Wirtschaft
Schweiz

Just Eat will nur noch pro Lieferung zahlen

Ein Just Eat Rucksack mit der Aufschrift "Just starve", am Donnerstag, 29. Oktober 2026 in Zuerich. Eine Demonstration vor dem Schweizer Hauptsitz von Just Eat am Manesseplatz gegen die gepl ...
Ein Just Eat Rucksack wurde von Essenskurieren mit «Just starve» beschriftet, was so viel wie «nur Hungern» bedeutet.Bild: keystone

Just Eat will nur noch pro Lieferung zahlen – und könnte über Sexspielzeug stolpern

Der Lieferdienst Just Eat will Hunderte Mitarbeiter entlassen und Lieferaufträge künftig auch an Selbstständige vergeben. Doch die Ausweitung des Sortiments könnte die Umstrukturierung erschweren.
30.10.2026, 19:2230.10.2026, 19:22
Pascal Ritter
Pascal Ritter

Die Essens-Kuriere haben den Schriftzug «Just Eat» auf ihrem orangenen Rucksack mit einer Spraydose übermalt. «Just starve», einfach hungern, steht nun dort. Vor dem Hauptsitz der Firma, die nach eigenen Angaben  1,5 Millionen Kunden mit Essen versorgt, demonstrierten am Donnerstagabend Personal und Gewerkschaften. Just Eat hat angekündigt, einen grossen Teil seiner rund 700 Essenskuriere zu entlassen.

Zurzeit läuft ein Konsultationsverfahren, doch geplant ist, dass künftig Kuriere in der Deutschschweiz flexibel Aufträge über eine Plattform vermittelt bekommen. Bezahlt werden soll pro Lieferung, die Vergütung je nach Tageszeit und Auftragslage variieren. Es ist das Gig-Economy-Modell, das der US-Konzern Uber weltweit bekannt machte und in die Schweiz brachte.

Lokale Anbieter werden verdrängt

Gig-Economy-Firmen verdrängen lokale Anbieter. Die Kurierzentrale Basel stellt ihren Essenslieferdienst Velogourmet aufgrund der Konkurrenz durch Plattformen wie Uber Eats Ende April 2027 ein. «Sie können günstiger liefern, weil sie sich nicht an die Gesetze halten», sagt Inhaber Jérôme Thiriet.

Er zeigt aber Verständnis für die Pläne von Just Eat. «Warum soll Just Eat Regeln befolgen, die andere nicht einhalten?» Er selbst habe sich gegen das Plattform-Modell entschieden, weil es der Gesellschaft schade. Thiriet ist auch Grossrat der Grünen im Kanton Basel. Er kritisiert die Untätigkeit der Politik: «Seit Jahren geschäftet Uber, ohne sich ans Gesetz zu halten, aber es wird nichts dagegen unternommen.»

Ähnlich sieht es die Gewerkschaft Unia. Diese Woche hat sie unter dem Titel «Ausbeutung und illegale Scheinselbstständigkeit bei Uber, Just Eat & Co. stoppen!», eine Petition lanciert.

Ein Just Eat Rucksack mit einem Velo am Manesseplatz in Zuerich, am Donnerstag, 29. Oktober 2026 in Zuerich. (KEYSTONE/Michael Schmid).
Ein Just Eat Rucksack mit einem Velo.Bild: keystone

Tatsächlich haben Schweizer Gerichte das Uber-Modell wiederholt infrage gestellt. Das Bundesgericht entschied 2023 in einem Streit mit der Zürcher Ausgleichskasse, dass die Fahrer im damaligen Modell als unselbstständig Erwerbende einzustufen sind. Bereits 2022 hatte es in einem Genfer Verfahren festgehalten, dass Uber-Eats-Kuriere Angestellte sind. Und im Kanton Waadt stellte das Kantonsgericht 2023 rechtskräftig fest, dass Uber gegenüber den Kurieren als Arbeitgeberin gilt.

Uber hat sein Geschäftsmodell seither verändert. In Teilen der Westschweiz arbeitet Uber Eats mit Flottenpartnern, bei denen die Kuriere angestellt sind. In der Deutschschweiz hält Uber Eats grundsätzlich am Modell mit Selbstständigen fest und hat die Vertragsbedingungen angepasst. Damit müssen die Behörden erneut beurteilen, ob die Kuriere Selbstständige sind.

