DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Der Vormarsch der Bullshit-Jobs

Nur wer die neue Technik beherrscht, hat Chancen auf einen guten Arbeitsplatz. Den anderen bleiben schlecht bezahlte Dienstleistungsjobs, Unterschichts-TV und Videogames.
20.04.2014, 17:0425.03.2020, 22:46
No Components found for watson.rectangle.

Eines der am heftigsten diskutierten Sachbücher des vergangenen Herbstes hat der amerikanische Ökonome Tylor Cowen geschrieben. Es trägt den Titel «Das Mittelmass ist vorbei» («The Average is Over»). Sein Inhalt lässt sich wie folgt zusammenfassen:

«Wir werden viele Yoga-Lehrer mit Doktortitel haben.»
Tylor Cohen

Der Quantensprung in der IT wird zu einer neuen Elite in der Arbeitswelt führen. Nur wer in der Lage ist, mit intelligenten Maschinen zusammenzuarbeiten, wird künftig noch einen anständigen Arbeitsplatz haben. Höchstens 20 Prozent werden diese Hürde schaffen. Alle anderen werden ein Problem haben. Sie müssen sich mit relativ schlecht bezahlten Jobs im Dienstleistungsbereich zufrieden geben und die Drecksarbeiten für die neue Elite verrichten. Sie werden also Chauffeur, Bodygard, Butler, Baby- oder Hundenanny, etc. Auch diese Jobs werden umkämpft sein und selbst ein Universitätsabschluss ist keine Garantie für eine anständige Arbeit. «Wir werden viele Yoga-Lehrer mit Doktortitel haben», spottet Cowen.

Cowen prophezeit für die meisten Erwerbstätigen eine düstere Zukunft. Sie werden sich künftig in einem prekären Arbeitsmarkt von Aushilfsjob zu Teilzeitprojekt hangeln – oder ganz ausscheiden. «In erschreckendem Ausmass werden erwachsene Männer den Arbeitsmarkt verlassen – oder werden hinauskatapultiert», stellt er fest. «Die grössten Rückgänge bei der Teilnahme im Erwerbsleben kann man bei jungen Männern beobachten, nicht bei Rentnern.» Brutal und vereinfacht ausgedrückt sagt Cowen Folgendes: Junge Menschen stehen vor der Wahl. Entweder sind sie fähig, mit smarten Maschinen Arbeiten mit hoher Wertschöpfung zu verrichten, oder sie sind dazu verdammt, ihr Leben mit Videospielen und schlecht bezahlten Dienstleistungsjobs oder einer schäbigen Staatsrente zu verbringen.

«Die grössten Rückgänge bei der Teilnahme im Erwerbsleben kann man bei jungen Männern beobachten, nicht bei Rentnern.»
Tylor Cohen

Cowens Prognose wird vor allem im konservativen Lager der Sozialwissenschaften weitgehend geteilt. Auch die Politik beginnt, sich darauf einzustellen. So war die Unterscheidung zwischen «Makers» und «Takers», sprich: Unternehmer und Sozialhilfeempfänger, ein wichtiges Thema im US-Wahlkampf 2012. Auch der deutsche Soziologe und Trendforscher Norbert Bolz spricht davon, dass der grösste Teil der Erwerbstätigen dank immer intelligenter werdenden Maschinen schlicht überflüssig und die Wirtschaft nur noch auf eine Designer-Elite angewiesen sein wird.

No Components found for watson.rectangle.

Die beiden Oxford-Ökonomen Carl Frey und Michael Osborne haben gar berechnet, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass ihr Job in den nächsten 20 Jahren von einem Roboter erledigt wird. Als Physiotherapeut sind Sie demnach auf der sicheren Seite. Die Wahrscheinlichkeit, durch eine Maschine ersetzt zu werden, liegt bei 0,3 Prozent. Als Pilot hingegen müssen Sie sich schon ernsthafte Sorgen machen. Dort liegt die Wahrscheinlichkeit bereits bei 55 Prozent. Als Buchhalter schauen Sie sich am besten schon jetzt nach einem neuen Job um. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 94 Prozent.

