Was macht unsere Kinder krank? Die falsche Suche nach dem Schuldigen
Die Jugendpsychiatrien sind voll, Kindergärtnerinnen und Lehrpersonen berichten von immer mehr verhaltensauffälligen Kindern. Über die Gründe, warum es Kindern und Jugendlichen zunehmend schlecht geht, herrscht Uneinigkeit, und es kursieren viele Theorien. Liegt es an Smartphones und sozialen Medien? An überbehütenden Eltern? Am Leistungsdruck? Oder an allem zusammen?
Die Debatte wird derzeit vor allem von zwei Thesen geprägt. Der US-amerikanische Sozialpsychologe Jonathan Haidt macht in seinem Buch «Generation Angst» Smartphones und soziale Netzwerke für die psychische Krise junger Menschen verantwortlich. Seine These trifft einen Nerv. Mehrere Länder diskutieren inzwischen Einschränkungen für die Nutzung sozialer Medien durch Kinder und Jugendliche.
Nun widerspricht Peter Gray, ein ehemaliger Weggefährte Haidts. In seinem neuen Buch «Restoring Childhood» schreibt er, die Krise sei keine Smartphone-Krise. Kinder würden vielmehr zu stark kontrolliert, von Erwachsenen vor Risiken geschützt und in starre schulische Strukturen gezwängt. Ihre zunehmende Hilflosigkeit sei auch eine Folge von Helikoptereltern.
Wer hat recht?
Vielleicht steckt der Fehler bereits in dieser Frage. Denn sie unterstellt, dass es eine zentrale Ursache geben müsse. Der Schweizer Kinder- und Jugendpsychologe Philipp Ramming hält eine solche isolierte Betrachtung für «Blödsinn». Auch die Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm warnt vor einfachen Kausalketten. Digitale Medien, Überbehütung, gestresste Familien, gesellschaftlicher Druck und düstere Zukunftsaussichten wirkten zusammen. Die Formel «Handy weg, Problem gelöst» greife deshalb zu kurz.
Ramming warnt zudem davor, psychische Beschwerden vorschnell mit klinischen Diagnosen gleichzusetzen. Im öffentlichen Diskurs konzentriere man sich stark auf jene Minderheit, der es tatsächlich schlecht gehe. Er spricht von 15 bis 20 Prozent der Jugendlichen. «Es stellt sich die zentrale Frage: Was machen denn die anderen 80 Prozent richtig, dass sie nicht krank werden?»
Das Smartphone: Ursache oder Symptom?
Damit ist Haidts These allerdings nicht widerlegt. Smartphones und soziale Netzwerke haben die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen tiefgreifend verändert. Ramming sieht die permanente Präsenz digitaler Medien als zusätzliche Belastung.
Auch der Zürcher Entwicklungspädiater Oskar Jenni fordert klare Grenzen. In den ersten 18 bis 24 Lebensmonaten sollten Kinder gar keine digitalen Medien nutzen, sagte er kürzlich im Tagesgespräch mit SRF. Und bis etwa 13 oder 14 Jahre sei ein Schutz vor sozialen Netzwerken sinnvoll.
Gleichzeitig könnte gerade der Blick auf die Bildschirmzeit vom eigentlichen Problem ablenken. Jenni beobachtet, dass hohe Bildschirmzeiten bei kleinen Kindern häufig weniger Ursache als Symptom familiärer Belastungen sind. Wo Eltern erschöpft und die Tage überladen sind, wird das Tablet schnell zum verfügbaren Babysitter. Das Gerät ist dann nicht unbedingt das Problem. Es ist möglicherweise das sichtbarste Zeichen dafür, dass in einer Familie etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Auch die Erwachsenen geraten dabei unter Druck. Stamm kritisiert die Flut von Erziehungsratgebern, Social-Media-Tipps und Eltern-WhatsApp-Gruppen. Jede Entscheidung lässt sich überprüfen, jedes Verhalten mit einer vermeintlich richtigen Norm vergleichen. Eltern können dadurch in eine paradoxe Situation geraten: Je mehr sie darüber wissen wollen, wie man Kinder richtig erzieht, desto unsicherer werden sie.
