Wirtschaft
Schweiz

ÖV-Tickets werden teurer – und die Juso gibt Keller-Sutter die Schuld

SBB Karin Keller Sutter
Ist für die Juso schuld an den Preiserhöhungen: Finanzministerin Karin Keller-Sutter.Bild: keystone/watson

Bald musst du für ÖV-Tickets mehr bezahlen – das sorgt für Unmut

Die Preiserhöhung bei den ÖV-Tickets sorgt für Unmut. Für linke Politiker ist es der falsche Zeitpunkt, während der Bund mit Milliarden die Banken rettet. Auf bürgerlicher Seite möchte man Zustände wie in Deutschland verhindern.
06.04.2023, 05:1806.04.2023, 07:39

Der Preishammer schlägt auch im öffentlichen Verkehr zu. Erstmals seit 2016 sollen ab dem 10. Dezember die ÖV-Preise steigen – durchschnittlich um 4,3 Prozent. Ein Anstieg, den man im Portemonnaie spürt.

Doch diese Erhöhung trifft nicht alle gleich hart. Während Besitzer von 2.-Klasse-Billetten tiefer in die Tasche greifen müssen, werden 1.-Klasse-Fahrgäste weniger zur Kasse gebeten.

Denn die Preise werden unterschiedlich erhöht. In der 2. Klasse um 4,8 Prozent und in der 1. Klasse um 1,9 Prozent. Zuständig für die Verteuerung ist Alliance Swisspass, die Branchenorganisation des öffentlichen Verkehrs. «Wir haben mit negativen Reaktionen gerechnet. Aber der Entscheid wurde bewusst getroffen», sagt Mediensprecher Thomas Ammann zu watson.

«Klares Signal von Bund und Kantonen»

Das Ziel der unterschiedlichen Preisgestaltung sei, die 1. Klasse für mehr Menschen erschwinglicher zu machen und so Kapazitäten in der 2. Klasse zu schaffen, erklärt Ammann. Denn der Ticketverkauf in der 1. Klasse sei seit Jahren rückläufig. «Die Klassenspanne wird dadurch verkleinert, aber im internationalen Vergleich ist sie noch immer deutlich grösser.»

Wäre es nicht die einfachere Lösung, mehr 2.-Klasse-Waggons anzuhängen statt überflüssiger 1.-Klasse-Abteile? «Das müssen die Transportunternehmen entscheiden, wir beeinflussen nur die Preisgestaltung», sagt Ammann.

Blick in die 1. Klasse im ersten rundum erneuerten IC2000-Intercity-Zug, praesentiert von der SBB am Donnerstag, 31. Januar 2019 in Olten. Einige der IC2000-Zuege der SBB sind seit 20 Jahren im Einsat ...
Kleinere Preiserhöhung als in der 2. Klasse: die 1. Klasse.Bild: KEYSTONE

Dass die Preise gerade jetzt erhöht wurden, hat laut Ammann mehrere Gründe. Einerseits ist das Angebot im ÖV in den letzten Jahren ausgebaut worden. Andererseits wurden neue, moderne Fahrzeuge gekauft. Und die Teuerung der letzten Jahre haben auch die Transportunternehmen zu spüren bekommen.

Doch einer der Hauptgründe für die Preisanpassung liegt woanders. «Aktuell werden 50 Prozent des ÖV-Angebots durch Steuerzahler finanziert», erklärt Ammann. Dieser Anteil müsste sich erhöhen, wenn die Preise weiter gleich bleiben würden – um die höheren Kosten auszugleichen.

«Von Bund und Kantonen haben wir allerdings klar das Signal erhalten, dass sie sparen müssen. Es gab also nur die Optionen, dass wir entweder das Angebot reduzieren oder mittels Preisanpassungen Mehreinnahmen generieren», erklärt der Alliance-Swisspass-Sprecher. Amman findet, dass viele Menschen erst merken, was sie an der Schweizer ÖV-Infrastruktur haben, wenn sie im Ausland gewesen seien.

«Führt kein Weg vorbei»

In diesem Punkt stimmt der Berner FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen zu, wie er zu watson sagt: «Lieber wir bezahlen individuell etwas mehr für den ÖV, als dass wir plötzlich deutsche Verhältnisse haben.» Dort seien die Transportunternehmen «chronisch unterfinanziert», was zu einer schlechten Dienstleistung und einer maroden Infrastruktur führe.

