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Tradingsucht nimmt zu: «Die Schulden gehen in die Hunderttausende»

Nicht jeder Trader ist süchtig. Aber die Sucht kann sich schleichend entwickeln.
Nicht jeder Trader ist süchtig. Aber die Sucht kann sich schleichend entwickeln.Bild: Shutterstock
Interview

Tradingsucht nimmt zu: «Die Schulden gehen in die Hunderttausende»

Trading-Sucht nimmt zu. Wie man sie erkennt und wieder davon loskommt, erklärt uns Domenic Schnoz, Leiter des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte bei der Schweizerischen Gesundheitsstiftung Radix.
04.10.2026, 09:4404.10.2026, 10:15

Herr Schnoz, Börsenhandel ist zum Volkssport geworden. Oder drastischer ausgedrückt, zur Volksdroge. Ihre Fachstelle behandelt Menschen mit Geldspielsucht – und damit auch tradingsüchtige Personen. Nimmt das Problem zu?
Domenic Schnoz: Wir stellten in den letzten fünf, sechs Jahren eine deutliche Zunahme von Menschen fest, die ein Geldspielproblem mit Trading haben. Für uns aus therapeutischer, psychologischer Sicht sind die Mechanismen bei Tradingsüchtigen vergleichbar mit denen von klassischen geldspielsüchtigen Menschen, die ein Problem mit Casino-Spielen wie Roulette, Slot Machines, Poker usw. haben.

Hat sich das Problem verlagert?
Nein, das würde ich nicht sagen. Wir erleben eine grundsätzliche Zunahme – die Trader kommen oben drauf.

Können Sie Zahlen nennen? Sind es heute doppelt so viele Leute? Dreimal so viele?
Sucht Schweiz hat vor einigen Jahren eine Studie durchgeführt. Dort sieht man, dass sich der Anteil der Personen mit einem problematischen Risikoprofil zwischen 2018 und 2022 fast verdreifacht hat.

Domenic Schnoz leitet das Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte bei der Schweizerischen Gesundheitsstiftung Radix
Domenic Schnoz leitet das Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte bei der Schweizerischen Gesundheitsstiftung RadixBild: radix.ch

Was sind das für Menschen? Lauter junge Männer? Oder suchen auch Rentnerinnen bei Ihnen Hilfe?
Es gibt Frauen, wir sehen aber praktisch nur Männer bei uns in der Behandlung. Das Spektrum reicht vom 19-jährigen Lehrling bis hin zum 50-jährigen, gut situierten Herrn, der vielleicht sogar in der Finanzbranche arbeitet und unter Umständen ein Ökonomiestudium hat – also auch Leute, die sozioökonomisch gut situiert sind. Wenn ich es einschätzen müsste, sind die Fälle sogar eher häufiger: also Leute mit guten Ausbildungen, die eigentlich finanziell gut aufgestellt wären. Sie führen von aussen ein normales Leben, wohnen in einer schönen Villa, haben einen tollen Job bei einer Bank – aber auch massiv Schulden. Wenn dieses Bild dann zu bröckeln beginnt, wird das zu einem Problem. Aber es gibt auch junge Menschen, die nicht wahnsinnig viel Geld haben, die ein Tradingproblem entwickeln.

Sie erwähnten Schulden. Von welchen Beträgen reden wir da?
Das kann schnell in die Hunderttausende gehen.

Hunderttausende?
Ja.

Wie kann es dazu kommen?
Verschiedene Finanzprodukte lassen es zu, Geld einzusetzen, das der Person gar nicht gehört. Kombiniert mit Hebelprodukten kann man sich so sehr schnell in sehr hohe Schulden reiten. Tatsächlich sind die Tradingsüchtigen bei uns in der Regel höher verschuldet als die klassischen Geldspielsüchtigen. Es gibt aber noch andere Unterschiede.

Welche?
Einer davon ist die Kontrollillusion. Bei Glücksspielen wie Roulette ist jedem klar, dass langfristig das Casino gewinnt. Beim Trading wird aber suggeriert, dass man mit der korrekten Taktik oder gesteigertem Wissen langfristig erfolgreich ist. Und das stimmt nicht.

Im Netz und in den sogenannt sozialen Medien dominiert eine andere Realität. Dort wimmelt es von Erfolgsstorys von Tradern, von Tipps, wie man es richtig macht, von Strategien.
Bevor ich darauf eingehe, will ich noch etwas anfügen: Man muss ganz klar unterscheiden. Nicht jede Person, die an der Börse Geld investiert, ist süchtig oder suchtgefährdet. Wenn wir von süchtigen Tradern sprechen, dann reden wir immer von Daytradern, die auf sehr kurzfristige Kurswechsel spekulieren.

