Korsett, Klumpfüsse und Co.: So leiden Frauen für Schönheitsideale
Wer schön sein will, muss leiden: Die Geschichte zeigt, dass an dieser Aussage viel dran ist, denn Frauen auf praktisch jedem Kontinent mussten (oder müssen) einem gewissen Ideal entsprechen. Neben viel Druck bedeutete dies oftmals auch Schmerzen. Dies behandelte Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes anhand der Beispiele Korsett und Füssebinden in ihrem Sachbuch «Eingeschnürt, wie der weibliche Körper in Form gebracht wurde». SRF berichtete darüber.
Grund für die Entwicklung war grösstenteils das Patriarchat. Autorin Rulffes erklärt der Zeitung: «In beiden Gesellschaften wurde es Frauen sehr schwer gemacht, finanziell und rechtlich unabhängig von einem Ehemann leben zu können. Weil die Frauen darauf angewiesen waren, zu heiraten, mussten sie sich den Vorstellungen der Gesellschaft beugen.»
Die vergangenen Schönheitsideale vergleicht Rulffes mit heutigen Bewegungen wie Schönheits-OPs oder Abnehmspritzen. Obwohl Frauen heutzutage viel mehr Freiheiten haben, unterwerfen sie sich trotzdem gängigen Vorstellungen.
Korsetts und das Füssebinden sind aber längst nicht die einzigen Schönheitsideale, die Frauen auf sich nahmen. Es gibt noch zahlreiche weitere, teils kaum vorstellbare Praktiken. Hier ein paar Beispiele:
Korsett
Vor allem im Bürgertum galt eine Frau mit Korsett als anständig und hatte bessere Chancen, eine gute Partie zu machen. Gleichzeitig stand das Korsett für Weiblichkeit und Erotik. Für den Körper hatte es jedoch gravierende Folgen: Es führte zu einer Rückbildung der Rumpfmuskulatur und zu einer Deformation der inneren Organe.
Die ersten Vorläufer des Korsetts gab es um die Mitte des 16. Jahrhunderts in Form enganliegender, geschnürter, aber noch nicht versteifter Mieder. Bis ins 18. Jahrhundert hinein sollten die Mieder den Oberkörper so formen, dass die Bekleidung glatt und faltenfrei blieb. Der Zweck einer engen Taille kam erst später. Wo zu einer gewissen Zeit auch Männer Korsetts trugen, etwa bei Militäruniformen, war es später ausschliesslich den Frauen beziehungsweise Mädchen vorbehalten. Die erste Schnürbrust gab es schon im frühen Alter von 12 Jahren.
Metall für Kriegsgüter
Von ihrem Leid erlöst wurden die Frauen aber nicht etwa nur wegen gesundheitlicher Bedenken oder der erstarkenden Frauenbewegung, sondern im Verlauf des Ersten Weltkrieges auch, weil immer mehr Frauen arbeiten mussten. Um das kostbare Metall für Kriegsgüter nutzen zu können, appellierte das US-amerikanische War Industries Board 1917 zudem an die Frauen, keine Korsetts mehr zu kaufen.
Füssebinden
Im elften Jahrhundert begann in China die Praxis des Füssebindens, die sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts hielt. Mädchen bekamen ab einem Alter von 6 Jahren ihre Zehen unter die Fusssohle gebunden, damit ihre Füsse möglichst klein und fein weiterwuchsen. Davor wurden die Knochen oftmals gebrochen. Diese schmerzhafte Praxis sorgte für zahlreiche deformierte Füsse von Frauen. Der sogenannte Lotusfuss sollte schlussendlich etwa 10 Zentimeter lang sein.
Neben einem Klumpfuss kam es zu zahlreichen Verletzungen, wie eingewachsenen Fussnägeln, infizierten Knochensplittern, verfaulter Haut und abgestorbenen Zehen. Durch die eingeschränkte Bewegungsfreiheit nahmen die Frauen ausserdem zu, was von den Männern aber als positiv wahrgenommen wurde.
Ohne Klumpfuss kein Ehemann
Angefangen hat das Ganze bei Tänzerinnen, deren Ziel eine elegante und erotische Ausstrahlung war. Anschliessend verbreitete sich diese Praxis unter den Frauen der chinesischen Oberschicht. Dort galten die kleinen Füsse als Symbol für Tugend und Anstand. Gleichzeitig standen sie für Prestige, da Frauen mit gebundenen Füssen keine körperlich schweren Arbeiten verrichten konnten. Aufgrund ihrer deformierten Füsse waren sie nur zu kleinen Schritten fähig und dadurch im Alltag stark eingeschränkt. Dies machte sie zudem in hohem Masse von ihren Männern abhängig.
