Die Erfindung der Sächsischen Schweiz
Wie stark die Kunst mit der Entwicklung des Tourismus in den Alpen ab dem späten 18. Jahrhundert verknüpft ist, ist heute gut bekannt. Den kulturgeschichtlichen Hintergrund bildete die literarische und philosophische Entdeckung der Alpen. Die touristische Erschliessung folgte auf dem Fuss. Schriftsteller und Philosophen wie Salomon Gessner, Jean-Jacques Rousseau oder Immanuel Kant priesen die eindrückliche Gebirgslandschaft. Die Alpen wurden zur Projektionsfläche für das «Erhabene» und das «Ursprüngliche». Damit kultivierte man eine neue Verbundenheit mit der Natur. Sie ersetzte den Verlust eines unmittelbaren, bäuerlichen Bezugs infolge von Industrialisierung und Verstädterung.
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Das emotional geprägte Naturempfinden förderte eine entsprechende Kunstproduktion. Gemalte Landschaftsdarstellungen wurden ein beliebtes Genre. Für das bescheidenere Portemonnaie, vor allem aber zu Studienzwecken gab es Zeichnungen und kolorierte Holz- oder Kupferstiche. Um die vielfach schematischen schwarzweissen Drucke aufzuhübschen, wurden sie von Hand mit Wasserfarben koloriert. Daraus entstand das Geschäftsmodell der Schweizer Koloristenateliers. Sie dominierten den wachsenden Markt für farbige Reproduktionen, bis sie im 19. Jahrhundert von den Fotografen mit ihren realistischeren Darstellungen abgelöst wurden.
Besonders berühmt und finanziell erfolgreich war das 1750 gegründete Koloristenatelier des Berners Johann Ludwig Aberli. Denn Aberli hatte eine besonders effiziente Technik entwickelt, Umrisszeichnungen auch von weniger versierten Angestellten, ja sogar Kindern und Menschen mit Beeinträchtigungen kostengünstig kolorieren zu lassen. Bald sprach man in Kunstkreisen anerkennend von der «Aberlischen Manier». Technisch ist sie eine Vorform heutiger Malbücher für Kinder.
Bei Aberli ging unter anderem der St. Galler Adrian Zingg in die Lehre, bevor er in Paris Schüler des noch berühmteren deutschen Kupferstechers Johann Georg Wille wurde. In Paris kamen Zingg auch seine Kenntnisse und Erfahrungen mit den neuesten Trends in der touristisch vermarktbaren Schweizer Landschaftsdarstellung zugute. So fasste er rasch Fuss in der führenden Pariser Kunstszene.
Als man für die 1764 neugegründete kurfürstliche sächsische Kunstakademie in Dresden einen Kupferstich-Lehrer suchte, trat man zunächst an Zinggs Lehrer Wille in Paris heran. Doch der verspürte wenig Lust, Paris gegen die sächsische Provinz zu tauschen und schlug seinen besten Schüler vor: Adrian Zingg.
Auch Zingg lässt sich erst einmal bitten. Einerseits feiert er in Paris schon erste Erfolge als Kupferstecher. Zudem ist das Kurfürstentum Sachsen damals selbst für einen Nachwuchskünstler keine erste Adresse mehr. Die glanzvollsten Zeiten dieses Hofes sind vorbei. Nach der Niederlage im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) ist er geschwächt und hoch verschuldet. Die Neugründung der Dresdner Akademie durch Christian Ludwig von Hagedorn hat vor allem einen wirtschaftspolitischen Hintergrund: Man hofft auf dringend benötigte ökonomische Impulse, die sich durch die Förderung von Kunst und künstlerischem Gewerbe einstellen sollen. Schon damals sollte es also die «Kreativwirtschaft» richten.
Als Zingg nach erfolgreichem Lohnpoker 1766 die Stelle in Dresden annimmt, legt er auf dem Weg dorthin noch einen Zwischenhalt bei seinen Eltern in der Schweiz ein. Dort ergänzt er auf Bergwanderungen seinen Vorrat an Zeichnungen mit Schweizer Sujets. Wohl hofft er darauf, diese in Dresden auswerten zu können.
