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Bild: unplash
Interview

«Wir können uns auf eine super langweilige Wirtschaftsperiode freuen»

Die Schweizer Wirtschaft hat die Corona-Krise bereits wieder wettgemacht. Die Gefahr einer Hyperinflation besteht nur in den Köpfen einiger Ökonomen. Alles im grünen Bereich, sagt Marc Brütsch, Chefökonom von Swiss Life.
10.07.2021, 11:43

«Diesmal ist alles anders» lautet ein beliebter Spruch in der Finanzgemeinde. Meist handelt es sich dabei um einen Irrtum, doch diesmal scheint er zuzutreffen?
Marc Brütsch: Für die Geld- und die Fiskalpolitik war die Pandemie eine einfache Krise. Es war sofort klar, was man dagegen unternehmen musste. In der Ökonomie sprechen wir von einem Angebots-Schock. Die Gegenmassnahmen liegen auf der Hand: Man muss dafür sorgen, dass nicht auch noch die Nachfrage einbricht – und genau das hat man getan. Dass es mit dem Impfstoff so rasch geklappt hat, das war dann der Game Changer.

Hat man aus den Fehlern nach der Finanzkrise gelernt und auf eine Austeritätspolitik verzichtet?
Nach der Finanzkrise waren wir alle verunsichert. Niemand wusste, was am nächsten Tag passieren wird. Dann ging die Fiskalpolitik schnell einmal in Richtung Austerität. Das führte zur europäischen Schuldenkrise und zu noch mehr Sparpolitik. All das hat eine rasche Erholung der Wirtschaft verhindert.

Besteht nun die Gefahr, dass wir ins Gegenteil verfallen, dass zu viel getan wird, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen?
Tatsächlich kommt jetzt vieles zur gleichen Zeit. Auch die Amerikaner und die Briten haben erkannt, dass Kurzarbeit ein sehr wirksames Instrument ist. Gleichzeitig hat man nach dem Motto «whatever it takes» grosse Versprechen abgegeben und umfangreiche Hilfsprogramme auf die Beine gestellt. Diese beginnen jetzt zu wirken, und das in einer Phase, in welcher der Aufschwung bereits Fahrt aufgenommen hat.

Ist es nicht ein idealer Zeitpunkt, um mit solchen Programmen die Infrastruktur auf die Herausforderungen vorzubereiten, welche die Klimaerwärmung mit sich bringen wird?
In diesen Programmen sind meist Massnahmen enthalten, die bereits beschlossen, aber noch nicht verwirklicht worden sind. Aber klar, vor allem die USA brauchen dringend ein Infrastrukturprogramm, auch wenn dieses bereits wieder um die Hälfte gekürzt worden ist. Zusammengefasst lässt sich sagen: Im Gegensatz zur Finanzkrise wird derzeit tendenziell zu viel des Guten getan.

Teilen Sie die Angst vor einer Inflation, die derzeit umgeht?
Nein, längerfristig sehe ich keinen Grund für diese Angst.

Marc Brütsch ist Chefökonom der Swiss Life.
Marc Brütsch ist Chefökonom der Swiss Life.

Trifft es somit zu, dass die aktuellen Preissteigerungen eine Anpassung an die neuen Verhältnisse sind?
Die kurzfristigen Teuerungsschübe machen uns keine Bauchschmerzen. In den USA ist der Höhepunkt bereits überschritten. In Deutschland wird dies voraussichtlich Ende Jahr der Fall sein. Danach wird es gerade dort mit der Inflation wieder rasant bergab gehen. Mittelfristig werden wir leicht höhere Inflationsraten als in den letzten Jahren haben. Das entspricht aber genau dem Ziel der Zentralbanken.