So.

Und nun zu den Erfolgsstorys. Das Problem nennt sich Survivorship Bias. Wir hören nur von den Gewinnern – oder solchen, die so tun, als hätten sie das reichmachende System. Doch wenn das System dieser «Finanzexperten» so gut ist, weshalb haben sie es denn noch nötig, es im Internet zu verkaufen? Untersuchungen zeigen ausserdem, dass selbst die grossen, professionellen Hedgefonds den Börsenindex auf lange Sicht fast nie schlagen können.

Ist es wie beim Goldrausch, bei dem vor allem die Schaufelhändler reich wurden?
Das kommt dann noch dazu. Die Trading-Plattformen verdienen an jedem Trade mit Kommissionen. Deshalb animieren sie mit Push-Nachrichten dazu und befeuern die FOMO (Fear of missing out: die Angst, eine Gelegenheit zu verpassen). Neben all den Finanz-Influencern arbeiten auch sie an der Illusion, dass Kleinanleger langfristig Geld verdienen können. Hinzu kommt, dass viele Trading-Apps in der Aufmachung an Game-Mechanismen erinnern, also Levelaufstiege etc. ermöglichen. Das kann zusätzlich dazu animieren, möglichst häufig zu traden.

Nun gibt es, wie Sie bereits erwähnten, Unterschiede. Nicht jeder, der an der Börse handelt, ist süchtig – auch nicht jeder, der etwas hochfrequenter tradet. Ich nehme an, der Übergang zur Sucht ist fliessend. Wie erkenne ich, dass ich mich langsam in gefährliche Gewässer begebe?
Es gibt wissenschaftliche Diagnosen für Geldspielsucht. Die kann man in drei Hauptsymptome zusammenfassen: Kontrollverlust, negative Folgen und übersteigerte Priorität im Leben.

Kontrollverlust findet statt, wenn ich es nicht mehr im Griff habe, wie viel Geld ich einsetze, wie oft ich trade, wann ich trade. Wenn ich mich während der Familienfeier oder der Arbeitszeit aufs WC zurückziehe, um zu traden. Oder statt mit der Freundin ins Kino zu gehen, lieber zu Hause Börsenkurse studiere.

Die negativen Folgen sind beispielsweise die Schulden. Aber bei Weitem nicht nur. Wenn sich beispielsweise das soziale Umfeld wegen meines Verhaltens langsam von mir abwendet, wenn es Stress mit der Beziehung gibt, oder Probleme bei der Arbeit.

Die übersteigerte Wichtigkeit im Leben ist dann erreicht, wenn Trading immer mehr Platz einnimmt: im Kopf, im Alltag, im Leben. Wenn andere Dinge, die mir früher wichtig waren, in den Hintergrund gerückt werden.

Wenn mindestens zwei dieser drei Faktoren zusammenkommen, kann man davon ausgehen, dass sich ein Suchtproblem etabliert hat.

Übrigens: Wir haben einen anonymen Selbsttest entwickelt. Vielleicht können Sie darauf verlinken? (Das machen wir selbstverständlich. Den Test gibt es hier.)

Wie erkenne ich die Sucht bei Angehörigen und Freunden?
Anhand der oben genannten drei Symptome. Wichtig zu wissen ist, dass ich mich auch als Angehöriger, Freundin oder Freund an die Suchtberatung wenden kann. Das wissen viele Menschen nicht. Die Suchtberatung ist nicht nur für Betroffene, sondern auch für Angehörige da.

Wie spreche ich ein mögliches Suchtproblem am besten an?
Ganz wichtig ist, keine Vorwürfe zu formulieren, nicht mit Vermutungen um sich werfen. Besser als: «Du bist ja süchtig!» wäre: «Hey, mir fällt auf, dass dir diese Kurse ganz schön wichtig sind. Ich mache mir Sorgen, ich habe mich informiert. Es gibt wirklich auch Suchterkrankungen, die dadurch entstehen können. Wie siehst du das?» Also ins Gespräch gehen, Sorge äussern, das sagen, was einem auffällt – ohne Anschuldigung. Anschuldigungen sind konfrontativ und das bringt nichts. Wenn wir als Betroffene merken, dass sich jemand sorgt, dann ist das hingegen etwas Positives.

