Globaler «KI-Ausverkauf»? Tech-Aktien brechen ein – das sind die Gründe
Von einem Einbruch zu sprechen, ist für einmal nicht übertrieben: In der Nacht auf Donnerstag verbuchten die asiatischen Aktienmärkte ein deutliches Minus.
So verlor der südkoreanische Kospi-Index 7,7 Prozent. In Japan gab der Nikkei-Index fast 5 Prozent nach, und in China fiel der Schanghai-CSI-300-Index um 1,8 Prozent – laut Financial Times der tiefste Stand seit August 2025.
Die «Schuldigen» sind schnell gefunden: Es sind die KI- respektive Tech-Aktien, die besonders stark einbrachen. Verschiedene Wirtschaftsmedien sprechen deshalb von einem «globalen KI-Ausverkauf». Der südkoreanische Halbleiterhersteller SK Hynix verlor fast 11 Prozent, Samsung Electronics mehr als 9 Prozent. Auch Softbank, ein japanischer OpenAI-Investor, fiel um fast 10 Prozent, beim Hardwareproduzenten Kioxia waren es über 11 Prozent.
In Asien und insbesondere in China könnte der Ausverkauf durch grosse institutionelle Anleger getrieben sein. Es handle sich um eine Umschichtung bei grossen Investoren wie Versicherungsunternehmen aus China, so ein Assetmanager gegenüber der «Financial Times». Diese müssten bei einem rückläufigen Markt verkaufen.
Zugleich legten sicherere Anlagen wie Anleihen wieder zu. Dies, nachdem die Anleihenmärkte nun schon mehrere Monate arg unter Druck standen. Die Renditen auf US-Staatsanleihen und solche aus Japan sanken am Mittwoch leicht – ein Zeichen dafür, dass sie wieder mehr nachgefragt werden (Renditen von Anleihen verhalten sich invers zu deren Preis).
«Die Anleger reduzieren derzeit ihr Risiko und lenken so viel Geld wie möglich in sichere Anlagen um», lässt sich ein anderer Assetmanager bei der US-Nachrichtenagentur Bloomberg zitieren. Man beobachte eine «recht starke, typische Risikoaversion».
Verluste in den USA gingen voraus
Den vergleichsweise starken Verlusten an den asiatischen Märkten gingen am Mittwoch solche in den USA voraus: Der US-amerikanische Tech-lastige Index Nasdaq fiel um 2 Prozent und auch der S&P 500 gab um über 1 Prozent nach. Bereits am Dienstag begann in den USA der Verlust bei Tech-Aktien. Als möglicher Auslöser wird von einigen Medien wie dem «Wall Street Journal» eine Aussage des CEOs von Broadcom, ein Halbleiter- und Softwareunternehmen aus Kalifornien, wonach viele KI-Investoren «keine Ahnung» hätten, «worin sie genau investieren». Er verglich den KI-Markt deshalb mit einem Casino.
Ebenso wie in Asien traf es in den USA die Halbleiterhersteller, die heute finanziell eng untereinander sowie mit den grössten KI-Giganten und -Investoren verbandelt sind, am stärksten. Laut «Wall Street Journal» verlor der US-amerikanische PHLX Semiconductor Index, der die 30 grössten Halbleiter-Unternehmen abbildet, innert sechs Tagen rund 10 Prozent. Als Grund dafür wird unter anderem die Entwicklung neuartiger Chips aus China genannt.
In Europa schienen die Aktien derweil (noch) unbeeindruckt: Die Börsen sowohl in Grossbritannien, Frankreich und Deutschland als auch hierzulande stagnierten oder konnten am Mittwoch leicht zulegen.
Inflationsängste und semi-überzeugende KI-Gewinne
Allerdings: Die grossen Bewegungen gehen bekanntermassen von den USA aus. Und dort gibt es Grund zur Sorge. Einerseits waren das am Mittwoch die neusten Zahlen zur US-Inflation: Sie lag im September bei 3,7 Prozent und damit höher als von Experten erwartet. Das ist einerseits durch die wieder höheren Öl- und Dieselpreise zu erklären, die durch den nicht abreissenden Krieg im Iran weiter stark unter Druck bleiben.
Zugleich waren es insbesondere die Zahlen zur Kerninflation, die höher lagen als erwartet. Bei der Kerninflation werden stark schwankende Preise wie Energie- und Nahrungsmittelpreise herausgerechnet. Laut Wall Street Journal seien es diese Preissteigerungen, die den Investoren am meisten Angst machten. Der Grund: Sie bestätigen die Befürchtung, dass sich die höheren Energiepreise endgültig in anderen Bereichen wie den Transportkosten niederschlagen. Das würde bedeuten, dass die Inflation hartnäckiger und langfristiger ausfällt als erhofft.
Das wiederum führte am Mittwoch dazu, dass die Erwartungen an eine weitere Zinserhöhung durch die US-Notenbank Fed stark anstiegen. Zeitweise lag die Wahrscheinlichkeit (gemäss Reaktionen von Marktteilnehmenden) für eine Zinserhöhung bereits beim nächsten Fed-Entscheid Ende Oktober bei über 50 Prozent. Diese Wahrscheinlichkeit ist mittlerweile wieder leicht gesunken, sie liegt mit 40 Prozent aber dennoch deutlich höher als vor den neusten Inflationszahlen.
Gleichzeitig bleibt der Druck auf die KI-Unternehmen aus den USA enorm hoch. Die Frage, ob sich die gigantischen Investitionen in die KI-Infrastruktur auszahlen werden, schwelt derzeit über allem. Geht es nach den meisten Experten, darunter jüngst der Internationale Währungsfonds (IWF), überwiegen die Zweifel daran.
Das zeigt sich unter anderem am Umstand, dass die eigentlich extrem guten Wachstums- und Gewinnzahlen vieler KI-Firmen nicht mehr gut genug sind. Gegenüber Bloomberg sagt es eine Investment-Strategin so:
Hinzu kommt, dass viele Unternehmen extrem komplexe Finanzierungskonstrukte aufgebaut haben. Das macht einige Anlegerinnen und Investoren nervös, da bei Firmen wie Meta die wahre Verschuldung ein Stück weit verschleiert bleibt. Die KI-Unternehmen Coreweave und Oracle, die massiv in KI-Infrastruktur investierten, denen man aber eine zunehmend riskante Finanzierungsstrategie attestiert, verloren denn mit 15 beziehungsweise 9 Prozent auch am meisten.
Wie geht es weiter?
Ob der Ausverkauf diese Woche weitergehen wird, oder ob Stimmen, die jetzt den grossen Knall sehen, Recht behalten werden, wird sich heute und in den nächsten Tagen noch zeigen müssen. Eine wirkliche Entspannung deutet sich jedoch (noch) nicht an: Am Donnerstag tendierten auch die europäischen Aktien zu Handelsbeginn schwächer. Sowohl der europäische Stoxx 600, der britische FTSE 100, der deutsche DAX, der französische CAC 40 als auch der spanische Ibex liegen bis zum Mittag leicht im Minus. Und in den USA deuteten die Aktien-Futures auf erneute Verluste bei den Technologiewerten hin, wobei die Nasdaq-100-Futures um 1 Prozent nachgaben. Nur der Schweizer SMI startete am Donnerstag höher als am Mittwoch – scheint nun aber gegen Mittag ebenfalls etwas nachzugeben.
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