Christian Wasserfallen, FDP-BE, spricht ueber Kernkraft, an der Fruehjahrssession der Eidgenoessischen Raete, am Mittwoch, 8. Maerz 2023 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)
Möchte keine ÖV-Verhältnisse wie in Deutschland: FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen.Bild: keystone

Wasserfallen sagt, er verstehe die Sorgen um die Preiserhöhungen – auch weil diese unterschiedlich hoch seien. Aber: «Alle wollen ein noch besser ausgebautes ÖV-Angebot, doch mehr bezahlen wollen die Menschen dafür nicht.»

An der Preiserhöhung führe jedoch kein Weg vorbei, meint der Nationalrat. «Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, jedes Jahr minim zu erhöhen, anstatt auf einen Schlag so viel», sagt Wasserfallen. Doch Bund und Kantone alleine könnten nicht immer mehr Geld zur Verfügung stellen. Der FDP-Politiker erklärt: «Bereits jetzt soll die SBB eine Finanzspritze in Milliardenhöhe vom Bund erhalten, weil sie finanziell instabil ist. Preisanpassungen für mehr Nutzerfinanzierung sind leider notwendig.»

«Direktfolge der restriktiven Finanzpolitik»

Nicht verstehen kann diese Haltung der Luzerner Grüne-Nationalrat Michael Töngi. Er sagt: «Mit der Teuerung mitzugehen ist logisch, doch gleichzeitig Gelder von der öffentlichen Hand rauszunehmen, ist problematisch.» Zudem seien die unterschiedlich hohen Preisanpassungen ein «unschönes Signal» für alle 2.-Klasse-Fahrgäste.

Michael Töngi
«Ein unschönes Signal»: Grüne-Nationalrat Michael Töngi.

Töngi befürchtet, dass mit dieser Kürzung Linien gestrichen oder ausgedünnt werden, die nicht so einen hohen Kostendeckungsgrad haben.

Ähnlich tönt es von Juso-Präsident und SP-Präsidiumsmitglied Nicola Siegrist. Er sagt zu watson: «Die Logik eines möglichst hohen Selbstfinanzierungsgrads im öffentlichen Verkehr ist einfach falsch.»

Siegrist findet die Preiserhöhung eine «absolute Sauerei». Er macht das Sparprogramm des Bundes für die Anpassungen verantwortlich. «Die Anpassungen sind die direkte Folge der restriktiven Finanzpolitik von Bundesrätin Karin Keller-Sutter», sagt der Linkspolitiker.

Die Auswirkungen seien weitreichend, erklärt Siegrist: «Die Kaufkraft der Bevölkerung nimmt ab, die Attraktivität des ÖVs leidet und gleichzeitig wirft man lieber 259 Milliarden Franken den Banken hinterher.»

Dazu schreibt das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) auf Anfrage von watson: «Tarifmassnahmen liegen in der Kompetenz der Verkehrsunternehmen, wir kommentieren diese grundsätzlich nicht.»

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Städte, die du ab Zürich mit dem Nachtzug erreichst
1 / 13
Städte, die du ab Zürich mit dem Nachtzug erreichst
Der See Bled in Slowenien mit der berühmten Insel.
quelle: shutterstock
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Wildberry-Lillet im Speisewagen und Beats über die Zugdurchsage? SBB landet TikTok-Hit
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Volvo in der Krise: Tausende Jobs weg, Aktie stürzt ab
Der von Chinesen kontrollierte schwedische Autobauer Volvo Cars streicht nach einem desaströsen Quartal mit einem neuen Sparprogramm weitere Tausende Jobs. Vorstandschef Hakan Samuelsson baut weltweit rund 2500 Stellen ab, um die jährlichen Ausgaben um rund 5 Milliarden schwedische Kronen (415 Mio. Franken) zu senken, wie das Unternehmen am Freitag in Göteborg mitteilte. Allein 2000 Arbeitsplätze sollen in der schwedischen Heimat wegfallen. Einerseits würden Beraterverträge beendet und natürliche Weggänge genutzt, andererseits sollen Mitarbeiter Abfindungsangebote erhalten.
Zur Story