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Professorin zu KI-Blase: «Alles gegeben, dass diese Blase platzt»

Interview

Professorin warnt: «Es ist alles gegeben, dass diese Blase platzt»

Billiges Geld, riesige Schuldenberge, ungebrochene Euphorie: Geschichtsprofessorin Laura Rischbieter sieht im KI-Boom Parallelen zu früheren Finanzblasen.
17.10.2026, 08:3717.10.2026, 08:37
Pascal Michel
Pascal Michel
Patrick marcolli
Kapitalismus-Kennerin
Laura Rischbieter, 49, ist seit 2024 Professorin für Geschichte des Kapitalismus an der Universität Basel.
Laura Rischbieter hat sich historisch mit Finanzblasen beschäftigt.Bild: Severin bigler/CH media

Die Welt fragt sich gerade, ob wir mit der rasanten Entwicklung der Künstlichen Intelligenz auf eine Finanzblase zusteuern. Und wann sie platzt. Wie lautet Ihre Prognose?
Laura Rischbieter: Für mich stellt sich zuerst die Frage, ob die KI-Blase überhaupt platzt.

Beginnen wir damit. Was bringt eine Blase zum Platzen?
Aus der Geschichte können wir ableiten, dass es verschiedene Voraussetzungen braucht. Eine ist die Höhe der Schulden, die KI-Firmen wie Anthropic oder OpenAI im Verhältnis zu ihren Gewinnen anhäufen. Da sieht es ziemlich schlecht aus.

Wieso?
Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich rechnet vor, dass die fünf grossen Tech-Unternehmen allein im letzten Jahr eine Billion Dollar Schulden aufgenommen haben, also 1000 Milliarden. Das ist eine gigantische Summe und entspricht dem Staatshaushalt Deutschlands.

Die Firmen investieren damit massiv in Rechenzentren. Und hoffen auf grosse Gewinne.
Ja. Aber ob sie diese Gewinne tatsächlich je einfahren können, ist fraglich. Wenn wir uns historische Finanzblasen anschauen, sehen wir ein weiteres Muster, das auch auf die heutige Situation zutrifft. Nicht nur die Verschuldung der KI-Firmen wächst gerade. Die Firmenkredite werden auch immer kurzfristiger vergeben. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Kreditausfallversicherungen. Es ist also auch am Finanzmarkt eine gewisse Skepsis da. Es gibt weitere typische Blasen-Elemente, die man aktuell beobachten kann.

Welche?
In den letzten 200 Jahren traten Blasen oft in einem Umfeld auf, in dem Kredite billig, also Leitzinsen tief sind. Das war auch bis vor Kurzem der Fall. Das Geld liegt also auf der Strasse. Gleichzeitig lahmt die Wirtschaft. Das heisst, die Investoren möchten diese günstigen Kredite nutzen. Aber eigentlich wissen sie gar nicht so richtig, wohin mit dem Geld. Das betrifft zum Beispiel institutionelle Anleger wie Pensionskassen.

Da kommen die Heilsversprechen der KI-Firmen gerade recht.
Genau. Es beginnt ein Wettlauf, eine regelrechte Euphorie entsteht. Diese ist ebenfalls ein typisches Merkmal einer Finanzblase.

Aktuell spricht also vieles dafür, dass die Blase irgendwann platzt. Nur wann?
Für Prognosen sind eigentlich die Ökonomen zuständig (lacht). Ich würde sagen: Es ist alles gegeben, dass diese Blase platzt. Wenn in den nächsten vier Jahren nicht richtig viele europäische und asiatische Firmen KI-Lösungen von Anthropic & Co. kaufen, dann wird es schwierig. Es gibt aktuell aber noch Entwicklungen, die stabilisierend wirken.

Zur Person
Laura Rischbieter, 49, ist seit 2024 Professorin für Geschichte des Kapitalismus an der Universität Basel. Sie studierte Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaften in Berlin. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte des Kapitalismus und die Geschichte von Finanzkrisen. (mpa)

Die da wären?
Die KI-Firmen haben sich untereinander Kredite gegeben. Und sie haben mit Chipherstellern langfristige Verträge abgeschlossen. Das kann eine gewisse Stabilität reinbringen. Es kann das Platzen der Blase vielleicht nicht verhindern, aber zumindest die Auswirkungen abmildern.

Wie meinen Sie das?
Wenn eine Blase platzt, muss daraus nicht unbedingt ein Schneeballsystem und eine Finanzkrise entstehen. Es kann auch zu einer Marktbereinigung führen. Ein Worst-Case-Szenario wäre hingegen, wenn Investoren aus verschiedenen Branchen und Banken weltweit gross investiert haben. Dann könnte das Platzen der KI-Blase sich zu einer grösseren Krise auswachsen.

