Aus einer guten Idee wurde eine fatale Pseudowissenschaft
Als Franz Joseph Gall im August 1822 auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise zu Grabe getragen wurde, fehlte ein wichtiger Teil seines Leichnams: der Kopf. Einer seiner Schüler hatte, wie von Gall zu Lebzeiten verfügt, diesen Körperteil abgetrennt und den Schädel Galls eigener umfangreicher Sammlung hinzugefügt. Während diese heute zum grossen Teil im Rollettmuseum im österreichischen Baden aufbewahrt wird, liegt Galls Schädel im Musée de l'Homme in Paris.
Diese leicht morbide Anekdote zeigt, wie leidenschaftlich der Anatom wohl seinen Beruf ausgeübt hat. Der 1758 in Tiefenbronn bei Pforzheim geborene Gall, der in Strassburg studiert und in Wien promoviert hatte, trug Massgebliches zur Erforschung des menschlichen Gehirns bei. Bei der Sektion dieses Organs ging er anders vor als zeitgenössische Anatomen, die es meist in Scheiben schnitten: Er folgte behutsam der Faserstruktur und den Windungen des neuronalen Gewebes. So erkannte er den Unterschied zwischen den Funktionen der grauen Nervenzellmasse und der weissen, leitenden Hirnsubstanz und entdeckte zudem, dass die graue Substanz auch im Rückenmark vorhanden ist.
Alles Funktionen des Hirns
Vor allem aber vertrat Gall als einer der Ersten die These, Sprache, Kommunikation und Emotionen seien Funktionen des Gehirns – und nicht im Herzen angesiedelt. Und als einer der ersten Vertreter der Lokalisationslehre verortete er spezifische Funktionen in bestimmten Hirnarealen. Ihm wird die erste Beschreibung einer Aphasie zugeschrieben, die durch eine Kopfverletzung verursacht wurde.
Allerdings machte Gall in seiner zunächst Organologie oder Craniologie genannten Lehre Zuordnungen, die sich nach heutigem Kenntnisstand keineswegs halten lassen. Er glaubte, dass der Schädel sich während des Wachstums dem Gehirn anpasse, und begann, Theorien über den Zusammenhang zwischen der Grösse und Form des Schädels einerseits und Intelligenz sowie Emotionen andererseits zu entwickeln. Indem er den Schädel in Abschnitte unterteilte und jedem davon bestimmte Funktionen zuordnete, glaubte er, Persönlichkeit, Charakter und Begabung bestimmen zu können. Hier zeigte sich eine Verwandtschaft mit den Ideen des Zürcher Pfarrers und Philosophen Johann Caspar Lavater, der in seiner Theorie der Physiognomik lehrte, dass das Innere anhand des Äusseren zu erkunden sei. Eine krumme Nase, ein schiefer Mund deuteten demnach auf eine dunkle Seele.
Form follows Function …
Gall ging fälschlicherweise davon aus, das Gehirn bestehe aus einer Vielzahl von Einzelorganen, die voneinander unabhängig und lediglich lokal vereinigt seien. Jedes dieser 27 Hirnorgane sei für eine bestimmte Funktion oder Eigenschaft zuständig, etwa Vorsicht, Hoffnung oder Weisheit. Da überdies jedem dieser Einzelorgane aussen am Schädel eine bestimmte Erhabenheit entspreche, könne man aus der äusseren Form des Schädels auf das Vorhandensein und die Ausprägung der entsprechenden Funktionen und Charaktermerkmale schliessen. Hatte jemand etwa ein Talent für Mathematik und ein entsprechend ausgeprägtes Hirnareal, musste sich dies seiner Meinung nach als eine Art Beule im Schädel zeigen. Eine Wölbung über dem Auge wiederum zeugte laut Gall von Ortssinn. Heute ist allerdings längst klar, dass die Annahme, der Schädel gebe die Form des Gehirns wieder, ein Irrtum ist.
Der erfolgreiche Arzt, der in Wien eine Praxis betrieb, obduzierte fleissig Leichen und sammelte deren Schädel, vermass aber auch die Köpfe von Lebenden. Dafür hatte er eigens einen Apparat gebaut, den er den Testpersonen auf den Kopf setzte. Dessen Wölbungen drückten bewegliche Stifte durch ein Papier, wodurch ein Perforationsmuster entstand, das Gall dann interpretierte. Insassen von Gefängnissen und Irrenhäusern waren seine bevorzugte Klientel. Für seine Schlussfolgerungen vermochte er freilich keine stichhaltigen wissenschaftlichen Beweise zu erbringen. Und mit seinem materialistischen Ansatz, der auch eine Eigenschaft wie Moral in einer Hirnregion verortete, erregte er den Unmut der katholischen Kirche – obwohl er ganz oben im Kopf auch ein «Organ der Gottesverehrung» zu finden glaubte.
