Jürg Joss wurde im AKW verstrahlt: «Die Schweiz hat es immer noch nicht begriffen»
Als Erstes sieht man: eine Wasserdampfwolke. Sie fällt auf, ist sie doch an diesem heissen Julitag die einzige Wolke weit und breit. Schlohweiss und fast senkrecht zieht sie in den Sommerhimmel. Es geht kein Wind.
Für Jürg Joss ist die Wolke eine unheilvolle Botin.
Je näher er der Wolke kommt, desto mehr kribbelt es in ihm. Es sind keine Schmetterlinge im Bauch oder Glücksgefühle, sagt er, eher ein flaues Gefühl im Magen, ein Zeichen von Nervosität. Es gramselt im Bauch, nennt es Joss in seinem breiten Berndeutsch.
Dabei sieht man es noch gar nicht. Noch ist es versteckt hinter den grünen, geschwungenen Hügeln des aargauischen Zurzibiets. «Ich weiss nicht, wie Leute hier bedenkenlos leben können», sagt Joss. «Ich könnte seine Präsenz nicht einfach so ausblenden.»
Nach einer Linkskurve hinter Leuggern ist der Blick frei auf das, was Joss seit Jahrzehnten Unbehagen bereitet: das Atomkraftwerk Leibstadt.
Seit Ende der 1980er Jahre setzt sich Joss gegen Atomkraft in der Schweiz ein. Er hat Zeiten erlebt, in denen die Bevölkerung der Atomkraft kritisch eingestellt war. Zeiten, in denen es aussah, als würde sie ganz aus der Schweiz verschwinden. Und nun aktuell erlebt er wieder Zeiten, in denen sie im Aufwind ist.
Das Parlament hat in der Sommersession beschlossen, das Neubauverbot für Atomkraftwerke zu kippen. Linke Parteien und Umweltverbände haben das Referendum dagegen ergriffen. Trotzdem ist es ein Etappensieg für die Atombefürworter in der Schweiz.
Denn eigentlich hatte die Schweiz 2017 beschlossen, dauerhaft aus der Atomkraft auszusteigen. Die damals von der Mehrheit der Stimmbevölkerung angenommene Energiestrategie sah vor, dass bis 2050 alle verbliebenen Kernreaktoren in der Schweiz vom Netz gehen müssten.
Jetzt sieht es im Gegenteil so aus, als könnten in Zukunft wieder neue Atomkraftwerke entstehen. Für Atomgegner wie Jürg Joss eine empfindliche Niederlage.
Wie fühlt es sich an, wenn das eigene Lebenswerk mit Füssen getreten wird, Herr Joss? «Auch ich war nicht immer AKW-Gegner», sagt er.
1979 macht Joss eine Elektrikerlehre, doch interessiert ihn das Klavierspielen in seiner Freizeit damals noch mehr.
Der Funke springt erst, als er sich ab 1984 in einer vierjährigen Weiterbildung bei Sulzer zum MSR-Techniker ausbilden lässt – dem ersten der Schweiz. Als solcher schliesst er elektrische Anlagen nicht mehr einfach nur an, sondern programmiert und steuert sie auch.
Gleichzeitig ist die Schweiz voll vom Atomfieber erfasst. Atomkraft gilt als Technologie der Zukunft: modern, leistungsstark, zuverlässig. Just während Joss' Ausbildung nimmt das Kernkraftwerk Gösgen den Betrieb auf. «Das hat mich wahnsinnig fasziniert. Da war so viel Technik», erinnert er sich.
«Luft anhalten»
Joss beginnt als Revisionist im Kernkraftwerk Leibstadt zu arbeiten, kalibriert Messungen und überprüft Ventile, die Druck und Temperatur in den Anlagen stabilisieren.
1986, im gleichen Jahr, in dem in Tschernobyl ein Reaktor explodiert und radioaktive Strahlung bis in die Schweiz transportiert wird, erlebt Joss seine ganz persönliche Atomkatastrophe.
Bei einer Revision im Abluftschacht im Maschinenhaus überprüft Joss Messungen in der Filteranlage. Es ist heiss dort drin, sehr heiss.
