Wirtschaft
Schweiz

Stromabkommen: Sulzer-Chefin warnt vor Folgen eine Scheiterns

Sulzer-Chefin: «Ohne Stromabkommen werden Mehrkosten auf Konsumenten überwälzt»

Blackout, zusätzliche Milliardeninvestitionen und höhere Betriebskosten: Industriekapitänin Suzanne Thoma warnt im Interview vor den Folgen für die Schweiz, falls das Stromabkommen mit der EU nicht kommt.
22.06.2026, 20:2122.06.2026, 20:21
Florence Vuichard / ch media

Sie haben Ende 2019 als erste hierzulande ein AKW stillgelegt, es war quasi der Auftakt zum Atomausstieg. Nun macht die Politik rechtsumkehrt – und will wieder AKW-Neubauten zulassen. Ärgert Sie das?
Suzanne Thoma: Nein, ich finde es richtig. Neue AKW wären ein wichtiger Beitrag zur Stromversorgungssicherheit. Viele Länder setzen heute auf die Kernkraft, auch in Europa.

Also lösen neue AKW Ihrer Meinung nach alle Probleme der Stromversorgung?
Nein, das kann keine Technologie alleine, jedenfalls nicht. Mehr landeseigene Produktion, vor allem im Winter, erhöht die Versorgungssicherheit, aber das reicht nicht. Unser Stromsystem funktioniert nur im Verbund mit Europa. Das Stromabkommen mit der EU stellt sicher, dass wir Teil dieses Verbundes sind.

Die Industriechefin
Die promovierte Chemieingenieurin Suzanne Thoma, 64, kommt nach Stationen bei Ciba, Rolic und der Weidmann-Gruppe im Jahr 2010 zur BKW, wo sie zuerst die Netzdivision leitet, bevor sie 2013 den Chefposten übernimmt – und die Firma radikal umbaut sowie das AKW Mühleberg stilllegt. 2022 verlässt sie die BKW, um bei Sulzer das Präsidium und wenig später zusätzlich auch den Chefposten zu übernehmen. Seitdem führt Thoma den Schweizer Industriekonzern, der weltweit 13'500 Mitarbeitende an 160 Standorten beschäftigt und rund 3,5 Milliarden Franken umsetzt, im Doppelmandat.
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Suzanne Thoma, Executive Chairwoman Sulzer.Bild: KEYSTONE

Wieso soll das für die Schweiz so wichtig sein?
Sie liegt mitten in Europa und ist durch 41 Leitungen mit Europa verbunden. Wenn wir nicht Teil des Verbundes sind, gelten wir als Drittstaat, der im innereuropäischen Stromaustausch zweite Priorität hat. Das könnte dazu führen, dass die Leitungen in die EU immer wieder «rechtlich» blockiert sind. Die zur Verfügung stehende Kapazität für den Stromaustausch wird dann innerhalb der EU gebraucht.

Wie wirkt sich das konkret auf uns aus?
Der Export im Sommer von zu viel Solarenergie oder Import in die Schweiz zur Deckung der Winterlücke wären dann nicht mehr gesichert. In diesen Fällen müsste die Schweiz hinten anstehen. Das hätte gravierende Folgen – auch für die Wasserkraft.

Wieso?
Die Wasserkraft braucht einen freien Zugang zum EU-Markt, damit sie wirtschaftlich sein kann. Unsere Pumpspeicherkraftwerke brauchen Zugang zum europäischen Strommarkt, damit sie ihr Wasser dann hinaufpumpen können, wenn es am günstigsten ist. Für die Stromversorgung der Schweiz fallen hohe Investitionen an, die über den Stromverkauf und den Stromhandel amortisiert werden müssen. Geht das nicht, wird weniger investiert und damit weniger Strom produziert. Oder Stromkunde und Steuerzahler übernehmen die Rechnung.

Die Schweizer Stromproduktion wird doch heute schon stark subventioniert.
Das stimmt, aber sie müsste ohne Abkommen noch stärker subventioniert werden, denn der produzierte Strom wäre weniger wert.