Ab dem 18. Jahrhundert war das Füssebinden auch in den untersten Gesellschaftsschichten angelangt. Indem die Frauen von Kindheit an mit Schmerzen durchs Leben gingen, demonstrierten sie neben Weiblichkeit auch Disziplin. Die Praxis liess sich kaum umgehen, denn wer in der Zeit mit ungebundenen Füssen lebte, fand keinen Ehemann.
Während der Industrialisierung verschwand das Füssebinden zunehmend aus der Gesellschaft. Ein wichtiger Grund dafür war der steigende Bedarf an Arbeitskräften, da China gegenüber den USA, Europa und Japan konkurrenzfähig bleiben wollte. Auch feministische Bewegungen trugen dazu bei, dass die Praxis schrittweise abgeschafft wurde. Mit der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 wurde das Füssebinden schliesslich endgültig verboten.
Reifrock
Nicht nur das Korsett beengte die Frauen in der Vergangenheit. Neben zu engen Ärmeln von Jacken war es um 1900 normal, dass Frauen mehrere bodenlange Röcke übereinander trugen. Allein die Unterwäsche wog rund zweieinhalb Kilogramm. Gekrönt wurde das Ganze vom Reifrock, der die Rockschichten ablöste, die Situation aber nicht wirklich verbesserte. Mit dem Reifrock dauerte im Alltag alles länger, sei es das Treppensteigen, der Einstieg in die Kutsche oder das Übersteigen von Hindernissen.
Die besonders ausladenden Reifröcke waren für ihre Trägerinnen zudem eine Gefahrenquelle, denn sie waren nicht nur umständlich und nervtötend, sondern konnten im schlimmsten Fall sogar tödlich sein. In den beiden ersten Jahrzehnten der Mode kamen allein in England geschätzt etwa 3000 Frauen ums Leben, weil ihre Kleider in Brand geraten waren. Auch kam es immer wieder zu Unfällen, weil sich Säume der Bekleidung in Antriebsrädern von Kutschen und Maschinen verfingen.
Ein Ereignis wurde im «Daily Dispatch» in der Ausgabe vom 16. September 1861 beschrieben, schreibt der Spiegel: Bei einer Theatervorstellung geriet Tänzerin Cecilia Gale hinter der Bühne in Flammen. Ihr voluminöses Kleid fing an einer Gaslampe Feuer. Ihre Kolleginnen versuchten noch, sie aus dem Rock zu befreien, doch es gelang nicht. Sie gerieten ebenfalls in Brand. Das schockierte Publikum sah zu, wie an diesem Tag neun junge Frauen starben und weitere Menschen verletzt wurden.
In allen Schichten getragen
Das Gestell, das den Rock in seine ausladende Form brachte, war besonders im 19. Jahrhundert populär. Zunächst wurde der Reifrock aus Rosshaar, Leinen, Pfahlrohr oder Schilf gefertigt, später kamen Federstahlbänder zum Einsatz. Er wurde in allen Gesellschaftsschichten getragen, von der einfachen Arbeiterin bis hin zu Kaiserin Elisabeth von Österreich.
Blässe
Schönheit hiess im Mittelalter, extrem blass zu sein. Vor allem im 11. bis 15. Jahrhundert lag schneeweisse Haut in Europa im Trend. Um die Haut künstlich aufzuhellen, wurden Cremes hergestellt, was jedoch böse enden konnte: Die Cremes enthielten Stoffe wie Bleiweiss und Quecksilber. Dem Ideal eiferten auch Männer nach. Einfluss auf den Trend nach blasser Haut hatte später auch die englische Königin Elisabeth I. Die Folge der Aufhellungen: Bleivergiftungen, Hautirritationen und Haarverlust.
Zur noblen Blässe kam noch das Ideal einer haarlosen und glatten Haut. Auch dafür gab es Mittelchen, welche ebenfalls gefährliche Inhaltsstoffe wie Karbolsäure enthielten. Dazu zupften sich die Frauen die Haare aus dem Gesicht, auch um eine besonders hohe Stirn zu erhalten, was ebenfalls als schön galt. Sogar die Wimpern mussten daran glauben.