Ein verhängnisvoller Fehler, denn mit der Luft, die Joss nun entgegenbläst, treffen ihn auch radioaktive Aerosole. Zwar trägt Joss einen weissen Schutzanzug, jedoch keine Maske. Der Strahlenschutz des Werks verlangte das für diese Zone schlicht nicht. «Ich wusste, jetzt muss ich die Luft anhalten», sagt Joss.
So verhindert Joss, dass er radioaktives Material einatmet. Äusserlich aber ist Joss verstrahlt. So stark, dass das Strahlengerät beim Verlassen der kontrollierten Zone Alarm schlägt. Joss muss mehrmals duschen, bis der Alarm verstummt. «An dem Tag ist mir das Herz in die Hose gerutscht», sagt Joss.
Zwar macht er die Revision noch fertig. Aber er ist nicht mehr der gleiche wie vorher. Die Verstrahlungsepisode steht am Anfang von Joss' Verwandlung vom Atomkraftbefürworter hin zu einem ihrer grössten Kritiker.
Der endgültige Bruch geschieht bei einer Reise nach Asien. Mit der Transsibirischen Eisenbahn reist Joss bis nach Nepal, wo ihm ein Buch über die atomare Katastrophe in Tschernobyl in die Hände fällt. Darin: eine schematische Darstellung, wo sich wie viel radioaktive Strahlung im Körper anreichert.
Joss kann es noch heute aufzählen: «Jod lagert sich in der Schilddrüse ab», sagt er und greift sich mit beiden Zeigefingern an den Hals, unter die Ohren. «Cäsium und Strontium in den Knochen, Plutonium in der Lunge.»
Vor seiner Reise hätte das wahrscheinlich noch nicht so viel ausgelöst bei Joss. «Ich war ein eher scheuer Mensch, ohne Mut, mich irgendwo aufzulehnen», sagt er. «Und so schenkte ich den Leuten vom Strahlenschutz Vertrauen, als sie sagten, dass ich jetzt nicht mehr kontaminiert bin.»
Auf seiner Asienreise aber trifft Jos immer auch wieder auf Menschen, die sich gegen staatliche Richtlinien auflehnten – in China, in Nepal, in Indien. Er beginnt, Dinge zu hinterfragen, die er bis anhin für selbstverständlich hielt.
In diesem für ihn selbst ganz neuen Mindset befindet sich Joss, als ihm das Tschernobyl-Buch in Kathmandu in die Hände fällt.
Joss kehrt mit zwei Vorsätzen aus dem Tibet zurück: den Menschen zu sagen, wie schlecht die Chinesen die Tibeter behandeln. Und: sich gegen die Atomkraft in der Schweiz zu engagieren.
Zusammen mit Gleichgesinnten gründet er den Verein «Mühleberg Stilllegen». Fortan tritt er in der Öffentlichkeit als einer der profiliertesten Kritiker der Schweizer Atomkraftwerke auf. Beharrlich kritisiert er die verschiedenen Schwachstellen der Schweizer Atomkraftwerke.
Joss zeigt sich besorgt über die Risse im Kernmantel des AKW Mühleberg. Ärgert sich fürchterlich, wenn wegen desselben Kraftwerks nukleare Strahlung im Bielersee gemessen wird. Moniert, dass Brandschutzklappen im Kraftwerk in Gösgen nicht richtig schliessen.
An Demos oder Protestaktionen gegen Atomkraft findet man Joss dabei selten in der ersten Reihe. Sein Ansatz ist ein leiserer. Er kniet sich in Berichte ein, durchforstet das Internet, stellt an Infoveranstaltungen kritische Fragen.
Bis er so viel über Reaktoren und ihre Sicherheit weiss wie kaum jemand anderes in der Schweiz. Sein Fachwissen in Sachen Atomkraft stellen nicht mal seine Gegner in Frage. «Der Joss erzählt keinen Seich. Das war mir immer wichtig», sagt der 63-Jährige hörbar stolz über sich selbst.
Sein jahrelanger Kampf trägt 2019 Früchte. Im Dezember geht das AKW Mühleberg, das Joss immer nur als «Schrottreaktor» bezeichnet hat, vom Netz. Es ist sein grösster Erfolg, wie er selbst sagt.
