Seine Frau wechselt in die USA – wie lange bleibt der Novartis-Chef noch in Basel?
Vas Narasimhan kennt und schätzt die Schweiz, immerhin steht der amerikanische Manager seit 2018 dem Basler Pharmakonzern Novartis vor und lebt in Basel. Dieses Bild versuchte der 49-Jährige zuletzt bei der Präsentation der Jahreszahlen zu vermitteln. Um nicht als wurzelloser Konzernchef zu gelten, lobte er die Vorteile des Standorts Basel und betonte, wie viel seine Firma hierzulande investiere.
Auch kritische Fragen zu seinem für hiesige Verhältnisse beispiellosen Salär von fast 25 Millionen Dollar parierte der Manager, der im eng geschnittenen Hemd und sportlicher Trinkflasche erschien. «Fragen Sie, was Sie fragen müssen», sagte er lächelnd. Er sei mittlerweile lange genug in der Schweiz und kenne das Spiel. Der altbekannten Begründung, der Verwaltungsrat bestimme seinen Lohn anhand messbarer Ziele, schob er nach: «Wenn mein Lohn sinkt, berichtet kaum jemand darüber.»
Der Auftritt zeigt: Auch nach acht Jahren versucht Narasimhan, sein Image als abgehobener Manager ohne lokalen Bezug abzuschütteln. Dabei hat er selbst viel dafür getan, dieses Bild zu kultivieren, nicht nur mit seinem Top-Salär.
Er hat sich für 60 Millionen Dollar einen Privatjet zugelegt, mit dem er um die Welt jettet. Vor Jahresfrist zeigte er sich bei Donald Trump im Oval Office, als der US-Präsident genüsslich die Milliarden-Investitionen der globalen Pharmafirmen aufzählte. Ein Jahr später gab Novartis bekannt, in der Schweiz Hunderte Stellen zu streichen. Wenig Sympathien brachte Narasimhan auch ein, dass er einst die Schweizer Medien brüskierte. Statt wie üblich selber die Zahlen zu präsentieren und Fragen zu beantworten, schickte er seinen Finanzchef vor.
Diese Episoden befeuern seit Längerem die Frage, wie lange es den selbstbewussten US-Manager noch in der behäbigen Schweiz und an der Novartis-Spitze hält. Nun haben die Spekulationen innerhalb der Branche neue Nahrung erhalten. Denn Narasimhan hat neuerdings auch private Gründe, um wieder in die USA zurückzukehren.
Turnaround gelang nicht
Seine Ehefrau Srishti Gupta wurde Anfang Juli zur Chefin des Biotechunternehmens Novabridge Biosciences ernannt. Dieses hat seinen Sitz in Rockville, Maryland. Zwar versichert das Unternehmen auf Anfrage, Gupta werde in den Vereinigten Staaten und in Basel arbeiten. Allerdings könne es hier Anpassungen geben, je nach Bedürfnissen der Firma, sagt eine Sprecherin zu «Schweiz heute».
Die mit akademischen Diplomen reich ausgestattete Gupta hatte sich zuvor schon in der Schweiz als CEO und Turnaround-Managerin beim kriselnden Pharmaunternehmen Idorsia versucht. Es blieb beim Versuch. Nach neun Monaten entliess sie das Gründerpaar Martine und Jean-Paul Clozel bereits wieder.
Guptas Transfer in die USA ist ein Signal. Nach acht Jahren als Novartis-Chef wird sich auch Vas Narasimhan ernsthaft die Frage stellen, ob er mit seiner Familie in die USA zurückkehren möchte. Ein Argument dafür sind auch die beiden Kinder des Power-Paars. Sie sind mittlerweile im Teenageralter und damit bereit für den Eintritt ins amerikanische Schulsystem. Schliesslich hat auch Narasimhan bereits wieder Fuss gefasst in den Staaten: Seit April sitzt er im Verwaltungsrat der gehypten KI-Firma Anthropic.
Auch so wäre bei Novartis eigentlich ein baldiger CEO-Wechsel zu erwarten. Für Chefs von Konzernen ohne bestimmenden Aktionär läuft die Zeit erfahrungsgemäss etwa nach sieben Jahren ab. Narasimhan ist bereits überdurchschnittlich lange in seiner Funktion. Und in seinem noch relativ jungen Alter hat er ein besonders starkes Motiv, den idealen Zeitpunkt für den Abgang nicht zu verpassen, um sich so für den nächsten Top-Job zu empfehlen.
«Er könnte auf dem Zenit abtreten»
«Vas Narasimhan steht als Novartis-Chef so stark da wie nie», sagt Urban Fritsche, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank. «Der Zeitpunkt für einen Wechsel wäre gut gewählt. Er könnte so auf dem Zenit zurücktreten.» Seine Feststellung begründet Fritsche mit dem Aktienkurs, der sich seit Narasimhans Antritt mehr als verdoppelt hat.
Auch in den Geschäftszahlen kann sich Narasimhans Wirken sehen lassen. Er steigerte in seiner Amtszeit Umsatz wie Gewinn und drückte die Gewinnmarge über die 40-Prozent-Marke. Der Manager hat die Spezialisierung von Novartis auf Hightech-Medikamente und innovative Arzneien mit Blockbuster-Potenzial konsequent vorangetrieben und das Unternehmen auf vier Therapiegebiete getrimmt.
Er verkaufte das Geschäft mit nicht rezeptpflichtigen Heilmitteln an die britische GSK und nahm dafür über 12 Milliarden Franken ein. Fast 20 Milliarden Franken löste er vor fünf Jahren für den Verkauf der Roche-Anteile an den Lokalrivalen. Narasimhan und sein Förderer, der ehemalige Verwaltungsratspräsident Jörg Reinhardt, machten ihre Aktionäre auch mit der Abspaltung des Generikaherstellers Sandoz und der Augenheilspezialistin Alcon glücklich.
Aber unter der glatten Oberfläche von Novartis verbergen sich nicht nur die vergessenen Flops, wie unlängst der milliardenteure Fehleinkauf von Morphosys, sondern auch erhebliche Risiken. Novartis hat unter Narasimhan rund 40 Milliarden Dollar für Akquisitionen ausgegeben. Der Erfolg dieser Zukäufe lässt sich in vielen Fällen noch nicht schlüssig beurteilen.
Klar ist hingegen, dass Novartis durch die Spezialisierung das Risikoprofil verändert hat. Das Unternehmen erzielt zwar höhere Profitmargen und Gewinne, aber es ist auch mehr denn je anfällig für Enttäuschungen und starke Leistungsschwankungen.
Damit wird der seit Frühjahr 2025 als Verwaltungsratspräsident amtierende Giovanni Caforio ebenso umgehen müssen wie Narasimhans Nachfolger, dessen Suche vermutlich schon vor einiger Zeit begonnen hat. Intern werden dem Spanier Victor Bulto, dem Chef des wichtigen US-Geschäfts, Ambitionen für den CEO-Posten nachgesagt. In den Startlöchern steht offenbar auch der Schweizer Patrick Horber, der aktuell die internationale Geschäftseinheit leitet. (schweizheute.ch)

