Bist du unter 50 Jahre alt? Dann alterst du schneller
Krebs wird meist als Alterskrankheit betrachtet – ältere Menschen haben ein höheres Krebsrisiko, da sich bei ihnen zelluläre Schäden, die das Wachstum eines Tumors auslösen können, über einen längeren Zeitraum ansammeln konnten. Seit Längerem steigen jedoch die Krebsraten bei jüngeren Erwachsenen: Tendenziell ist jede Generation einem höheren Risiko ausgesetzt als die vorhergehende. Zwischen 1990 und 2019 stieg die Zahl der unter 50-Jährigen, bei denen Krebs diagnostiziert wurde, um 24 Prozent. Bestimmte Krebsarten treten bei jüngeren Generationen zunehmend häufiger auf, darunter Darmkrebs und Gebärmutterkrebs.
In der Forschung stellt man sich daher die Frage, ob sich zelluläre Schäden bei den jüngeren Generationen schneller ansammeln und sich dadurch die biologische Alterung ihres Körpers beschleunigt.
Biologisches und chronologisches Alter
Eine neue Studie eines Forschungsteams der Washington University School of Medicine in St. Louis um Yin Cao, Molekularepidemiologin und ausserordentliche Professorin für Chirurgie und Medizin, liefert nun Belege dafür, dass jüngere Generationen biologisch tatsächlich schneller altern als ihre älteren Mitmenschen. Das Team verglich das biologische Alter (wie alt der Körper bei medizinischen Untersuchungen zu sein scheint) mit dem chronologischen Alter (wie viele Jahre der Körper bereits existiert).
Laut der kürzlich in Nature Medicine veröffentlichten Studie weisen Personen, die zwischen 1965 und 1974 geboren wurden, ein höheres biologisches Alter auf, als es Personen, die zwischen 1950 und 1954 geboren wurden, im selben chronologischen Alter hatten. Die zwischen 1990 und 1999 Geborenen hatten wiederum ein höheres biologisches Alter als die zwischen 1965 und 1969 Geborenen im entsprechenden chronologischen Alter. Das heisst, bei ihnen finden sich mehr Abnutzungserscheinungen im Körper auf zellulärer und molekularer Ebene. Übrigens zeigten sich bei Männern durchweg grössere Unterschiede zwischen biologischem und chronologischem Alter als bei Frauen. Warum sich dies so verhält, ist Gegenstand von Forschungen an verschiedenen Institutionen.
Die neue Studie bringt diese «beschleunigte Alterung» mit den steigenden Krebsraten in Verbindung. Als «früh auftretend» gelten Krebserkrankungen im Allgemeinen dann, wenn sie im Alter von 55 Jahren oder jünger diagnostiziert werden.
Systemische und organspezifische Alterung
Für die aktuelle Studie analysierte Caos Team Daten von mehr als 154'000 jungen Erwachsenen aus der UK Biobank, einem umfangreichen biomedizinischen Datensatz mit biologischen, gesundheitsbezogenen und Lebensstil-Daten, sowie von mehr als 10'000 Personen in den USA, die am «All of Us»-Forschungsprogramm der National Institutes of Health (NIH) teilnahmen.
Um den Grad der biologischen Alterung abzuschätzen, untersuchten die Forscher die Alterung auf zwei Ebenen: einerseits im gesamten Körper, was als systemische Alterung bezeichnet wird, und andererseits in einzelnen Organen, also die organspezifische Alterung. Für die systemische Alterung zogen die Forscher etablierte Messgrössen heran, wobei sie unter anderem biochemische Blutmarker massen – beispielsweise Albumin, das von der Leber gebildet wird, und Kreatinin, ein von den Nieren ausgeschiedenes Abfallprodukt. Zur Ermittlung der organspezifischen Alterung nutzten sie Blutdaten, die Auskunft über die Konzentrationen verschiedener Proteine gaben, die mit bestimmten Organsystemen in Verbindung stehen.
Im Vergleich von biologischem und chronologischem Alter berechnete das Forschungsteam den durchschnittlichen Altersunterschied für jede Geburtskohorte und verwendete die Standardabweichung, um darzustellen, wie stark sich die einzelnen Gruppen vom Studiendurchschnitt unterschieden. Die Standardabweichung ist ein Mass dafür, wie stark die Datenpunkte um den Mittelwert herum verstreut sind.
Jüngere Generationen altern schneller …
Die Forscher stellten fest, dass bei Personen im Vereinigten Königreich, die zwischen 1965 und 1974 geboren wurden, die systemische Alterung um 23 Prozent einer Standardabweichung höher war als bei den zwischen 1950 und 1954 Geborenen im selben chronologischen Alter. Mit anderen Worten: Personen der jüngeren Geburtskohorte wiesen im gleichen chronologischen Alter eine leichte Verschiebung hin zu älteren biologischen Profilen auf als Personen der älteren Geburtskohorte. Ein ähnliches Muster zeigte sich auch in der US-Kohorte; bei den zwischen 1990 und 1999 Geborenen war die systemische Alterung um 92 Prozent einer Standardabweichung höher als bei den zwischen 1965 und 1969 Geborenen.
... und haben ein erhöhtes Krebsrisiko
Diese verstärkte systemische Alterung in der jüngeren Gruppe war mit einem um 8 Prozent erhöhten Risiko für früh auftretende solide Krebserkrankungen verbunden, insbesondere für Lungen-, Magen-Darm- und Gebärmutterkrebs. Als die Teilnehmer anhand ihres Grades an systemischer Alterung in drei Gruppen eingeteilt wurden, wiesen diejenigen mit der fortgeschrittensten systemischen Alterung im Vergleich zu denjenigen mit der am wenigsten fortgeschrittenen systemischen Alterung ein um 15 Prozent erhöhtes Risiko für früh auftretende solide Krebserkrankungen auf. Je grösser der Unterschied zwischen biologischem und chronologischem Alter also war, desto höher war das Risiko für Tumorerkrankungen. Der Analyse zufolge blieb das erhöhte Risiko auch nach Berücksichtigung vererbter genetischer Krebsrisiken und der genetischen Anfälligkeit für beschleunigte Alterung bestehen.
Warum ist das so? Die Wissenschaftler vermuten, dass es einen Zusammenhang mit anderen Trends geben könnte, zum Beispiel dem früheren Einsetzen der Pubertät sowie dem früheren Auftreten von Adipositas, Diabetes und Schlaganfällen. All dies deute auf eine schnellere Alterung hin und stelle Risikofaktoren für Krebs dar.
Das Alter eines Organsystems könne sich vom Alter des gesamten Körpers unterscheiden, so die Forscher. Auch verschiedene Organsysteme können innerhalb desselben Körpers unterschiedlich altern. So zeigte sich, dass ein Immunsystem, das älter erscheint als sein chronologisches Alter, mit früh auftretendem Lungenkrebs in Verbindung stand. Ebenso wurde Fettgewebe, das älter erscheint, mit früh auftretendem Darmkrebs in Verbindung gebracht.
Die Forscher hoffen, in Zukunft zu verstehen, wie moderne Umweltbedingungen das Krebsrisiko beeinflussen, um letztendlich dazu beizutragen, Krebs vorzubeugen und besser zu behandeln, sagte Cao. (dhr)