Ende 1801 untersagte daher Kaiser Franz II. dem schwäbischen Doktor, seine religionsgefährdende Lehre in Wien weiterhin öffentlich zu verbreiten. Vier Jahre später wurde Gall aus Österreich ausgewiesen; danach tingelte er durch Deutschland, wo er seine Lehre in Vorträgen propagierte. 1809 liess er sich dann in Paris nieder und erhielt zehn Jahre später die französische Staatsbürgerschaft. Bis zu seinem Tod 1828 hielt er weiterhin Vorträge und publizierte Bücher, in denen er seine Lehre darlegte.
Die Erfindung der «Phrenologie»
Seine Anstrengungen trugen Früchte: Zwischen 1820 und 1850 wurden in Europa und in den USA verschiedene phrenologische Gesellschaften gegründet. Der Begriff Phrenologie (von altgriechisch phrēn «Geist, Gemüt, Zwerchfell, Körpermitte, Seele») ging auf Galls Schüler und Assistenten Johann Spurzheim zurück, der den 27 Organen des Gallschen Modells eigene Erweiterungen hinzufügte, nachdem er sich mit seinem Lehrmeister überworfen hatte. Spurzheim propagierte die Phrenologie in England und in den USA, wo er 1832 während einer Vortragsreise an Typhus erkrankte und starb. Die Lehre fand schnell weitere Anhänger, die zudem dafür sorgten, dass die Zahl der Organe beständig weiter wuchs.
Eine Zeit lang boomte die Phrenologie, besonders in den angelsächsischen Ländern. Die Kopfform wurde zum Kriterium bei Berufsberatungen, Heiratswillige zogen bei der Partnersuche die Schädellehre zu Rate. Sammler massen unzählige Schädel auf der Suche nach Mustern, die persönliche Eigenschaften zeigen sollten. Als wissenschaftliche Theorie war die Phrenologie jedoch von Anfang an nicht unumstritten, auch wenn zu Beginn viele seriöse Wissenschaftler Galls Lehre vertraten.
Doch sie konnte nahezu keine empirische Begründung vorweisen. Zudem konnten sich die Phrenologen nie auf die Zahl der grundlegenden Organe einigen; sie schwankte zwischen 27 und mehr als 40. Auch zu Galls Lebzeiten war die grundlegende wissenschaftliche Methode schon dieselbe wie heute; Wissenschaftler sollten sich auch damals schon davor hüten, aus Scheinkorrelationen Kausalitäten abzuleiten. Ab etwa 1840 galt die Phrenologie in der Wissenschaft als widerlegt.
Im Dienste des Rassismus
Gleichwohl blieb sie zunächst populär, und Schriften, die sich auf sie bezogen, gehörten zu den meistgelesenen Werken der damaligen Zeit. Die Phrenologie wurde aber auch zur Rechtfertigung von Sklaverei und weisser Vorherrschaft benutzt: Weisse Anthropologen begannen die Schädel von anderen Ethnien zu vermessen – und kamen wenig erstaunlich stets zum Ergebnis, dass die Weissen den anderen überlegen seien. Die vermeintlich wissenschaftliche Phrenologie stellte damit rassistische Vorurteile als biologische Naturgesetze dar, quantifiziert durch Messungen von Schädelgrössen und Gesichtsformen. Später floss dieses Gedankengut direkt in die «Rassenforschung» der Nazis ein.
Auch einer der Begründer der modernen Kriminologie, der italienische Arzt Cesare Lombroso, zog die Phrenologie als Basis seiner Theorie heran. Er vermass zahlreiche Schädel, oft von Hingerichteten, und kam zum Schluss, dass Kriminelle als Verbrecher geboren würden und an ihrer Schädelform erkennbar seien. Seine Typisierung von Verbrechern anhand äusserer Körpermerkmale beeinflusste die Rassentheorie der Nazis ebenfalls.
Widerlegt und diskreditiert
Kein Wunder, dass die Phrenologie heute nicht nur als widerlegt gilt, sondern obendrein als diskreditiert. Es handelt sich um eine Pseudowissenschaft; moderne bildgebende Verfahren in der Neurologie haben längst gezeigt, dass es zwischen der äusseren Form des Schädels und der Moral und den kognitiven Fähigkeiten eines Menschen keinerlei Zusammenhang gibt. Immerhin zeigen diese Verfahren aber auch, dass Franz Joseph Gall eine wichtige und richtige Erkenntnis hatte: dass unsere Emotionen und Eigenschaften in der Tat im Gehirn ihren Ursprung haben.
Gall war der Erste, der Zusammenhänge zwischen bestimmten Regionen der Grosshirnrinde und spezifischen kognitiven Funktionen herstellte. Damit trug er dazu bei, die Grundlagen für die moderne Neurologie zu schaffen. Gall ebnete den Weg zur Erforschung des Gehirns – was ironischerweise zur Widerlegung seiner eigenen Theorien führen sollte. Die Geschichte seiner Schädellehre zeigt aber auch, welch schlimme Folgen eine wissenschaftliche Theorie haben kann, die für bösartige Zwecke benutzt wird.
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