Wirtschaft
Schweiz

Burkaverbot: Walter Wobmann kann sich bei den Journalisten bedanken

Offen gesagt

«Lieber Herr Wobmann, danken Sie uns später ...»

Kleidervorschriften und Sprechzwänge stehen bald in Verfassung und Gesetz. Der heutige Abstimmungssonntag war ein Freudentag für die rechtspopulistische Schweiz. Medienschaffende und Linke haben massgeblichen Anteil daran.
09.03.2021, 13:1909.03.2021, 13:19

Lieber Herr Wobmann

Herzliche Gratulation zum heutigen Abstimmungsergebnis. Ihre Verhüllungs-Initiative ist angenommen worden und das gar nicht mal so knapp.

Jedenfalls nicht gemessen an Ihrem Budget. Mit Ihrem «Egerkinger Komitee» schwimmen Sie ja nicht in Millionen, sind eher allein unterwegs. Die Kampagnen-Kavallerie der SVP stand und steht Ihnen nicht zur Verfügung.

>> Abstimmungen live: Resultate, Reaktionen, Analysen

Dennoch haben Sie nach der Minarett-Initiative und dem Vignetten-Referendum bereits die dritte Volksabstimmung im Alleingang gewonnen.

Das heisst, eigentlich nicht ganz. Wir Medienschaffenden haben massgeblichen Anteil an Ihrem Erfolg. Ich wage sogar zu behaupten: Ohne uns wären Sie ein politischer Niemand.

Die Basis für Ihren Erfolg bei der Minarett-Initiative haben wir Journalistinnen und Journalisten gelegt. Nie ist seither in den Medien mehr über Musliminnen und Muslime in der Schweiz berichtet worden als in jenem Herbst 2009.

Auch die Basis für Ihren Erfolg bei der Verhüllungs-Initiative haben wir Journalistinnen und Journalisten geschaffen. Wir haben den Islam seit der Minarett-Initiative vorzugsweise im Kontext von Dschihad-Reisenden, IS-Jugendlichen und Radikalisierung thematisiert. Den Endspurt in der aktuellen Abstimmungskampagne haben wir ebenfalls für Sie übernommen.

Wir haben die für die Lösung realer Probleme eher wirkungslose Initiative in den einen Organen verhöhnt, in den anderen verklärt. Wir haben hüben wie drüben in eher religiös denn politisch anmutendem Eifer debattieren lassen. Ja, wir haben sie sogar – was für eine Ehre – mit der allerersten Schweizer Volksinitiative, dem Schächtverbot, verglichen. Und auf allen Kanälen haben wir rechte alte Männer gegen linke junge Frauen und diese gegen rechte alte Frauen antreten lassen.

Was für ein Meinungs-Spektakel in dieser von schnöden Daten dominierten Zeit!

Die rund 30 Schweizer Konvertitinnen dürften sich verwundert die Augen gerieben haben, ob des ganzen Zirkusses um ihren Style. Sie hingegen dürften sich die Hände gerieben haben, ob all der Gratis-Publicity, die den Graben zwischen Muslimen und Christen, Männern und Frauen, Linken und Rechten in diesem Land noch ein bisschen weiter aufgerissen hat.

Was immer Sie als nächstes vorhaben, ich fürchte, Sie dürfen auf unsere Unterstützung zählen. Wenn man sich so ansieht, wie einfach es Ihrer Parteileitung gelungen ist, eine Schweizer Diktatur-Debatte vom Zaun zu treten, dann werden Sie wohl auch mit Ihrem nächsten Abstimmungs-Projekt erfolgreich sein.

Nun geniessen Sie aber erst einmal den gewonnenen Abstimmungssonntag. Danken können Sie uns dann auch noch später.

Mit freundlichen Grüssen

Maurice Thiriet

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