Doch es kommt anders. Zingg ist zunächst schockiert vom zerstörten Dresden. Vom «Elbflorenz», als das es dann 1802 Johann Gottfried Herder erstmals bezeichnen soll, ist nicht viel zu spüren. Einen spektakulären Eindruck von den Verwüstungen durch den Siebenjährigen Krieg mit Schauplätzen in ganz Europa vermittelt das Gemälde der in Trümmern liegenden Kreuzkirche des Venezianers Bernardo Bellotto (genannt Canaletto).
Die Geschichte von Bellottos Karriere in Dresden zeigt den trostlosen Zustand der dortigen Kunstszene und die harte Realität des damaligen Künstlerdaseins. Bellotto war von 1747 bis 1758 Dresdner Hofmaler gewesen. Ab 1764, also kurz vor Zinggs Ankunft, wurde er nur noch mit gekürztem Lohn im Fach Perspektive an der neuen Akademie angestellt. Daher zog Bellotto an den Zarenhof in St. Petersburg weiter, blieb aber unterwegs in Warschau hängen.
Für Adrian Zingg gehörte die Begegnung und Freundschaft mit einem Schweizer Kollegen, Anton Graff aus Winterthur, zu den Lichtblicken in Dresden. Als hervorragender Porträtist war Graff 1766, also zeitgleich mit Zingg, als Hofmaler mit Lehrauftrag an der Kunstakademie angestellt worden. Graff porträtierte Zingg 1796. Das eindrückliche Gemälde zeigt seinen Kollegen mit der Zeichenmappe als Unterlage für eine gerade entstehende Zeichnung. Zingg scheint in die Landschaft zu schauen und beschattet seine Augen mit der Hand mit der Zeichenfeder. Dass er tatsächlich in der Kleidung eines Höflings und mit Perücke wanderte, ist eher unwahrscheinlich. Graff illustriert so vor allem den Rang seines Kollegen.
Statt nun wie von ihm erwartet Kupferstiche von Gemälden aus den berühmten Dresdner Kunstsammlungen anzufertigen und so deren Ruhm zu mehren, entwickelte Zingg seine Landschaftskunst weiter. Alleine oder zusammen mit Graff entfloh er bei jeder Gelegenheit dem deprimierenden Dresden. Auf zahlreichen Wanderungen hielt Zingg systematisch das landschaftlich reizvolle Elbtal mit seinen Burgen und charakteristischen Felsformationen in Skizzenbüchern fest. Sie dienten als Grundlage für später ausgeführte detailliertere Zeichnungen oder Stiche. Manche Bildfindungen ähneln solchen von Zinggs Zeitgenossen, etwa den Höhlenausblicken Caspar Wolfs.
Mit diesen Landschaftsdarstellungen vermittelte Zingg die Attraktivität der Region. Zingg und Graff verwendeten überdies in ihren Briefen erstmals den Begriff der «Sächsischen Schweiz», um die pittoreske Landschaft zu bezeichnen, die sie an den Jura erinnerte. Vor Ort trug sie Bezeichnungen wie «Meissner Hochland».
Das Elbsandsteingebirge, geologisch gesehen eine Erosionslandschaft der Elbe, weckte bei Zingg in der Folge sehr produktive Heimatgefühle. Er wendete seine bisher erfolgreichen künstlerischen Rezepte aus der Schweiz nun einfach auf Dresdens Umgebung an. Seine Werkstatt organisierte er dabei nach dem Vorbild von Aberli in Bern. Seine Akademieschüler, die er regelmässig auch zu Exkursionen mitnahm, orientierten sich an seinen Entwürfen. Zunächst mussten sie diese kolorieren, kopieren oder zu Ideallandschaften neu kombinieren, wie das auch Zingg gepflegt hatte.
Zingg besann sich in Dresden auf seine Wurzeln zurück, statt wie in Paris Reproduktionen zu liefern. Er orientierte sich dabei zunehmend an der schon länger etablierten Miniaturmalerei, für die das Naturstudium, das detaillierte Zeichnen einzelner Pflanzenteile etwa, im Vordergrund stand. Zudem entwickelte er zu Unterrichtszwecken modulare Modelle für die Natur- und Landschaftsdarstellung, um vor allem Bäume oder Gebüsch realistisch und wirkungsvoll, aber auch zeichnerisch effizient darzustellen. Diese publizierte er in insgesamt drei Lehrbüchern mit Titeln wie Anfangsgründe für Landschaftszeichner.