Also dient das Stromabkommen vor allem dem kommerziellen Interesse der Schweizer Stromkonzerne?
Nein, es dient vor allem der Bevölkerung und dem Wirtschaftsstandort Schweiz. Und es kommt noch etwas dazu. Die EU kann den Stromhandel mit der Schweiz de facto einschränken, weil sie dem innereuropäischen Stromhandel den Vorzug gibt. Der Strom wird aber trotzdem über die Schweizer Leitungen fliessen – hier herrscht die Physik vor und nicht die Politik. Wenn also zum Beispiel Deutschland Strom nach Frankreich verkauft, fliesst dieser womöglich durch die Schweiz und belastet dabei unsere Netzinfrastruktur. Und Swissgrid…

…die nationale Netzgesellschaft…
… müsste dann vermehrt dafür sorgen, dass das Netz nicht überlastet wird – und dies möglicherweise in einer Situation, in der die Schweiz selbst benötigten Strom nicht importieren könnte. Diese Eingriffe kosten den Stromkonsumenten heute schon Geld. Wenn etwa zu viel Strom unkontrolliert von den Nachbarländern durch die Schweiz fliesst, müssen wir unter Umständen die Stromproduktion drosseln, um massive Instabilitäten im Netz zu verhindern.

Das Kernkraftwerk Leibstadt ist seit Samstagmorgen nicht mehr am Netz angeschlossen. Grund dafür ist laut der Betreiberin eine technische Störung. (Archivbild)
Das Kernkraftkwerk Leibstadt ist das jüngste Atomkraftwerk der Schweiz – noch.Bild: EQ IMAGES

Könnte bei einem Stromüberfluss nicht die Industrie mehr produzieren, um das Überangebot abzubauen?
Das ist ein grosses Missverständnis. Dieser Stromüberschuss steht der Wirtschaft und den Konsumenten nicht zur Verfügung. Wir sprechen von ungeplanten Stromflüssen von Europa, nach Europa, durch die Schweiz. Ohne Stromabkommen nimmt die Schweiz bei grosser innereuropäischer Handelsaktivität nicht oder kaum am Stromaustausch teil, und es fehlen ihr zentrale Informationen. Wir sind eines der wohlhabendsten und am stärksten industrialisierten Länder der Welt. Mit der Sicherheit der Stromversorgung und den Kosten der Stromversorgung zu experimentieren, wäre sehr gewagt.

Ist das nicht einfach Angstmacherei? Eine instabile Schweiz gefährdet die Netzstabilität in ganz Europa. Das wird die EU nicht zulassen – ganz unabhängig davon, ob es ein Abkommen gibt oder nicht.
Das ist eine ausserordentlich mutige Annahme.

Eine, die davon ausgeht, dass die EU rational handelt.
Die EU hat natürlich kein Interesse an einem Blackout in der Schweiz, weil sich dieser ausweiten könnte. Aber niemand weiss, wie die EU in einem Notfall reagieren würde. Das wäre eine ziemlich gefährliche Wette.

Wie teuer wird denn ein Blackout?
Ein Blackout ist ein Extremfall und extrem teuer – die letzte Schätzung, die ich gesehen habe, ist 1 Milliarde Franken pro Tag. Wahrscheinlicher sind stetig steigende Kosten für die Sicherstellung der Netzstabilität, verbunden mit einer weniger zuverlässigen Versorgung. Ein Eigengoal für die Schweiz.

Der Bund baut ja jetzt für 2,3 Milliarden Franken neue Reservekraftwerke. Reicht das nicht, um Schweizer Netz zu stabilisieren und die Versorgung zu garantieren?
Die Berechnungen für die 2,3 Milliarden basieren auf der Annahme, dass wir weiterhin in das europäische Stromsystem integriert sind. Würden wir uns davon abkoppeln, müssten wir deutlich mehr dieser teuren Reservekraftwerke bauen.

Politisch ist das Stromabkommen nicht sehr beliebt, die zuständige Kommission des Ständerats könnte jetzt sogar beschliessen, gar nicht auf das Geschäft einzutreten.
Das wäre sicher nicht gut. Es geht um das Interesse der Schweiz und des Wirtschaftsstandortes. Es ist eine komplexe Materie, und es ist einfach, am Stromabkommen etwas zu finden, das einem nicht passt. Das kann ich persönlich auch verstehen. Die Gefahr ist, dass man wegen einzelner Punkte das Gesamtpaket verwirft.