Die Babyboomer verlassen den Arbeitsmarkt, die Globalisierung ist gebremst worden. Deshalb gibt es nichts mehr, was die Inflation stoppen kann. So argumentieren die Vertreter einer neuen Hyperinflationsgefahr. Was entgegnen Sie ihnen?
Wenn dies stimmt, müsste ich sofort zu meinem Chef eilen und mehr Lohn verlangen. Ich fürchte, der Erfolg wäre überschaubar. Das gilt genauso für den Metzger in Schaffhausen oder den Bäcker in Liestal. Sie können ihre Preise ebenfalls nicht erhöhen, sonst gehen ihre Kundinnen und Kunden nach Deutschland einkaufen. Woher also soll diese Inflation auf Dauer kommen?

Es gab in den letzten Jahren eine Inflation, die sogenannte «asset inflation» (Vermögens-Inflation). Wäre es nicht mehr als gerecht, wenn nun die Löhne steigen und nicht nur die Aktienkurse und die Preise von Immobilien?
In den Branchen, die von der Krise besonders betroffen waren – etwa in der Gastronomie –, wäre das vermutlich angebracht. Sicher muss man dabei umsichtig vorgehen, um nicht eine Lohn-Preis-Spirale in Gang zu setzen. Ich halte diese Gefahr jedoch für gering. Die Ausweichmöglichkeiten sind zu gross. Die Gewerkschaften verhalten sich auch dementsprechend. Sie legen in Deutschland in den Tarifgesprächen den Schwerpunkt eher auf weiche Faktoren wie mehr Homeoffice.

«Die kurzfristigen Teuerungsschübe machen uns keine Bauchschmerzen.»

Stichwort Homeoffice. Glauben Sie, dass mehr als ein Jahr Homeoffice unsere Arbeitswelt und unsere Volkswirtschaft grundlegend verändern wird?
Es ist noch zu früh, diese Frage zu beantworten. Ich könnte mir vorstellen, dass in der Schweiz der Pool der Arbeitskräfte dank Homeoffice grösser wird, weil es dadurch einfacher wird, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Zudem könnten neue regionale Zentren gestärkt werden. Wenn Sie wollen, könnte man von einem «Olten-Effekt» sprechen.

Was bedeutet das?
Von Olten aus sind Zürich, Basel und Bern relativ rasch erreichbar. Gleichzeitig kann man dort auch günstig wohnen und Homeoffice machen. Städte wie Olten könnten daher von der Corona-Krise mittelfristig profitieren.

In der «Financial Times» war kürzlich zu lesen, dass sich die Finanzgemeinde bereits darüber beklagt, dass alles wieder so normal und damit langweilig geworden sei. Teilen Sie diese Einschätzung?
Es stimmt, dass die Zentralbanken die Finanzmärkte immer wieder vor grösseren Schäden bewahrt haben. Insofern mögen diese Märkte langweilig geworden sein. Kommt dazu, dass selbst eine neue Corona-Variante keinen grossen wirtschaftlichen Schaden mehr bewirken würde.

Das hat sich bereits in der zweiten Welle gezeigt.
Die Lieferketten werden kein zweites Mal unterbrochen werden, und die Dienstleister haben sich bemerkenswert rasch auf die neuen Verhältnisse eingestellt. Um die Weltwirtschaft aus dem Gleichgewicht zu bringen, bräuchte es nochmals einen heftigen Ausbruch der Pandemie in Asien.

Hat tagelang den Suez-Kanal blockiert: das Riesen-Frachtschiff Ever Given.
Hat tagelang den Suez-Kanal blockiert: das Riesen-Frachtschiff Ever Given.
Bild: keystone

Oder ein Riesen-Frachtschiff, das quer im Suez-Kanal steht.
Dieses Problem scheint behoben zu sein. Nochmals, was die Konjunktur betrifft, sprechen wir von einer «einfachen Krise», weil wir wissen, dass die Politik und die Notenbanken im schlimmsten Fall noch einmal ein Brikett drauflegen können. In diesem Sinne ist es auch eine langweilige Krise. Zum Glück.

Der Immobilienmarkt boomt und boomt. Inzwischen sind die Preise so hoch, dass ein junges Mittelstands-Paar keine Chance mehr hat, Wohneigentum zu erwerben.
In zentralen Lagen wie etwa Zürich trifft dies wohl wirklich weitgehend zu. Das ist das Resultat der Politik der ultratiefen Zinsen der Notenbanken. Seit zehn Jahren befinden wir uns in einer sogenannten Finanz-Repression, will heissen, es wird alles unternommen, um die Zinsen künstlich tief zu halten. Eine Folge ist der Immobilienboom. Doch auch die traditionellen Sparer leiden.