Gibt es ein historisches Ereignis, das Sie an die KI-Blase erinnert?
Ich würde zwei herausgreifen. Einerseits den Eisenbahnboom am Anfang des 19. Jahrhunderts. Dort gab es ebenfalls eine Technologie, die sehr teuer war und sehr viel Infrastruktur benötigte. Gleichzeitig konnten die wenigen führenden Unternehmen den Bahnausbau gar nicht so schnell vorantreiben. Es fehlte an Arbeitern, es war ein Berg im Weg, das Wetter war schlecht und so weiter. Diese Blase platzte mehrfach.

Und das zweite Beispiel?
Das wäre die sogenannte Gründerkrise 1873. Weil es an Firmengründern und Investitionen fehlte, wischte man an vielen Börsenplätzen Regulierungen weg. Da die Zugangsbeschränkungen etwa zur Berliner Börse quasi abgeschafft worden waren, konnten nun alle, die wollten, sich beteiligen. Bei der Gründerkrise entstand die Euphorie aufgrund grosser Erwartungen unter anderem an das Baugewerbe, Eisenbahnen und eine Zukunftstechnologie, die Telegraphie. Zugleich handelte man an den Börsen vor allem die Wertpapiere von ganz wenigen Unternehmen, die in diesen Branchen engagiert waren. Es entstand ein «Klumpenrisiko», und die Euphorie führte zu einer gigantischen Kreditaufnahme. Beide Faktoren ähneln der gegenwärtigen Situation.

Was brachte diese Blase schliesslich zum Platzen?
Als eine grosse Bank in Wien dann bekannt gab, sie sei zahlungsunfähig, kollabierten in wenigen Stunden 120 Banken in Österreich-Ungarn. Die nun einsetzende Vertrauenskrise erfasste europäische und amerikanische Börsenplätze rasend schnell, da nun keiner mehr bereit war, die vielen offenen Kredite zu verlängern.

Welche Rolle spielen Regulierungen generell bei Blasen?
Es ist ein Phänomen, das wir bei früheren Ereignissen immer wieder nachweisen können: Vor einer Krise gab es entweder keine Regulierung. Oder sie wurde in den letzten Jahren zurückgefahren.

Bei KI gibt es kaum Anzeichen für griffige Massnahmen. Wo könnte man ansetzen?
Zum Beispiel bei der Transparenz. So könnte man die Bilanzen richtig einschätzen. Und man könnte sehen, wer wirklich wo investiert hat und wie hoch die Kreditausfallrisiken sein könnten.

Sie haben erwähnt, dass Blasen oft in Phasen mit billigem Geld entstehen. Gibt es eine Lektion aus der Geschichte für Zentralbanken? Wie sollen sie aktuell reagieren?
Vor der Weltwirtschaftskrise 1929 waren die Zinsen extrem tief, das Geld billig. Als immer mehr Spekulation aufkam, hob die amerikanische Notenbank den Diskontsatz, also die Zinsen für Wechsel an, mit denen sich Banken bei der Zentralbank Liquidität verschaffen können – das brachte die Blase schliesslich in New York zum Platzen. Der Rückblick zeigt, dass die Verantwortlichen sehr sensibel mit Zinsentscheiden umgehen müssen. Sie können mit Zinserhöhungen die Blase dämpfen und gewissermassen «die Kuh vom Eis» holen. Doch das braucht Fingerspitzengefühl. Das scheint auch die US-Notenbank gerade zu sehen. Sie agiert relativ umsichtig und hat den Zins zuletzt leicht angehoben. Obwohl Donald Trump das Gegenteil fordert.

Kapitalismus-Kennerin
Laura Rischbieter, 49, ist seit 2024 Professorin für Geschichte des Kapitalismus an der Universität Basel.
«Wenn in den nächsten vier Jahren nicht richtig viele europäische und asiatische Firmen KI-Lösungen von Anthropic & Co. kaufen, dann wird es schwierig», sagt die Expertin.Bild: Severin bigler/CH media

Kommen wir zu einer anderen Lehre aus einer Finanzkrise, jener von 2008. Damals kam man zur Einsicht, dass systemrelevante Banken mehr Eigenkapital brauchen. Aktuell kocht diese Debatte wieder hoch bei der UBS. Begrüssen Sie mehr Eigenmittel?
Ich finde es bemerkenswert, wie entschieden die Schweiz jetzt versucht zu regulieren. Die Grösse der UBS steht tatsächlich im Missverhältnis zur Schweizer Volkswirtschaft. Es ist eigentlich eine Ohnmachtssituation. Ich sehe nicht, dass mit der vorgesehenen Regelung der Bank die Geschäftsgrundlage entzogen würde.

