Neue Studie: Der Mensch hat womöglich eine nächste Eiszeit gestoppt
Gäbe es den Menschen nicht, könnte die Erde bereits in der nächsten Eiszeit stecken. Zu diesem Schluss kommt eine Studie, die diese Woche in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht wurde. Forschende um Nicolas Young von der Columbia University untersuchten die Barnes-Eiskappe auf der Baffininsel im Nordosten Kanadas.
Dabei stellte sich heraus, dass die Eiskappe vor ungefähr 2000 Jahren wieder zu wachsen begann, um dann ab 1960 wieder zu schrumpfen. Das sehen die Forschenden als Indiz dafür, dass die vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen womöglich eine Eiszeit verhinderten.
Pflanzenreste verraten die Geschichte des Eises
Die Barnes-Eiskappe ist rund 5700 Quadratkilometer gross und damit ungefähr so gross wie der Kanton Bern und misst an ihrer dicksten Stelle rund 730 Meter. Sie ist der letzte bedeutende Überrest des Laurentidischen Eisschilds, der während der letzten Kaltzeit bis vor rund 20'000 Jahren grosse Teile Kanadas und der nördlichen USA bedeckte.
Um die Entwicklung des Eises zu rekonstruieren, untersuchten die Forschenden Gesteine und uralte Pflanzenreste. Eine Besonderheit macht die Eiskappe dabei zu einem wertvollen Klimaarchiv: Sie ist direkt am Felsuntergrund festgefroren. Dadurch bleiben Moose und Flechten erhalten, die vom vorrückenden Eis überdeckt wurden.
Mithilfe der Radiokarbondatierung bestimmten die Forschenden, wann die Pflanzen abgestorben waren. Ergänzende Messungen von Beryllium-10 in Gesteinen halfen ihnen, frühere Eisgrenzen zu rekonstruieren.
Das Ergebnis: Vor rund 3600 Jahren erreichte die Eiskappe ihre geringste Ausdehnung. Vor etwa 2000 Jahren begann das Eis dann aber erneut zu wachsen.
Seit 1960 zieht sich das Eis zurück
Um 1960 erreichte die Barnes-Eiskappe ihre grösste Ausdehnung seit Beginn der rekonstruierten Wachstumsphase. Danach begann sie zu schrumpfen. Seit den 1980er-Jahren zieht sich ihr Rand durchschnittlich etwa vier Meter pro Jahr zurück.
Die Ursache sehen die Forschenden in der menschengemachten Erderwärmung. Steigende Sommertemperaturen lassen inzwischen mehr Eis schmelzen, als sich im Winter neu bildet. Im Sommer 2026 verschwand die saisonale Schneedecke laut Nasa bereits Mitte Juli, so früh wie nie zuvor in der ausgewerteten Satellitenaufzeichnung.
Studienleiter Nicolas Young beschreibt die Entwicklung als eindrückliches Beispiel für den menschlichen Einfluss auf das Klimasystem: «Es war gerade erst im Gang, alles verlief normal, die nächste Vergletscherung stand bevor – und dann hörte sie auf.»
Hat eine neue Eiszeit bereits begonnen?
Die Forschenden vertreten eine ungewöhnliche These: Eine neue Kaltzeit sollte nicht erst dann als begonnen gelten, wenn riesige Eisschilde wieder ganze Kontinente bedecken. Bereits das erste anhaltende Wachstum von Eis könnte demnach ihren Beginn markieren.
Nach dieser Definition hätte die nächste Kaltzeit vor rund 2000 Jahren eingesetzt. Ohne die menschengemachte Erwärmung hätte es laut Young jedoch noch Jahrtausende gedauert, bis die Abkühlung deutlich spürbar geworden wäre. Rund 30'000 Jahre hätte der Laurentidische Eisschild benötigt, um erneut seine frühere kontinentale Ausdehnung zu erreichen.
Meredith Kelly, Professorin für Geowissenschaften am Dartmouth College, bezeichnet die Daten der Studie als «beeindruckend». Die Untersuchung zeige ein «klares Muster». Kelly gibt jedoch zu bedenken, dass Vergleiche mit Daten aus anderen Regionen nötig seien, um besser zu verstehen, ob und wie sich die Erde bereits vor dem zunehmenden Einfluss der menschengemachten Erwärmung auf eine neue Vergletscherungsphase zubewegte. Zwar sei grundsätzlich bekannt, welche Bedingungen das Wachstum grosser Eismassen begünstigen. Welche Mechanismen eine solche Entwicklung konkret auslösen, müsse jedoch noch genauer erforscht werden.
Fachlich muss zudem zwischen einem Eiszeitalter, einer Kaltzeit und einer Warmzeit unterschieden werden. Theoretisch leben wir weiterhin in einer Eiszeit – im Känozoischen Eiszeitalter. Die letzte Kaltzeit (Glazial) endete aber vor rund 11'700 Jahren, seither befinden wir uns in einer Warmzeit (Interglazial).
Ein letzter Überrest vor dem Verschwinden?
Modellrechnungen deuten darauf hin, dass die Barnes-Eiskappe innerhalb der nächsten Jahrhunderte vollständig verschwinden könnte. Damit ginge auch der letzte bedeutende Rest des Laurentidischen Eisschilds verloren.
Dieser Verlust könnte die Voraussetzungen für künftige Vergletscherungen verändern: Der verbliebene Eiskörper könnte bei einer späteren Abkühlung als Ausgangspunkt für weiteres Eiswachstum dienen.
Wann die nächste Kaltzeit unter den heutigen Treibhausgasbedingungen beginnen wird, lässt sich nicht zuverlässig vorhersagen. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung kam in einer Studie im Jahr 2016 jedoch zum Schluss, dass die nächste Kaltzeit erst in rund 100'000 Jahren zu erwarten sei, auch ohne menschlichen Einfluss hätten die Studienleiter die nächste Kaltzeit erst in 50'000 Jahren erwartet, sie gehen damit also davon aus, dass die menschlichen Treibhausgasemissionen die nächste Kaltzeit um rund 50'000 Jahre verzögern könnten. Auch neuere Studien kamen zu ähnlichen Schlüssen.