Braucht es einen Immobiliencrash, damit die Preise wieder auf ein vernünftiges Niveau sinken?
Wir sehen keine Gewitterwolken am Himmel, die einen Crash in näherer Zukunft auslösen könnten. Und es gibt einen kleinen Trost: Jeder, der an einer Pensionskasse angeschlossen ist, ist zu etwa 25 Prozent seines Altersvermögens indirekt am Immobilienboom beteiligt.

Die Raiffeisen Bank fordert seit längerem, dass man die harten Bestimmungen bei der Genehmigung von Hypotheken mildern soll. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ich halte nichts von fixen Grenzwerten. Zudem würde dies den Immobilienboom und damit die Preise noch mehr anheizen. Ein Übergang zu einer flexibleren Formel wäre vielleicht ein vernünftiger Mittelweg.

Eine weitere Folge der Geldpolitik der Zentralbanken ist der Boom der Kryptowährungen. Wie stehen Sie dazu?
Viele Krypto-Freaks haben einen technischen Hintergrund und sind fasziniert von der Möglichkeit, etwas Neues zu schaffen. Dazu kommt die bereits erwähnte Finanz-Repression. Ich sehe eine Parallele zu den Fünfzigerjahren. Damals haben die US-Regierung und die amerikanische Notenbank ebenfalls die Zinsen künstlich tief gehalten. Deshalb kam es zu einer Flucht ins Gold. Danach wurde privaten Haushalten das Halten von Gold verboten. Ich denke, bei den Kryptowährungen kann man den gleichen Reflex beobachten. Es ist die Flucht aus den negativen Realzinsen und die Suche nach etwas, das noch Rendite abwirft. Dazu kommen natürlich die Anekdoten von den Glücklichen, die über Nacht mit Kryptowährungen sehr reich wurden. Ich wünsche allen viel Glück – und dass sie diese Währungen wieder ins regulierte Geldsystem zurücktransferieren können.

Werden die Kryptowährungen zu einer Gefahr für das regulierte Geldsystem?
Kaum. Dazu müsste Bitcoin alle anderen Währungen als Standard ersetzen. Dazu kommt der hohe Energieverbrauch. Und schliesslich kommt vielleicht bald etwas auf den Markt, das noch besser ist als Bitcoin. Ich kann die Vorbehalte gegen das Fiat-Money der Zentralbanken nachvollziehen. Aber manche Bitcoin-Anhänger gehen mir persönlich ein bisschen zu weit in Richtung wilder Theorien.

Sie und Ihr Team haben einmal mehr einen Preis für die besten BIP- und Inflationsprognosen der Schweiz gewonnen. Gratulation. Wie sehen Sie die Entwicklung der nächsten sechs Monate und für nächstes Jahr?
Vielen Dank für die Blumen. Die Schweizer Wirtschaft hat gerade eben wieder das Vor-Krisen-Niveau erreicht. Das hat damit zu tun, dass sie von Corona nur am Rande getroffen wurde, und dass die Krise wirtschaftlich extrem gut gemanagt wurde. Der Höhepunkt des Aufhol-Momentums dürfte jedoch bald erreicht sein. Wir rechnen mit einem Wachstum des Bruttoinlandprodukts im laufenden Jahr von 3,6 Prozent. Nächstes Jahr dürften es nur noch 2,5 Prozent sein.

Mehr als genug für unsere hoch entwickelte Wirtschaft.
Richtig. Erfreulich ist auch, dass der Franken nicht stärker wurde und dass die Arbeitslosigkeit bereits wieder unter drei Prozent gesunken ist.

Mit anderen Worten: Wir können uns auf eine langweilige Periode freuen.
Sicher. Sollte auch noch die Inflation rascher als erwartet zurückgehen, wird es sogar super langweilig werden.

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