In der Rolle der Eltern treffen sich die unterschiedlichen Diagnosen: Ramming beobachtet einen «Entwertungsdiskurs», der Eltern das Vertrauen in ihre eigene Intuition nimmt. Aus Angst, ihrem Kind zu schaden, nehmen sie ihm Entwicklungsschritte ab. Stamm sieht dahinter eine falsch verstandene Bedürfnisorientierung. Jenni beobachtet einen wachsenden Anspruch an Eltern, möglichst keine Fehler zu machen.
Doch Kinder brauchen keine perfekten Eltern. «Kinder sind erstaunlich robust», sagt Jenni. Konflikte und Fehler gehörten zum Familienleben. Entscheidend sei ein warmes und verlässliches Grundklima. Stamm warnt deshalb davor, normales kindliches Verhalten vorschnell als Defizit zu interpretieren. «Nicht jede schwierige Phase braucht eine Diagnose. Und nicht jedes Problem einen Erwachsenen, der es löst», sagt Stamm. Wer einem Kind jedes Hindernis aus dem Weg räumt, nimmt ihm eine wichtige Erfahrung: dass es Hindernisse selbst überwinden kann.
Damit lautet die eigentliche Frage: Was müssen Kinder erfahren, damit sie sich in einer komplizierter gewordenen Welt zurechtfinden? Auch in dieser Frage liegen Ramming, Stamm und Jenni nahe beieinander. Ramming nennt als zentralen Begriff «Führung». Gemeint ist keine autoritäre Erziehung, sondern Erwachsene, die Verantwortung übernehmen und Grenzen setzen. Eltern müssten dabei auch aushalten, dass ihre Kinder protestieren und sie «kurzfristig nicht geliebt» werden.
Stamm spricht von «positiver Autorität»: Eltern sollten liebevoll und verfügbar sein, aber auch wissen, was sie wollen. Kinder müssten nicht ständig glücklich sein. Sie entwickelten sich auch durch Widerstand, Scheitern und Frustration.
Ramming plädiert deshalb für einen Wechsel von der reinen Bedürfnisbefriedigung zur Bedarfsorientierung. Kommt ein Kind mit einem Problem nach Hause, sollten Eltern es nicht reflexartig lösen. Eine bessere Frage sei: «Wie hast du das Problem gelöst?» Kinder brauchen Anleitung und Unterstützung, aber auch die Freiheit, Schwierigkeiten selbst zu bewältigen.
Nicht jedes Kind muss herausragend sein
Jenni setzt noch grundsätzlicher an: Kinder müssten weder schulisch noch sportlich oder sozial zu den Besten gehören. Entscheidend sei das Gefühl, dazuzugehören. Auch die Zürcher Langzeitstudien, bei denen über 1000 Kinder von der Geburt bis ins Erwachsenenalter begleitet wurden, weisen darauf hin: Für die spätere Lebenszufriedenheit sind stabile Beziehungen, psychisches Wohlbefinden, Geborgenheit und verlässliche Zuwendung wichtiger als Noten oder Intelligenz.
Die Debatte über Erziehung bekommt damit eine beinahe altmodische Wendung. Kinder brauchen Wärme und Akzeptanz, aber auch Führung und Freiheit. Sie brauchen Schutz, ohne dass ihnen jede Schwierigkeit abgenommen wird.
Auch in der Elternschaft werde zu sehr aufs Negative fokussiert. Jenni kritisiert eine öffentliche Debatte, die Kinder vor allem als Belastung erscheinen lässt: als teuer, anstrengend und schlafraubend. Gleichzeitig wächst der Anspruch, beim Erziehen möglichst keine Fehler zu machen. Vielleicht brauchen Familien deshalb nicht noch mehr Ratschläge, sondern mehr Vertrauen. So wie die Kinder die Gewissheit, geliebt zu sein – auch dann, wenn sie gerade nicht funktionieren, etwas leisten oder glücklich sind. (schweizheute.ch)