Das erste Flugzeug der Gebrüder Wright, 1900.Bild: Gamma-Keystone
Wie sicher ist Ihr Job?
Die beiden Ökonomen Carl Frey und Michael Osborne haben ausgerechnet, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass einzelne Berufe von der Computerisierung verdrängt werden. Die Resultate finden Sie in der Grafik.

Buchtipp

Philipp Löpfe und Werner Vontobel: «Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt – Eine Abrechnung»
Inhaltsangabe: Finanzkrise, Wachstumskrise, Eurokrise, Staatskrise? Der Krisen ist kein Ende, und das weltweit. Und doch propagieren viele Politiker und Ökonomen unverdrossen das Modell einer globalisierten Wirtschaft, obgleich dieses System so deutlich wie nie zuvor mehr Verlierer als Gewinner produziert. Dieses Buch ist die kritische Abrechnung zweier renommierter Journalisten und Ökonomen mit einem Wirtschaftssystem, das das wichtigste Kapital der Menschheit beschädigt: nämlich die Fähigkeit, die Gesellschaft so zu organisieren, dass möglichst viele gut in ihr leben können.
Das Buch ist erhältlich bei books.ch

Lange verbreitete der Begriff «Outsourcing» unter den gut bezahlten Erwerbstätigen in den Industrieländern Angst und Schrecken. Darunter versteht man das Auslagern von arbeitsintensiven Jobs in Billiglohnländer. Im Zeitalter der digitalen Revolution ist Outsourcing eine Option, die an Bedeutung verlieren wird. Nicht mehr Chinesen, sondern Maschinen erledigen die Arbeit. Gleichzeitig wird die Arbeit durch die um sich greifende Gratiskultur entwertet. Wir bewegen uns daher auf paradoxe Verhältnisse zu: Dank einer immer leistungsfähigeren Wirtschaft können wir immer mehr Güter und Dienstleistungen in hoher Qualität zu immer günstigeren Preisen kaufen. Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Doch immer weniger Menschen werden Zugang zu diesem Überfluss haben, weil sie keine anständige Arbeit mehr erhalten.

Animiertes GIFGIF abspielen
Gif: Giphy
Animiertes GIFGIF abspielen
Gif: Giphy

In ihrem Buch «The Second Machine Age» befassen sich die beiden MIT-Forscher Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee (siehe Folge 1) ebenfalls mit diesem Paradox. Sie kommen zu folgendem Schluss: «So wie der technische Fortschritt Ungleichheit erzeugen kann, kann er auch Arbeitslosigkeit herbeiführen. Theoretisch kann dies sehr viele Menschen betreffen, selbst die Mehrheit der Bevölkerung, und das kann selbst dann eintreffen, wenn der gesamtwirtschaftliche Kuchen grösser wird.»

Der Ethnologe David Graeber ist als Vordenker der Occupy-Bewegung und als Sozialwissenschaftler mit seinem Buches «Schulden» international bekannt geworden. Auch er hat sich mit dem Überfluss-Paradox befasst und ist dabei auf die «Bullshit-Jobs» gestossen. Darunter versteht er Arbeiten, die mehrheitlich der Überwachung und Kontrolle von anderen Erwerbstätigen dienen und nicht der Mehrung des Wohlstandes. «Einige Ökonomen schätzen, dass rund ein Viertel aller amerikanischen Erwerbstätigen mit Überwachungsarbeiten beschäftigt ist – Eigentum bewachen, Arbeitnehmer kontrollieren oder sonst dafür sorgen, dass ihre Mitbürger keinen Unsinn anstellen», schreibt Graeber in seinem neuen Buch «The Democracy Project». «Wirtschaftlich gesehen sind diese Tätigkeiten reine Verschwendung. Tatsächlich sind die meisten ökonomischen Innovationen der letzten 30 Jahre mehr politisch als wirtschaftlich sinnvoll.»

«Wirtschaftlich gesehen sind diese Tätigkeiten reine Verschwendung. Tatsächlich sind die meisten ökonomischen Innovationen der letzten 30 Jahre mehr politisch als wirtschaftlich sinnvoll.»
David Graeber
No Components found for watson.rectangle.