Gilt die Anti-Konfrontations-Strategie auch für andere Süchte? Für die Handysucht der Kinder beispielsweise?
Ja. Das Konfrontative ist nicht gesprächsfördernd. Dabei ist das aber genau wichtig … im Gespräch bleiben, in Beziehung bleiben als Eltern mit Kindern. Das Wichtigste, was sie machen können, um gesundheitlichen Problemen vorzubeugen, ist in Beziehung zu bleiben. Wirklich. Das ist ein extrem starker Schutzfaktor. Solange ich in Beziehung bin und dem Kind signalisiere, hey, ich bin da, du kannst jederzeit mit mir reden, ich biete Hilfe an, ich bin bereit, mich damit auseinanderzusetzen, was dich beschäftigt, und ich bin bereit, dich nicht zu verurteilen dafür, solange ist es gut.

Wie rutscht man in eine Trading-Sucht? Langsam, schnell, schleichend?
Das ist sehr unterschiedlich. Es kann sehr schnell gehen oder sich schleichend entwickeln. Oft steht ein Gewinn am Anfang. Dieser löst einen krassen Kick im Gehirn aus. Der Wunsch nach viel Geld ist ja legitim – und beim Trading muss man ausser Risiko nicht viel mehr investieren. Wo gibt es das sonst schon?

Die Zeichen der Zeit sind auch entsprechend. Mit ehrlicher Arbeit, so empfinde ich den gesellschaftlichen Konsens, schafft man es gerade noch so, zu überleben.
Gut, der Wunsch, zu viel Geld zu kommen, der ist so alt wie die Menschheit.

Aber die Zeichen sind anders. Für viele ist bereits der Traum vom Eigenheim ausser Reichweite. Das war in den 80ern anders.
Das stimmt. Viele Junge glauben, dass es ihnen schlechter geht als der Generation zuvor. Das ist aber eher ein soziologisches Thema und nicht mein Spezialgebiet. Ich kann mir schon vorstellen, dass das die Problematik befeuert. Ich würde die Verfügbarkeit aber stärker gewichten. Für viele Menschen ist es erst seit der Digitalisierung möglich, Daytrading zu betreiben. Vorher mussten sie ja noch für jeden Handel die Bank anrufen. Heute gibt es Gratisapps mit Gratiskonten inklusive Gratiskurse, die mir vorgaukeln, mich im Trading zu schulen. Erneut: Ich glaube, es ist einfach wichtig, dass man versteht, dass es diesen Plattformbetreibern in erster Linie darum geht, Geld zu verdienen. Und sie tun das mit jedem Trade, den ich mache, egal ob ich gewinne oder verliere. Und wie gesagt: Dass man langfristig mit Traden wirklich Geld verdient, ist praktisch ausgeschlossen.

Wäre das Ihre Hauptmessage? Probier es erst gar nicht? Es ist rausgeschmissenes Geld?
Absolut: Rechnerisch, statistisch, ist es extrem unwahrscheinlich, dass man mit Daytrading auf lange Sicht Geld verdient. Die Chance, ein Suchtproblem zu entwickeln, ist hingegen viel grösser. Das ist die Realität.

Wie stehen die Therapiechancen?
Die Chance, mit fachlicher Hilfe aus einer Geldspielsuchterkrankung wieder herauszufinden, ist sehr hoch. Wir haben wirklich sehr gute Erfolgschancen, auch für langfristige Erfolge. Was man auch sagen muss: Rückfälle gehören dazu und sind Teil der Therapie.

Ich stelle mir eine solche Therapie aber noch schwierig vor. Der Wunsch, zu Geld zu kommen, wird ja weiter bestehen – und täglich in der Gesellschaft mit dem Megaphon indoktriniert.
Das ist Teil der Therapie. Geld ist ein attraktives Mittel. Geld ermöglicht uns viele Dinge, Erlebnisse und Freiheiten. Mit Geld muss ich den Job nicht machen, der mich nicht erfüllt usw. Das kann natürlich zusätzlich dieses Bedürfnis stärken. Teil der Therapie ist ein Reframing: Was möchte ich eigentlich im Leben, was macht mich glücklich. Ist est wirklich Geld? Oder sind es Dinge, die man auch mit einem normalen Einkommen haben kann?