Auch die kommerzielle Methode von Aberli verfeinerte er: Umrisszeichnungen, die als Stiche reproduziert wurden, liess von er von Hand wesentlich sorgfältiger kolorieren, was ihnen die Lebendigkeit von Originalen verlieh.
Nicht nur mit seinen Techniken, auch mit seinen Sujets aus der «Sächsischen Schweiz» prägte Zingg in den fünf Jahrzehnten seiner Dresdner Tätigkeit ganze Generationen von Schülern. Im Rückblick bereitete er damit das Terrain für die romantische Landschaftsdarstellung von heute wesentlich bekannteren Künstlern. Zu ihnen zählen Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus und Ludwig Richter.
Kritik vom Patensohn
Doch Adrian Zingg war nicht unumstritten. Seine besten Schüler kritisierten seine zur Manier erstarrten technischen und künstlerischen Kniffe, die sich etwa an seiner Vorliebe für Bäume und Büsche im Vordergrund zeigen. Ausgerechnet Zinggs Patensohn Ludwig Richter machte sich über seinen «gepuderten Paten» und dessen schablonenartige Blatt- und Baumformeln lustig. Die Romantiker suchte neuen Formeln für die Landschaftsdarstellung, die dem gefühligen Zeitgeist besser entsprachen. Sonnenuntergänge, Mondschein, einsame Wanderer, verliebte Paare und besondere Wetterverhältnisse wie Nebel oder Schnee sind ihre suggestiven Zutaten.
Zinggs künstlerischer Rang ist dennoch unbestritten. So wurde er schon 1769 zum auswärtigen Mitglied der Wiener Kunstakademie ernannt. Die Preussische Akademie der Künste in Berlin folgte 1787. 1803 wurde er endlich ordentlicher Professor an der Dresdner Kunstakademie. Als Zingg 1816 in Leipzig verstarb, sang der Thomanerchor an seinem Grab. Zingg hinterliess ein umfangreiches zeichnerisches Werk, das hauptsächlich in den bedeutenden graphischen Sammlungen von Dresden erhalten ist. Man bekommt es nicht nur aus konservatorischen Gründen im Original eher selten zu Gesicht, findet sie aber leicht in den Onlinesammlungen der Dresdner Museen. Zingg zählt nach heutigem Verständnis zu den Kleinmeistern, wozu nebst seinem Stil und seinem bevorzugten Medium auch das eingeschränkte Repertoire beigetragen hat. Sein Kunstgenre wurde ein Opfer der aufkommenden Fotografie.
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Der Begriff «Sächsische Schweiz», der von Adrian Zingg und Anton Graff in den 1770er-Jahren für ihr künstlerisches Schaffen erfunden worden war, wurde Anfang des 19. Jahrhunderts durch Wilhelm Leberecht Götzinger in grösseren Kreisen populär. Mit seinem Buch Schandau und seine Umgebungen oder Beschreibung der sogenannten Sächsischen Schweiz von 1804 hatte der Theologe ein Natur-, Geschichts- und Topographiebuch in Form eines sehr detaillierten Reiseführers veröffentlicht. Darin machte er sich für die Bezeichnung und Beibehaltung der Schweizer Bezeichnung stark. Diese passte nicht allen.
Doch die Publikation von Götzinger verbreitete sich unaufhaltsam und die «Sächsische Schweiz» setzte sich als Begriff immer mehr durch. Mit einem kurzen Unterbruch: Adolf Hitler und die Nationalsozialisten fanden die Bezeichnung einer deutschen Landschaft als «Schweiz» unpassend und schafften den Namen per Dekret ab. Das blieb aber eine Episode. Heute wird die Gegend als «Sächsisch-Böhmische Schweiz» touristisch vermarktet und ist ein auch bei Schweizern beliebtes Reiseziel. Auch dank Adrian Zingg.
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