In einem Artikel des Onlinemagazins «Strike» hat Graeber diesen Gedanken noch weiter ausgeführt. Ausgehend von der Tatsache, dass immer mehr produktive Jobs von Maschinen ausgeführt werden, kommt er zum Schluss: «Die so gewonnene Zeit wird nicht zu einer Reduktion der Arbeitszeit benützt oder dazu, dass die Menschen ihre eigenen Projekte, Visionen und Ideen verwirklichen können. Stattdessen sehen wir, wie der Dienstleistungssektor aufgebläht wird, sei es in der Verwaltung oder in der Schaffung von neuen Bereichen im Finanzwesen, Telemarketing oder der historisch einmaligen Ausdehnung von Unternehmensrecht, Gesundheitsadministration, Personalwesen und Public Relations. Das sind Tätigkeiten, die ich als ‹Bullshit-Jobs› bezeichne.»

März 1940: Der englische Ökonom Keynes,« der inoffizielle Wirtschaftsberater Grossbritanniens», plant eine Kriegsfinanzierung, die ruinösen wirtschaftlichen Konsequenzen ausweichen soll.
März 1940: Der englische Ökonom Keynes,« der inoffizielle Wirtschaftsberater Grossbritanniens», plant eine Kriegsfinanzierung, die ruinösen wirtschaftlichen Konsequenzen ausweichen soll. Bild: Picture Post

Das Überfluss-Paradox hat bereits den bedeutendsten Ökonomen den 20. Jahrhundert beschäftigt, John Maynard Keynes. Schon in den 1930er Jahren kam er in seiner Schrift «Die ökonomischen Möglichkeiten für unsere Enkel» zum Schluss, dass der technische Fortschritt dazu führen wird, dass künftige Generationen höchstens 15 Stunden pro Woche arbeiten müssten, um ein «gutes Leben» zu führen. Keynes lag grundsätzlich richtig. Trotz den gewaltigen Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg würden heute in den entwickelten Länder eine Arbeitszeit von rund 25 Stunden pro Woche ausreichen, um den bestehenden Wohlstand zu sichern. Voraussetzung dazu ist, dass die Arbeit gleichmässig auf alle Erwerbstägigen verteilt wird.

Nach dem Krieg nahm die Produktivität der Wirtschaft rasch zu. Parallel dazu sanken die Arbeitszeiten. Obwohl die Produktivität dank dem technischen Fortschritt weiter zunahm, kam die Verkürzung der Arbeitszeit in den 1970er Jahren ins Stocken. In den meisten Industrieländern hat sich die 40-Stunden-Woche etabliert. Robert Skydelsky, Ökonomieprofessor und Autor einer legendären Keynes-Biographie, stellt in seinem zusammen mit seinem Sohn verfassten Buch «Wie viel ist genug» fest: «Das zentrale Rätsel bleibt: In der reichen Welt geht es uns materiell heute fünf Mal besser als in den 1930er Jahren. Aber unsere durchschnittliche Arbeitszeit ist seither bloss um einen Fünftel gefallen.»

«Der Kapitalismus hat einen unvergleichlichen Fortschritt bei der Schaffung von Wohlstand erzielt. Aber er hat uns auch unfähig gemacht, diesen Wohlstand zivilisiert zu benützen.»
Robert Skydelsky

Auch Skydelsky weist auf das sich abzeichnende Paradox der globalisierten Wirtschaft hin. «Der Kapitalismus hat einen unvergleichlichen Fortschritt bei der Schaffung von Wohlstand erzielt», stellt er fest. «Aber er hat uns auch unfähig gemacht, diesen Wohlstand zivilisiert zu benützen.»
Die Wirtschaft kann dieses Paradox nicht auflösen.

Deshalb befasst sich der dritte Teil der Serie mit den Auswirkungen des technischen Fortschritts auf die Gesellschaft.

(Gestaltung: Anna Rothenfluh)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

4 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4
Aus diesem Grund können wir uns nicht selbst kitzeln

Schon Charles Darwin war davon überzeugt: Ein Mensch kann nur gekitzelt werden, wenn er den Punkt der Stimulation vorher nicht kennt. Aus diesem Grund könne sich ein Kind auch nicht selbst kitzeln. Mit dieser Theorie lag Darwin richtig.

Zur Story