Tod an der Grenze
Wo es eine Landesgrenze gibt, gibt es immer auch Schmuggel. Doch an der Schweizer Südgrenze wurde dieser während des Zweiten Weltkriegs mit einer aussergewöhnlichen Intensität betrieben. Getrieben von einer tiefen Wirtschaftskrise, strömten damals unzählige Männer, Frauen und Jugendliche aus italienischen Grenzdörfern mit den unterschiedlichsten Waren in die Schweiz, vor allem aber mit Reis – Tonnen von Reis. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Kantone Tessin, Graubünden und Wallis kauften dieses italienische Getreide gerne. Einerseits, weil es in der Schweiz Mangelware war, andererseits, weil sie glaubten, damit Menschen in Not zu helfen.
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Traditionellerweise tolerierten die Schweizer Behörden den Schmuggel, da er nur dem italienischen Fiskus schadete. Doch während des Zweiten Weltkriegs verboten sie ihn, um jede Form des Schwarzmarktes zu bekämpfen und verfolgten Schmuggler mit äusserster Härte. In dieser Zeit wurde auf Personen geschossen, die sich einer Kontrolle entziehen wollten. Für ein paar Kilogramm Reis verloren deshalb einige Dutzend Schmuggler ihr Leben.
Gewaltspirale nach dem Krieg
Zu den Gefallenen jener Jahre zählten jedoch nicht nur Schmuggler, sondern auch einige Grenzwächter. Nach Kriegsende durchlebte Italien turbulente Zeiten, die von einer weit verbreiteten Gewalt geprägt wurden. Das Elend, die hohe Zahl im Umlauf befindlicher Waffen und der Unwille vieler Menschen, wieder in ein normales Leben zurückzukehren und damit verbunden die politische und moralische Autorität des nach dem Krieg wiederaufgebauten Staates zu akzeptieren, führten zu einem erheblichen Anstieg der Gewalttaten.
Es war nur logisch, dass einige dieser bewaffneten Menschen in das Geschäft mit Schmuggelwaren einstiegen. In den Schweizer Grenzregionen kam es deshalb vermehrt zu bewaffneten Auseinandersetzungen und Schusswechseln. Mehrere Grenzwächter wurden verletzt, einige verloren ihr Leben. Beispielsweise der Tessiner Ovidio Maggi.
Jähes Ende einer Liebesgeschichte
Maggi stammte aus Cabbio im Valle di Muggio, dem südlichsten Tal der Schweiz. Er war mit der gleichaltrigen Nives verheiratet, welche er seit Kindszeiten kannte. Die beiden hatten bereits zusammen die Schule besucht und sich schliesslich im Dezember 1944 das Ja-Wort gegeben. Es war eine Liebesgeschichte wie aus dem Bilderbuch und als Nives am 22. Oktober 1945 im Spital von Mendrisio die kleine Nora zur Welt brachte, schien das Familienglück vollkommen. Doch es sollte anders kommen.
1: Der kleine Ovidio Maggi.
2: Die junge Nives in den Armen ihrer Mutter.Bild: Privatsammlung Familie Di Noia
Am 31. Oktober wollte Ovidio Frau und Tochter aus dem Spital abholen. Deshalb tauschte er seine Schicht mit einem Kollegen und übernahm bereits am Vorabend den Dienst. An jenem 30. Oktober 1945, an dem er eigentlich nicht gearbeitet hätte, ging Ovidio Maggi mit dem Gefreiten Giovanni Pelli und einem Diensthund auf Patrouille. In Vacallo, etwas oberhalb von Chiasso, postierten sich die beiden Grenzwächter im Hof eines Privathauses. Gegen fünf Uhr morgens entdeckten sie einige Personen, die einzeln in eine kleine Strasse einbogen. Eine von ihnen blieb vor einer Tür stehen und klopfte. Danach fand eine kurze Unterhaltung statt. Möglicherweise wurde hier versucht, geschmuggelte Waren zu verkaufen.
In diesem Moment gaben die Grenzwächter den üblichen Befehl: «Halt! Schweizer Grenzwache, Hände hoch!» Aus einem nahen gelegenen Weinberg wurde daraufhin eine Salve aus einer Maschinenpistole abgefeuert. Die beiden Grenzwächter wurden getroffen und stürzten zu Boden. Später wurden sie von Rettungskräften ins Spital von Mendrisio gebracht. Giovanni Pelli kam mit einem Streifschuss und dem Schrecken davon. Ovidio Maggi hingegen war schwer verletzt und starb noch am Abend desselben Tages.
Wie geplant wurden Nives Maggi und ihre Tochter am nächsten Tag aus dem Krankenhaus entlassen. Doch es war keine freudige Heimkehr. Begleitet vom Talarzt machten sie sich auf den Weg nach Cabbio: Vorne das Auto mit Nives und der kleinen Nora, hinten der Leichenwagen mit Ovidio. Bis heute erinnert ein Gedenkstein in Vacallo an dieses dramatische Ereignis im Oktober 1945.
Belohnung und Medieninteresse
Der Fall sorgte für grosses Aufsehen und war ein eindeutiges Zeichen für das Klima der Gewalt, das den Schmuggel an der Schweizer Südgrenze mittlerweile prägte. Die Behörden entschlossen sich deshalb, ausserordentliche Massnahmen zu ergreifen. So setzte das Eidgenössische Finanzdepartement eine Belohnung von 1000 Franken für entscheidende Hinweise zur Ergreifung des Mörders aus. Die Ermittlungen führten zur Festnahme von drei jungen Männern aus dem italienischen Maslianico gleich hinter der Grenze. Sie wurden zu Haftstrafen zwischen 7 und 20 Jahren verurteilt, die in einem Berufungsverfahren später jedoch reduziert wurden.
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Die deutsch- und französischsprachigen Schweizer Medien schickten ihre Reporter an die Grenze zu Italien, um über die Geschehnisse zu berichten. Ihre Schlagzeilen waren bezeichnend: «Wild West an der Südgrenze» oder «Des contrebandiers terrorisent notre frontière méridionale» war da zu lesen. Im Dezember forderten die Regierungen der Kantone Tessin und Graubünden den Bundesrat auf, einzugreifen und die Armee zu entsenden. Im Februar 1946 wurden 800 Soldaten in den aktiven Dienst einberufen, um die Grenzwächter bei der Überwachung der Grenze zu Italien zu unterstützen. Glücklicherweise normalisierte sich die Lage danach rasch. Im November des gleichen Jahres wurde das Kontingent wieder demobilisiert.
Mit der schrittweisen politischen und wirtschaftlichen Stabilisierung Italiens nach 1945 wandelte sich auch der Schmuggel. Er blieb intensiv und illegal, war nun aber wieder stärker wirtschaftlich motiviert und mit weniger Gewalt verbunden.
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blog.nationalmuseum.ch/2026/10/tod-an-der-grenze