Diese Beurteilung ist noch nicht abgeschlossen. Vor dem Zürcher Sozialversicherungsgericht ist ein Verfahren zu den Beiträgen bis Ende 2022 hängig. Für die Zeit danach stehen entsprechende sozialversicherungsrechtliche Beurteilungen und Entscheide noch aus, wie die Luzerner Kantonsregierung auf eine parlamentarische Anfrage festhielt. Uber hat seinen Sitz in Luzern, Uber Eats in Zürich.

Nutzen die Uber-Firmen das System aus, um ein gesetzeswidriges Geschäftsmodell aufrechtzuerhalten? «Für Uber Eats hat die Einhaltung der Schweizer Gesetze und Vorschriften oberste Priorität», heisst es in einer Stellungnahme. Die Betriebsmodelle seien in jedem Kanton an neue regulatorische Rahmenbedingungen angepasst worden. Mit den Behörden führe man «einen aktiven, konstruktiven Dialog» über das Betriebsmodell.

Kuriere demonstrieren vor dem Schweizer Hauptsitz von Just Eat am Manesseplatz gegen die geplanten Massenentlassungen, am Donnerstag, 29. Oktober 2026 in Zuerich. (KEYSTONE/Michael Schmid).
Kuriere demonstrieren vor dem Schweizer Hauptsitz von Just Eat am Manesseplatz gegen die geplanten Massenentlassungen, am Donnerstag, 29. Oktober 2026 in Zürich.Bild: keystone

Just Eat äussert sich nicht detailliert zum geplanten Modell. Eine Sprecherin versichert, man halte sich an sämtliche gesetzlichen Vorgaben.

Lieferung von Non-Food-Produkten könnte Folgen haben

Während die Behörden nicht nachkommen, die Anpassungen bei Uber zu beurteilen, stellt die Ausweitung des Sortiments das Uber-Modell infrage. So hat das Bundesverwaltungsgericht Ende Juni festgestellt, dass Uber Eats wegen der Lieferung von Haushaltsartikeln, Kosmetik und anderen Waren als Postdienstleister gilt und darum dem Postgesetz untersteht. Dieses verpflichtet zur Einhaltung branchenüblicher Arbeitsbedingungen. Als solche gelten ein Anschluss an einen Gesamtarbeitsvertrag oder ein Mindeststundenlohn von 19 Franken. Uber Eats hat den Entscheid ans Bundesgericht weitergezogen.

Just Eat hat zuletzt ebenfalls das Angebot ausgeweitet. Neben Migrosprodukten wird auch Sexspielzeug geliefert. Besonders beliebt sei Gleitcreme, heisst es in einer Auswertung. Sollte das Bundesgericht Uber Eats dem Postgesetz unterstellen, dürfte auch Just Eat künftig dazu verpflichtet werden, die angekündigten Umstrukturierungen mit dem Postgesetz in Einklang zu bringen. Die Postkommission trifft im Moment entsprechende Abklärungen, wie ein Sprecher auf Anfrage bestätigt. (schweizheute.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
«I'm a creep!» History Porn Teil XXXV: Grusel in 22 Bildern
1 / 24
«I'm a creep!» History Porn Teil XXXV: Grusel in 22 Bildern
Sagt Hallo zu den Mumien der italienischen Gemeinde Venzone. Einst beherbergte die Kapelle San Michele aus dem 13. Jahrhundert in ihrer Krypta um die 40 Mumien. Heute sind noch diese fünf zu bewundern. Lange galten die Mumien als rätselhaft und mysteriös, weil sie in ihren Gräbern unter der Kathedrale über Jahrzehnte perfekt erhalten blieben und bei der Bevölkerung den Glauben erweckten, dass sie mit den Verstorbenen noch immer kommunizieren könnten. bild: embaumements ... Mehr lesen
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Das waren unsere Halloween-Kostüme 2026
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Die Migros baut um – der grosse Vergleich mit Coop in 12 Grafiken
Die Migros baut sich so radikal um wie nie. Zeit für den grossen Vergleich mit der ewigen Rivalin Coop. Diese hat in vielen der von uns untersuchten Disziplinen die Nase vorn.
Es ist der grösste Umbau in der Geschichte der Migros: Die zehn regionalen Genossenschaften und der Migros-Genossenschafts-Bund sollen zu einer einzigen Genossenschaft verschmelzen. Das hat die Migros-Spitze diese Woche angekündigt. Schneller entscheiden, weniger Doppelspurigkeiten, mehr Schlagkraft: So lautet das Versprechen. Das letzte Wort haben die rund 2,3 Millionen Genossenschafterinnen und Genossenschafter. Sie stimmen Mitte 2027 ab, und die Hürden sind hoch: In jeder Region braucht es eine Zweidrittelmehrheit.
Zur Story