Jetzt steht Joss vor dem kugelförmigen Gebäude auf dem AKW-Gelände in Leibstadt, unter dem sich ein weiterer «Schrottreaktor» verbirgt. Kopfschüttelnd sagt er:
Während die allermeisten Staaten auf der Welt in erneuerbare Energien investieren würden, denkt die Schweiz wieder darüber nach, Atomkraftwerke zu bauen.
Die Argumente dazu hat Joss parat. Immer weniger Länder würden immer weniger Siedewasser-Reaktoren wie den in Leibstadt betreiben. Von einst nahezu 100 solchen Reaktoren sind heute gerade noch 45 in Betrieb. Ganz generell nehme die Anzahl an Reaktoren weltweit ab.
Die Entwicklung der sogenannten Small Modular Reactors, in die Kernkraftforschende so grosse Hoffnungen setzen, kommt seit Jahren nicht vom Fleck. Gemäss verschiedenen Metastudien sind die Mini-Atomkraftwerke zu teuer, zu wenig leistungsfähig, produzieren zu viel nuklearen Müll.
Stichwort Atommüll: Auch nach mehreren Jahrzehnten Erfahrung mit Atomkraftwerken hat die Schweiz noch immer kein dauerhaftes Lager dafür gefunden. Schon nur deshalb ist es für Joss widersinnig, Atomkraft als grüne Technologie zu bezeichnen, wie das die Befürworter der Technologie gerne tun.
Das alles ändert nichts daran, dass Atomkraft in der Gegenwart wieder ein Revival erlebt – in der Schweiz genauso wie im Ausland. In Deutschland kursiert ein offener Brief, in dem Atomaktivisten den deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz dazu auffordern, einen Wiedereinstieg in Erwägung zu ziehen. Auch Italien und Griechenland führen gerade ähnliche Diskussionen.
Derweil ist in der Schweiz eine Studie erschienen, die sagt, dass ein neues AKW 7.4 Milliarden Franken Wertschöpfung alleine in der Schweiz generieren würde. 15 Prozent des erwarteten Winterverbrauchs könnten durch ein neues AKW gedeckt werden, sagen die Verfasser der Studie, die sie im Auftrag der Economiesuisse geschrieben haben.
Potenzielle Risiken neuer Kernkraftwerke klammert die Studie jedoch aus. Jürg Joss findet das unverantwortlich: «Ob sich Atomkraft in der Schweiz wirtschaftlich betreiben lässt, das ist mir am Schluss egal. Es ist gefährlich, das reicht mir.»
Seit er selbst in einem AKW gearbeitet habe, wisse er, dass auch dort Fehler passieren. Fehler, die katastrophale Folgen nach sich ziehen können. «Ich bin Atomkraftgegner, weil ich drei Kinder habe und ihnen dieses Risiko nicht zumuten will», sagt Joss.
Auf den falschen Knopf gedrückt
Der neuste Aufsichtsbericht des ENSI weist für das letzte Jahr allein drei sogenannte sicherheitsrelevante Fehlmanipulationen aus. «Im Klartext bedeutet das: Da hat dreimal jemand auf den falschen Knopf gedrückt», sagt Joss.
Die Technologie sei in den letzten Jahren sogar noch unsicherer geworden, als sie es ohnehin schon immer gewesen sei. Erstens, weil die Bedrohungslage eine andere ist. In Europa ist wieder Krieg. Die Chancen, dass ein AKW Ziel eines terroristischen Anschlags wird, sind gestiegen.
Zweitens, sagt Joss, waren die Atomkraftwerke nie darauf ausgelegt, so lange betrieben zu werden. Sie werden älter, anfälliger, unsicherer: «Atomkraftwerke sind eine Technologie aus der Vergangenheit.»
Als Atomgegner lerne man schnell, dass es ein stetiges Auf und Ab sei, sagt Joss. «Da braucht es schon einen langen Atem.» Auf die jetzt begonnene Unterschriftensammlung für das Referendum freut er sich. «Das spornt mich an», sagt er.
Dann wandert Joss' Blick zum Reaktorgebäude und zum Hochkamin dahinter. «Irgendwann werden sie auch hier in Leibstadt aufgeben müssen», sagt er. Bis dahin kämpft Joss weiter.