Wird uns das auch helfen, wenn die KI-Blase tatsächlich platzt?
Das wissen wir aktuell nicht. Es hängt davon ab, wie stark die UBS bereits in diesem Feld investiert.

Hat die Zahl der Finanzblasen und Finanzkrisen eigentlich über die Zeit zugenommen?
Ja, in ihrer Häufigkeit, aber nicht unbedingt in ihrer Schwere. Im 19. Jahrhundert gab es sieben. Allein in den letzten 30 Jahren dagegen zähle ich acht.

Was sind die Gründe dafür?
Zuerst muss man verstehen: Die innere Logik des Kapitalismus lautet, in der Gegenwart Schulden aufzunehmen, um in der Zukunft Gewinne zu machen. Darin ist er sehr erfolgreich. Allerdings folgt dieses Wachstum nicht einer linearen Kurve, sondern es gibt immer wieder Einbrüche auf dem Weg nach oben. Diese Zyklen sorgen regelmässig für ein Umfeld, in dem es geringes Wirtschaftswachstum bei gleichzeitigem Investitionsbedarf gibt. Das führt dann zu Bubble-Situationen.

Ist der Kapitalismus also über die Zeit anfälliger für Krisen geworden?
Die Schwankungen haben etwas zugenommen. Das hat mit der sogenannten Finanzialisierung zu tun: Damit ist gemeint, dass wir immer mehr auf Finanzdienstleistungen zurückgreifen, etwa durch Kreditkarten oder Konsumkredite. Damit steigt das Risiko von Krisen.

Man könnte auch sagen, es gibt nur dort Blasen, wo es neue Technologien und Innovation gibt. Kann man Blasen also auch etwas Positives abgewinnen?
Man könnte sich hier auf den bekannten Ökonomen Joseph Schumpeter beziehen. Dieser sagte, Innovation bringe die Wirtschaft voran. Völlig zurecht. Gleichzeitig bringt Innovation «kreative Zerstörung», wie Schumpeter meinte. Altes wird von Neuem weggefegt. Die Frage ist nun, ob es dafür eine ausgewachsene Finanzkrise braucht – oder ob eine Marktbereinigung ausreichend wäre.

Gerade weil der Kapitalismus regelmässig Krisen produziert, will ihn die Linke überwinden. Noch immer steht im Parteiprogramm der Schweizer Sozialdemokraten: Der Kapitalismus soll durch eine «Demokratisierung der Wirtschaft letztlich überwunden werden». Lässt sich der Kapitalismus «überwinden»?
Ich bin überrascht, dass das da steht. Mein Eindruck war, dass die linken Parteien kaum mehr über die Abschaffung des Kapitalismus diskutieren. Was sie wollen, sind starke Gewerkschaften, Sozialleistungen, gute Löhne und Renten – und nicht das ganze System abschaffen. Aber klar: Alles kann zu Ende gehen, auch der Kapitalismus. Die Frage ist, ob es realistisch ist.

Ist es das?
Ich halte ein Ende des Kapitalismus für unwahrscheinlich. Das System ist zu attraktiv für die Mehrheit der Menschen, als dass sie sich wirklich daraus verabschieden möchten. Das hängt auch mit dem Versprechen zusammen, die Zukunft bewirtschaften zu wollen. Ich sehe das bei meinen Studierenden: Sie haben sich einen Lebenslauf zurechtgelegt, der auf die Zukunft getrimmt ist. Es geht darum, dass man später dies und das erreicht. Davon will sich, glaube ich, niemand lösen. Es gibt aber schon Entwicklungen, die das Versprechen des Kapitalismus sabotieren, etwa der Siegeszug der Oligarchen.

Die sind allerdings nie sehr lange erfolgreich, oder?
Wirtschaftlich sind sie meist schon erfolgreich. Doch mittelfristig bringen sie den Volkswirtschaften, in denen sie leben, wenig. Sie können jedenfalls politischen Einfluss nehmen. Das sehen wir gerade in den USA. Ich bin mir nicht sicher, ob wir als demokratische Gesellschaften längerfristig solche Figuren wie Elon Musk aushalten können. Aber auch ihn wird der Kapitalismus wohl überleben.

(schweizheute.ch)

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