fiel und fiel bis auf knapp minus 40 Dollar. Wer ein Fass Öl kaufte, würde also noch mit 40 Dollar belohnt. Es war dann nicht so heiss, wie es in den Nachrichten gebracht wurde: Es handelte sich um den Preis eines Futures-Kontraktes, der am Auslaufen war. Eine Option, Öl zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem bestimmten Preis zu kaufen.

epa08376452 A pumpjack pumps oil amid the coronavirus pandemic in Signal Hill, California, USA, 21 April 2020. US crude oil prices went negative on 20 April, as demand disappears due to lockdown measures in place due to the coronavirus pandemic.  EPA/ETIENNE LAURENT

Ölhahn zu: Niemand will mehr Öl, das Angebot übersteigt die Nachfrage bei weitem. Bild: EPA

Der Preis, auch derjenige der Futures, erholte sich wieder. Aber die zugrunde liegende Tatsache ist natürlich der notorisch tiefe Erdölpreis. Ursache dafür ist die wegen Corona drastisch geschrumpfte Nachfrage.

Weil bis vor kurzem frischfröhlich weiter gefördert wurde, füllten sich die Lager. Die Spekulanten, die mit den Futures handelten, wollten gar kein Öl, sie hatten auch gar keine Lagerkapazität dafür. Sie versuchten verzweifelt, die Kontrakte loszuwerden.

Der Preiszerfall ist drastisch. Das Gegenmittel ist klar: Das Angebot müsste verknappt werden. Die drei grossen Produzenten, die USA, Saudi-Arabien und Russland, die zusammen für rund 50 Prozent der Ölproduktion stehen, haben sich auch getroffen und sich auf eine Reduktion der Fördermenge geeinigt. Man will die tägliche Produktion im Mai und im Juni um 9.7 Millionen Barrel im Tag drosseln, das wären immerhin 10 Prozent der Fördermenge.

Die Ölschwemme, die schon länger andauert

Der Nachfragerückgang wird auf 25 bis 35 Prozent weltweit geschätzt. Dennoch dürfte sich die Bremswirkung verzögern. Es ist schon viel zu viel Öl gefördert, das in den Lagern gebunkert wird, viele Supertanker dienen sogar als «schwimmende Fässer». Auf den Benzinpreis bei uns wird deshalb das momentane Überangebot wenig Auswirkungen haben. Auch bei uns sind die Lager noch voll.

Dieses Überangebot besteht aber schon länger. Und die Gründe dafür liefert nicht ein Virus, sondern die Politik. Ungefähr seit 2000 redete man vom «Peak Oil», der erreicht sei. Dass die Produktion zurückging, traf aber eigentlich nur auf die USA zu. Wie es um die Golfstaaten stand, war Staats­geheimnis. Seit dem Ölpreisschock in den 1970er-Jahren waren sie aber die eigentlichen Dominatoren auf dem Ölmarkt.

Oil tank train cars sit idle Tuesday, April 21, 2020, in East Chicago, Ind. The world is awash in oil, there's little demand for it and we're running out of places to put it. That in a nutshell explains this week's strange and unprecedented action in the market for crude oil futures contracts, where traders essentially offered to pay someone else to deal with the oil they were due to have delivered next month. (AP Photo/Charles Rex Arbogast)

Stillstand: Tankzüge in Eas Chicago. Bild: AP

George Mitchell, Ölbaron und Philanthrop, sorgte für die Wende, indem er eine alte Technik, das Hydraulic Fracturing, wieder belebte. Die Methode, Wasser, Chemie und Sand ins Gestein zu pumpen und hin und wieder mit einer kleinen Explosion nachzuhelfen, hatte man früher schon angewendet, als «Quellenstimulation», um in einem alten Bohrloch die Leistung nochmals hochzutreiben. Mitchell fand den Trick, der Öl und Gas aus dem Gestein holte, ohne dass es in einem unter­irdischen Reservoir zusammengeflossen sein musste.

Das Feiglingsspiel mit dem tiefen Ölpreis

Und weil in den USA auch investitionshungriges Kapital in Hülle vorhanden war, überholten die USA dank Fracking die Konkurrenz mit Erdgas und wurden schliesslich auch beim Erdöl zum Netto­exporteur. Saudi-Arabien versuchte 2014, die Amerikaner wieder aus dem Markt zu drängen. Die Opec reduzierte die Fördermenge nicht. Das drückte auf die Preise. Fracking − so schien es − war kostenintensiver und würde die amerikanischen Produzenten ruinieren. Kleinere Firmen gingen auch pleite, aber die sinkenden Einnahmen plagten die Saudis und die Russen ungleich mehr.

Seither spielen die Produzenten eine Art «Feiglingsspiel» (in der Spieltheorie als «Chicken Game» bekannt: Wer ausweicht, hat verloren), wer die tieferen Preise länger aushalten kann, gewinnt. Die Amerikaner haben gute Karten, weil sie in der Förderungstechnik innovativer vorgehen und die Kosten senken konnten.

«Pittsburgh statt Paris» rief Präsident Trump 2017. «Wir haben die grössten Energiereserven des Planeten, mit dem Abkommen würden wir sie praktisch wegschliessen, wir würden auf unseren Reichtum verzichten», sagte er am 1. Juni 2017. Trumps Weigerung, den Klimawandel zu akzeptieren, ist nur die eine Seite. Die andere Seite ist die Geopolitik, die seither wieder fossildominiert ist wie schon lange nicht mehr.

Umweltschäden und geopolitische Turbulenzen

Fracking ist kapitalintensiv, eine sehr hektische Industrie. Da kann man nicht viel Federlesens machen. Niemand weiss genau, was die einzelnen Konzerne da in den Boden pumpen. «Secret Sauces» − «geheime Saucen» nennen die Fracker die Chemie-Mischung, mit der sie Gas und Öl aus dem Gestein lösen. Und der Wasserverbrauch beim Fracking ist enorm.

Die Coronadynamik scheint nicht viel helfen zu können. Die Märkte scheinen mit einer Rezession/Depression zu rechnen, die sicher länger als ein Jahr dauert, bis die Wirtschaft wieder Fahrt aufnimmt. Trump wird seinen Frackern (auch wenn es nicht die geliebten Stahlarbeiter sind) beistehen, so gut er kann. Beide Szenarien sind nicht gerade wünschenswert: Wenn sich die Produzenten auf Quoten einigen und die Preise diktieren oder wenn der Präsident mit einem Öl-Importstopp einen weiteren aussenpolitischen Funken wirft.

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Millionen Liter Öl aus Pipeline in Israel ausgelaufen

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