Ein Starkstrommasten auf der Linie Airolo-Mettlen der nationalen Strom Netzgesellschaft Swissgrid auf der obersten Ebene und die Starkstromleitung der SBB auf der unteren Ebene, steht mitten in der Ge ...
Das Schweizer Stromnetz ist durch 41 Leitungen mit dem europäischen verbunden. (Symbolbild)Bild: Keystone

Unpopulär, insbesondere links, ist die von der EU geforderte Marktliberalisierung.
Ja. Viele Menschen haben eine diffuse Angst vor dem Markt. Meines Erachtens sprechen wir von einer «Marktliberalisierung light». Warum? Es wird weiterhin eine Grundversorgung geben, aber auch Privatkunden und kleinere Unternehmen könnten ihren Stromanbieter wechseln, wenn sie unzufrieden sind. Und noch eine Bemerkung.

Ja?
Der Grossteil der insgesamt rund 650 Verteilnetzbetreiber hat keine oder kaum eigene Stromproduktion. Sie kaufen Strom am Markt ein. Die Verteilnetzbetreiber haben das Beste aus beiden Welten: Ihre Kunden sind heute gebunden und können nicht weg. Und sie selbst können am Markt einkaufen. Manche machen das besser, andere schlechter. Wenn ein Verteilnetzbetreiber das schlecht macht, bezahlen die Kunden höhere Strompreise. Die Konsumenten hingegen haben mit der jetzigen Situation das Schlechteste aus beiden Welten: Sie können ihren Versorger nicht wählen, sind aber durch ihn dem Markt ausgesetzt.

Sinken mit dem Stromabkommen die Preise für die Konsumenten?
Das kann man nicht so sagen, dies hängt vom internationalen Strommarkt ab, wie bereits heute. Aber was ich sagen kann: Ohne Stromabkommen wird die Stabilisierung des Schweizer Stromnetzes deutlich mehr kosten. Diese Mehrkosten würden auf die Konsumenten überwälzt, auf Haushalte und Unternehmen.

Und was heisst das für ein Industrieunternehmen wie Sulzer, wenn das Stromabkommen nicht kommt?
Schaffen wir eine Situation, in der es auch nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit gibt, dass die Stromversorgung eingeschränkt werden könnte, ist das kein gutes Zeichen für den Wirtschafts- und Werkplatz Schweiz.

Aber es wäre noch kein Grund, den Standort zu verlegen?
Nein, das allein natürlich nicht. Aber die Industrie steht in der Schweiz ohnehin unter Druck. Einerseits wegen der Zölle, andererseits wegen der Erwartung vieler Länder, dass kritische Güter, etwa Pharma, lokal produziert werden. Gleichzeitig belasten wir unseren Standort in der Schweiz selbst: zum Beispiel mit hohen Lohnkosten, viel Regulierung, Bürokratie und einer generell eher wirtschaftsfremden politischen Diskussion.

An welche Diskussion denken Sie konkret?
Wir hatten in der letzten Zeit eine Reihe von wirtschaftsfremden Initiativen wie zum Beispiel die Konzernverantwortungsinitiative. Hier strebt selbst der Gegenvorschlag des Bundesrates eine deutlich schärfere Regulierung an als die EU. Viele Leute haben generell das Gefühl, dass der Wohlstand der Schweiz und der damit verbundene ausgebaute Sozialstaat selbstverständlich sind. Im Sinne von: Wenn wir nicht besser werden, keine besseren Rahmenbedingungen schaffen und uns nicht weiterentwickeln, bleibt trotzdem alles gleich. Das ist für mich wirtschaftsfremd. Denn in einer sich entwickelnden Welt stimmt das nicht mehr.

Wie stark leidet Sulzer unter dem von Trump verursachten Zollchaos?
Für Industrieunternehmen, die viel in der Schweiz produzieren und dann in die USA exportieren, ist das natürlich ein grosses Problem. Sulzer ist regional aufgestellt und exportiert wenig direkt in die USA. Wir sind deshalb nur teilweise von Zöllen tangiert. Wir sind eher vom stetig teurer werdenden Franken betroffen.

Ist der Franken also das Hauptproblem?
Es gibt kein «Hauptproblem». Es sind viele kleinere und grössere Faktoren, die den Wirtschaftsstandort Schweiz belasten. In der Summe ist das viel, auch wenn jedes einzelne Thema vielleicht nicht so stark ins Gewicht fällt – mit Ausnahme des teuren Frankens. (schweizheute.ch)

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