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Schlammlawine: Forscher lüften Geheimnis von Murgängen

Der Illgraben im Normalzustand lässt erahnen, mit welcher Wucht sich Murgänge durch das Tal wälzen können. (Foto: Christoph Wetter)
Im Wallis konnte erstmals lückenlos vermessen werden, wie sich ein Murgang entwickelt.Bild: WSL / christoph wetter

Wie Schweizer Forscher das Geheimnis von Murgängen lüften konnten

Am Illgraben im Wallis konnte erstmals ein Murgang auf einer Länge von zwei Kilometern aufgezeichnet werden. Die Daten verraten, wie die Wellen entstehen und was passiert, wenn sie auf Wildbachsperren treffen.
04.06.2026, 19:1504.06.2026, 19:40

Schweizer Forschende haben erstmals einen Murgang von Anfang bis Ende verfolgt. Die am Illgraben im Wallis gewonnenen wissenschaftlichen Daten liefern neue Erkenntnisse darüber, wie sich gefährliche, meterhohe Wellen im Inneren des Schlamm- und Geröllstroms entwickeln.

Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) informierte am Donnerstag über die Messungen, zu denen es auch ein Video gibt (siehe unten).

Warum ist das wichtig?

Ein Murgang ist ein schnell talwärts fliessender Strom aus einem Schlamm-Geröll-Gemisch. Er entsteht in steilem, alpinem Gelände und wälzt sich mit enormer Wucht meist durch bestehende Bachbette ins Tal. Dabei können meterhohe Wellen entstehen, die sich schneller als der Rest talwärts bewegen.

Ein bekanntes und verheerendes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist der Murgang im Juni 2024 im Bavonatal im Kanton Tessin, der mehrere Todesopfer forderte. Rund 300'000 Kubikmeter Geröll stürzten mit dem Seitenbach Larecchia ins Tal. Der Schuttkegel begrub Teile des Weilers Fontana, zerstörte Häuser sowie die Strasse.

Ein besseres Verständnis der genauen Dynamik von Murgängen ist laut WSL entscheidend, um Schutzmassnahmen für gefährdete Gebiete präziser planen zu können. Daten über Murgänge würden üblicherweise nur punktuell erhoben, weil Messungen aufwendig und teuer sind. Um die Wellenentwicklung besser zu verstehen, brauchten die Forschenden aber Messungen entlang eines ganzen Murganges.

Wie konnte das gemessen werden?

Mehrere Murgänge pro Jahr

Der Illgraben bietet Forschenden die perfekte Ausgangslage. Denn dort gehen mehrmals pro Jahr Murgänge nieder – so häufig wie nur an wenigen Orten in Europa. Dies sei ein Glücksfall für die Forschung, heisst es von der WSL. Gebäude und Anwohner sind dabei nicht in Gefahr.

Die Forschenden installierten entlang des Bachbetts sogenannte Geofone. Das sind kleine Messgeräte, die Bodenerschütterungen aufzeichnen. Da unterschiedlich grosse Wellen und Gesteinsblöcke verschieden starke Erschütterungen verursachen, konnte das Team anhand der Daten den gesamten Murgang in Zeit und Raum rekonstruieren.

Das Zeitraffervideo zeigt, wie wellenartige, meterhohe Murgangsschübe mit 30 bis 50 Sekunden Abstand ins Tal donnern.Video: Vimeo/Christoph_Wetter_WSL

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?

Die im Fachblatt «Engineering Geology» veröffentlichten Daten zeigen, dass die Wellen klein beginnen und sich auf ihrem Weg ins Tal immer grösser auftürmen. Zudem stellten die Forschenden fest, dass auch der Entstehungsort der Wellen nicht stationär ist, sondern sich ebenfalls talwärts bewegt.

Wildbachsperre überrollt

Die Messungen zeigten auch, dass die Wellen nicht kleiner werden, wenn sie eine Wildbachsperre passieren. Diese Bauten dienen nicht dazu, die Fluten abzuschwächen, sondern primär dazu, die schlammigen Massen in eine bestimmte Richtung zu lenken und das Bachbett zu stabilisieren.

Grund zur Sorge sei das nicht, wird der Forscher im aktuellen WSL-Bericht zitiert, – zumindest nicht am Illgraben. Dort schütze die bestehende Infrastruktur die angrenzende Gemeinde gut. Wichtig sei die gewonnene Erkenntnis aber für Orte, an denen unmittelbar neben einem murgangführenden Wildbach ungeschützte Häuser stehen.

Klimawandel verschärft Lage

Die Gefahr durch Murgänge nimmt in der Schweiz infolge des Klimawandels tendenziell zu. Wissenschaftliche Analysen und Berichte von mehreren Bundesämtern zeigen auf, dass sich zwar nicht zwingend die absolute Häufigkeit von Murgängen im ganzen Land erhöht, jedoch deren Intensität und das mitgeführte Volumen an Schlamm und Geröll.

Untersuchungen weisen darauf hin, dass durch das Verschwinden kleiner Gletscher und das Permafrost-Auftauen neue Gefahrenherde entstehen. Murgänge und lokale Hochwasser sind wegen der Dynamik schwieriger zu prognostizieren, und die gefährdeten Zonen weiten sich aus.

Quellen

(dsc/sda)

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