Die Erfahrung zeigt, dass der Weg aus einer Trading-Sucht viel einfacher ist, wenn man sich professionelle Hilfe holt. Und das lieber ein bisschen früher als später. Das heisst nicht, dass eine ausgewachsene Sucht nicht mehr heilbar ist, aber je früher ich mein Verhalten mit einer Fachperson reflektiere, desto einfacher ist der Ausstieg und der Schaden kann minimiert werden.

Ich möchte das Thema Reframing aufgreifen. Das wäre ja auch für Menschen ohne Suchtverhalten in ganz anderen Bereichen nützlich. Wie läuft so etwas ab?
Es geht um die Frage: Wie möchte ich mich entwickeln? Wer möchte ich sein? Um mal ein anderes Beispiel zu nehmen ausserhalb der Trading-Problematik: Möchte ich jemand sein, der jeden Abend auf der Couch sitzt, Netflix schaut und eine Tüte Chips isst? Oder möchte ich jemand sein, der am Abend noch eine Runde joggen geht? Mein Impuls sagt mir, mich aufs Sofa zu setzen und zur Chipstüte zu greifen. Das lässt sich aber überwinden. Statt zu den Chips greift man dann zu den Joggingschuhen.

Chips … Joggingschuhe … das braucht dann schon viel Überwindung.
Am Anfang ja. Aber wenn ich das eine Zeit lang mache, dann wird das wie zur Routine. Unser Gehirn funktioniert so, dass eine Handlung nach gewisser Zeit zum Selbstläufer wird, weil ich meine neurologischen Bahnen so konditioniert habe. Man kann sich das Gehirn wie einen Dschungel vorstellen. Einen neuen Weg anlegen ist zuerst mühsam. Man muss sich mit der Machete durchpflügen. Je öfter ich diesen Weg danach aber gehe, desto begehbarer wird er. Das gilt für negative Angewohnheiten wie das Feierabendbier, das dann mit der Zeit zu zwei oder drei Bier wird. Das kann aber auch für positive Angewohnheiten genutzt werden.

Wie lange dauert die harte Phase?
Häufig dauert das so zwischen vier und acht Wochen. So lange braucht das Gehirn, bis man beginnt, eine neue Gewohnheit zu routinieren.

Das finde ich jetzt aber noch tröstlich – und nicht mal so lange. Vier bis sechs Wochen sind aushaltbar.
Unser Gehirn ist extrem modulierbar … was biopsychologisch vielleicht noch interessant ist – wegen der Impulse. Der Teil, der die Impulskontrolle steuert, also das Vernunftgehirn, der präfrontale Kortex, dieser Teil entwickelt sich erst ganz am Schluss. Und deshalb sind Jugendliche und auch junge Erwachsene deutlich stärker suchtgefährdet – weil dieser Teil des Gehirns noch nicht fertig entwickelt ist.

Das geht so lange?
Die Entwicklung kann bis ins 25. Lebensjahr dauern.

Bei mir ist in dem Fall Hopfen und Malz verloren. Wie kann ich die Entwicklung des präfrontalen Kortex bei meinen Kindern fördern? Mir scheint der Teil gerade in der heutigen Zeit noch wichtig.
Einfach Geduld haben und versuchen, die Kinder so zu begleiten, dass sie möglichst ohne grössere Schäden durch die sensible Phase hindurchkommen.

Das nehme ich Ihnen nicht ganz ab. Es gibt ja sicher Strategien, wie man die Impulskontrolle trainieren kann.
Es gibt schon Übungen, beispielsweise das Meditieren, aber auch regelmässige Bewegung, Musik machen oder Achtsamkeitsübungen können die Impulskontrolle stärken. Dass ich mir angewöhne, eine oder zwei Wochen mit einer Bestellung zu warten. Nur schon das Bewusstwerden hilft. Sich im Klaren sein, dass wir ganz viele Impulse haben, die uns antreiben. Man kann sich diese auch aufschieben, das hilft beim Reflektieren. Das Schwierige ist, dass wir in einer Welt leben, die dazu ausgelegt ist, jedem Impuls sofort immer folgen zu können. Wir können immer und jederzeit shoppen, traden, uns ablenken, Pornos gucken – daraus entstehen Süchte, aber eben auch Möglichkeiten. Man kann sich selbst zur Leseratte machen – oder zur Joggerin. Wir sind als Menschen modulierbarer, als wir glauben. Das Ziel muss sein, die eigenen Pfade zu trampeln und nicht die vorgepfadeten Abkürzungen zu nehmen.

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